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StartseiteGesichter EuropasEs fährt kein Bus nach Nirgendwo05.10.2019

Nahverkehr in LissabonEs fährt kein Bus nach Nirgendwo

Plötzlich hat das regierende portugiesische Linksbündnis unter António Costa das Thema Verkehrswende entdeckt. Günstige Tickets sollen die Lissabonner nun in Busse und Bahnen locken. Doch solange die nicht aufeinander abgestimmt sind, werden die Menschen noch lange an Haltestellen stehen müssen.

Von Tilo Wagner

Menschen stehen an einer Bushaltestelle in Lissabon (Imago)
Wann der Bus kommt, weiß man in Lissabon oft nicht so genau: Verschiedene Informationsquellen und Portale spucken widersprüchliche Abfahrtzeiten aus (Imago)
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Verkehr in Portugal Auf dem Abstellgleis

In einem kleinen Büro in der Lissabonner Innenstadt versuchen Marta Carvalho und Mário Alves herauszufinden, wann der nächste Bus fährt. Sie tippen auf dem Smartphone herum und suchen Verbindungen auf dem PC. Die beiden engagieren sich in einem der wenigen Bürgervereine, die sich in Portugal für nachhaltige Mobilität einsetzen. Und dazu gehört seit vielen Jahren auch die Idee, ein preiswertes Regionalticket für den Großraum Lissabon zu schaffen. Nun hat die sozialistische Landesregierung endlich die nötigen Mittel bereitgestellt, um die Kommunen bei der Finanzierung zu unterstützen.

"Das hat alles auch damit zu tun, dass es jetzt plötzlich 'in' ist, über grüne Maßnahmen nachzudenken. Plötzlich scheinen alle zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes beitragen zu wollen. Und dadurch fangen alle endlich an, über Mobilität und die Rolle des öffentlichen Nahverkehrs nachzudenken. Wir haben mit unserem Bürgerverein seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten, vergeblich für ein solches Regionalticket gekämpft. Und jetzt plötzlich haben Leute, die über Macht und Einfluss verfügen, den nötigen Druck auf die lokalen Behörden ausgeübt, damit das jetzt umgesetzt wird." 

Sechs Fahrkarten für eine Strecke

Davon profitiert auch Marta Carvalho, die jeden Tag mit Bus oder Metro in den Bürgerverein fährt, wo sie halbtags angestellt ist. Im Großraum Lissabon sind über ein Dutzend unabhängige, teilweise private Unternehmen für den öffentlichen Nahverkehr zuständig. Ein Fahrgast braucht unter Umständen sechs verschiedene Fahrkarten, um eine Strecke im Lissabonner Einzugsgebiet zurückzulegen. Nach der Tarifreform können die Fahrgäste für einen Fixpreis von 40 Euro pro Person oder 80 Euro pro Monat für eine ganze Familie alle öffentlichen Verkehrsmittel im Großraum Lissabon benutzen, also in einem 3.000 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet mit fast drei Millionen Einwohnern.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Portugal wählt - Mit der Klapperkiste in den Aufschwung". 

Die Wende in der Mobilität, sagt Carvalho, werde nun versucht, nachdem der öffentliche Nahverkehr zu Zeiten der EU-verordneten harten Sparpolitik zu Beginn des Jahrzehnts stark gelitten habe.

"Früher gab es schon einmal den Versuch, zumindest den Lissabonner U-Bahn- und Busbestrieb unter einem Dachverband zusammenzuschließen. Dadurch konnte alles viel besser koordiniert werden. Doch zur Zeit der Troika ist der Verband aus irgendwelchen Gründen zerschlagen worden. Zudem gab es im öffentlichen Nahverkehr massive Einsparungen. Und das hat sich sofort auf die Qualität ausgewirkt. Es haben Ersatzteile gefehlt, Fahrzeuge waren kaputt und wurden nicht repariert, es zirkulierten viel weniger Busse und Bahnen und das führte zu viel längeren Wartezeiten. Die Folgen sind noch heute zu spüren."

Auf gut Glück zur Bushaltestelle

Wann jetzt der Bus fährt, wissen die beiden Aktivisten immer noch nicht. Verschiedene Informationsquellen und Portale spucken widersprüchliche Abfahrtzeiten aus – da hilft nur ein alt bewährtes Mittel: Sie laufen auf gut Glück zur nächsten Bushaltestelle. Dort hängen keine Fahrpläne, sondern elektronische Tafeln mit den Ankunftszeiten der gelben Busse. So genau dürfe man das aber nicht nehmen, sagt Carvalho. Zeiten und Wegstrecken könnten immer wieder ganz plötzlich verändert werden.

Carvalho zeigt auf der Tafel auf die Buslinie, die sie eigentlich in ihr Wohnviertel fahren sollte, rund sechs Kilometer nordwestlich gelegen. Doch die Endhaltestelle ist nun vorverlegt worden. Wahrscheinlich sei wieder mal ein anderer Bus ausgefallen, vermutet die studierte Anthropologin. Also wählt sie Plan B: Mit dem Bus zur Metro, und dann weiter nach Hause.

Im Bus zieht Carvalho ihre neue Monatskarte über einen Scanner. Die deutliche Reduzierung der Tarifpreise hat, wie erwünscht, zunächst zu einem deutlichen Anstieg der Fahrgastzahlen geführt. Doch die Verkehrsbetriebe seien darauf nur schlecht vorbereitet gewesen, sagt Mário Alves, der jahrelang am Imperial College in London zum Thema Mobilität gelehrt hat.

"Die Regierung hat den städtischen Verkehrsbetrieben Geld in die Hand gedrückt. 60 Prozent sollten in die Fahrpreis-Reduzierung fließen; und 40 Prozent in Ausbau und Modernisierung der Flotte. Davon hat man nichts gespürt. Ich hoffe, dass ab dem nächsten Jahr die Qualität der Verkehrsbetriebe langsam zunimmt." 

Denn überfüllte Busse und lange Wartezeiten, so Verkehrsexperte Alves, würde nicht nur die neuen Fahrgäste verprellen, sondern auch diejenigen, die schon früher Bus und Bahn gefahren sind.

Mehr soziale als ökologische Maßnahme

Außerhalb der Stoßzeiten ist von Chaos in Lissabon nichts zu spüren. Im Bus bleiben viele Sitze leer, die U-Bahn füllt sich an einem Verkehrskotenpunkt auf der Hauptstrecke auch nach achtminütiger Wartezeit nur mäßig. Jeden Tag rollen immer noch über 350.000 Pkw in die Hauptstadt. Ohne deutliche Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr, sagt Marta Carvalho, lasse sich vor allem die Mittelschicht nicht überzeugen, das Auto stehen zu lassen.

"Familien aus sozial schwächeren Verhältnissen, die etwas außerhalb im Großraum Lissabon leben, kaufen jetzt natürlich die Monatskarte. Deshalb ist das hier vor allem eine soziale Maßnahme. Aber es bleibt fraglich, ob damit eine Mobilitätswende eingeleitet werden kann. Es muss viel mehr getan werden, damit die Leute vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen."

Das kann noch Jahre dauern – und die regierenden Sozialisten tragen eine Teilschuld. Sie haben das Ende der Sparpolitik verkündet, Gehaltskürzungen und Zusatzsteuern aus den Krisenzeiten abgeschafft - aber trotzdem das Haushaltsdefizit deutlich gesenkt: Dieser Spagat war nur möglich, weil die öffentlichen Investitionen auf einen historischen Tiefstand zurückgefahren wurden – natürlich auch bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben.  

In der Lissabonner Metro sind sich Marta Carvalho und Mário Alves einig: Die subventionierten Monatskarten für den öffentlichen Nahverkehr sind vor allem auch eine politische Maßnahme, um rechtzeitig vor den Wahlen am 6. Oktober bei einem großen Teil der Bevölkerung zu punkten.

Bezahlbarer Nahverkehr, bezahlbarer Wohnraum

Kurz außerhalb des Lissaboner Stadtbezirks steigen die beiden Verkehrsexperten aus. Von hier aus nimmt Marta Carvalho immer noch einen Bus nach Hause. Seit einiger Zeit sucht die 35-jährige mit ihrem Ehemann nach einem Eigenheim. Theoretisch wäre es nach der Preissenkung im öffentlichen Nahverkehr nun möglich, an den Rändern des Großraums Lissabon zu suchen, wo Immobilien noch bezahlbar sind.

"Ich frag mich manchmal, wie die Preissenkung finanziert wird – ich weiß nicht, ob das gut geht. Ich weiß nicht, wie lange ich nur 40 Euro für die Monatskarte zahlen muss. Nehmen wir an, ich kaufe jetzt 50 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt eine Wohnung. Dann wechselt die Regierung oder es kommt die nächste Krise - und es ist kein Geld mehr für die Subventionierung der Monatskarte da. Was mache ich dann?"

Nach einer Viertelstunde Wartezeit gibt Carvalho auf. "Der Bus kommt nicht mehr", sagt sie. "Ich gehe zu Fuß."  Sie verschwindet zwischen den Apartmentblocks. Kurz bevor auch Mário Alves seinen restlichen Heimweg antritt, verweist er noch auf ein Grundproblem der Politik, das sich in der Debatte um nachhaltigere Mobilität wieder zeige – er hält es für eine portugiesische Besonderheit: "Uns Portugiesen fehlt manchmal der lange Blick, die Vision. Wir segeln immer dem nach, was wir gerade am Horizont sehen. Und das erlaubt es den Politikern, sich immer an die Bedürfnisse der Gegenwart anzupassen."  

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