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StartseiteCampus & KarriereMangelhafte Digitalisierung verschärft soziale Ungleichheit23.06.2020

Nationaler Bildungsbericht 2020Mangelhafte Digitalisierung verschärft soziale Ungleichheit

Der Nationale Bildungsbericht 2020 zeigt, dass in Deutschland noch immer eine überzeugende Strategie für Bildung in der digitalisierten Welt fehlt. Das trifft Schülerinnen und Schüler aus ärmeren Familien besonders hart. Die Opposition sieht sich in ihrer Kritik an der Bildungspolitik bestätigt.

Von Christiane Habermalz

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Schüler sitzen in einer Reihe und lernen mit Laptops. (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)
Probleme bei der Digitalisierung verstärkten die ohnehin schon vorhandene soziale Ungleichheit im Bildungswesen (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)
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Für viele Eltern und Lehrer dürfte nach den vergangenen Monaten der Befund des Nationalen Bildungsberichts im Bereich der Digitalisierung wenig überraschend klingen. In vielen Schulen und Hochschulen, so das Fazit der Bildungsexperten, ist die technische Ausstattung noch unzureichend, und es besteht ein hoher Bedarf, Pädagogen in digitalen Anwendungen zu qualifizieren. 

"In allen Bildungsbereichen durchdringen digitale Medien in einem rasanten Tempo den Alltag. Trotz dieser rasanten Verbreitung digitaler Medien bleibt ihr Einsatz in vielen Bildungseinrichtungen weiter hinter den außerinstitutionellen Lernkontexten zurück," betonte Kai Maaz, Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung, in dessen Verantwortungsbereich der Nationale Bildungsbericht alle zwei Jahre von einem unabhängigen Autorenteam erstellt wird.

Anja Karliczek (r, CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, und Stefanie Hubig, Ministerin für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz und Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), stellen den nationalen Bildungsbericht "Bildung in Deutschland 2020" vor. (pciture alliance/dpa - Kay Nietfeld/dpa) (pciture alliance/dpa - Kay Nietfeld/dpa)Kommentar: Wer braucht diesen Wälzer eigentlich noch?
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Zugang zu digitalen Medien von sozialer Herkunft abhängig

Die Daten, die in den Bericht eingeflossen sind, stammen zwar noch aus der Vor-Corona-Zeit – doch in den vergangenen Wochen seien die Defizite wie in einem Brennglas offenkundig geworden. In den vergangenen Wochen habe sich zwar eine große Dynamik entwickelt – doch noch immer fehle eine überzeugende und abgestimmte Strategie für die Bildung in einer digitalisierten Welt, so das Fazit der Experten. Und die Probleme bei der Digitalisierung verstärkten die ohnehin schon vorhandene soziale Ungleichheit im Bildungswesen – unter anderem, weil bereits der Zugang zu digitalen Medien von der sozialen Herkunft abhängig sei.

"Wir haben weiter Bildungsbedarfe formal gering qualifizierter Menschen, und die Ausstattung mit digitalen Medien ist eine zentrale Aufgabe die für den Um- und Ausbau des Bildungssystems sowohl aus einer Perspektive der Infrastruktur, als auch der Software, also Lernplattformen etc. auch angegangen werden muss."

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Je näher die Sommerferien rücken, desto dringender wird die Planung des nächsten Schuljahrs. Wie können die Schulen dann wieder öffnen und welche Rolle muss digitaler Unterricht spielen? Ein Überblick.

Dass es bei der Digitalisierung noch viel Luft nach oben gibt, weiß auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek:

"Eins haben wir alle miteinander festgestellt, dass wir noch nicht ganz so weit sind wie wir es uns vorgenommen hatten oder wie wir gerne gewollt hätten."

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Positiver Trend: Bildungssystem ist durchlässiger geworden

Daneben machten die Bildungsforscher mehrere Trends aus. Positiv: Das deutsche Bildungssystem ist durchlässiger geworden. Es ist leichter denn je, zwischen den Schulformen und Ausbildungsstufen zu wechseln. Dagegen steht: Nachdem jahrelang der Bildungsstand in der Bevölkerung immer weiter gestiegen ist, ist diese Entwicklung nun gestoppt oder sogar rückläufig. Das heißt, weniger Schülerinnen und Schüler als in den Jahren zuvor streben das Abitur oder ein Studium an. Weiterhin ist der Bildungserfolg stark von der sozialen Herkunft abhängig.

Und der Anteil derjenigen, die ohne Schulabschluss die Schulen verlassen, wird größer. Seit 2013 ist er laut Bericht von 5,7 auf 6,9 Prozent im Jahr 2018 gestiegen. Eine Entwicklung, die alarmbereit mache, erklärte Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz:

"Wir müssen sehen, ob das eine Trendwende ist, oder eine Stagnation auf höherem Niveau, aber ganz klar ist, dass wir schon jetzt daran arbeiten müssen, um hier jungen Menschen die Abschlüsse zu ermöglichen, die sie erreichen können."

Karliczek: Modernes Leben mit Familie und Beruf ermöglichen

Als weitere Herausforderung für die Zukunft formulierte der Bericht die noch immer nicht vollständig ausgebaute Ganztagsbetreuung an Grundschulen – wie dies im Koalitionsvertrag vereinbart ist. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) kündigte an, hier nun zügig vorankommen zu wollen – eine Arbeitsgruppe sei eingesetzt, um Umsetzungspläne bis zum Ende der Sommerferien vorzulegen.

"Das Innovationsland wie Deutschland muss allen Eltern die Sicherheit bieten, dass sie ihre Kinder bis zum 10. Lebensjahr betreuen lassen können. Ein modernes Land braucht auch selbstverständliche Rahmenbedingungen für ein modernes Leben mit Familie und Beruf."

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Grüne: Schulsystem brauche digitales Update

Die Opposition im Bundestag sieht sich durch den Bericht in ihrer Kritik an der Bildungspolitik bestätigt. Der Bericht zeige, dass Deutschland einen immensen Nachholbedarf bei der Bildungsgerechtigkeit habe und das Schulsystem dringend ein digitales Update brauche, erklärte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckhardt. Der FDP-Bildungspolitiker Thomas Sattelberger warnte angesichts des lückenhaften Fernunterrichts der vergangenen Wochen, die nächsten drei Monate würden über eine ganze Bildungsgeneration entscheiden. Corona sei jetzt die rote Lampe für Bund und Länder. 

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