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Nationalismus als neue Bedrohung

Es gibt keine Nation! Wenn es sie doch gibt, dann ist sie das Produkt von mystischen Fiktionen, die nationalistische Ideologien überall auf der Welt durchherrschen. Ergo: weil der Nationalismus mit seinen Mystifikationen der Heterogenität jeder Gesellschaft widerspricht, wird der Nationalismus früher oder später undemokratisch, intolerant und gewalttätig. Der bekannte Literat Mario Vargas Losa schreibt auch politische Essayistik - vielleicht nicht ganz so gute. Neben dem religiösen Fundamentalismus betrachtet Llosa in der vorliegenden Sammlung von politischen Aufsätzen aus den Jahren 1993 bis 1999 den neuerwachten Nationalismus in Europa, besonders in Spanien, in Jugoslawien, in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion oder der dritten Welt etwas arg schematisch als größte Gefahr für Demokratie und Freiheit. Llosa schildert den neuen Konflikt als den großen soziokulturellen und politischen Kampf zwischen einem demokratisch pluralen und individualistischen Liberalismus, der rational und global denkt, und einem autoritären, gleichschaltenden Nationalismus, der von Fiktionen und Vorurteilen lebt. Nach dem Untergang des Faschismus und dem Niedergang der kommunistischen Welt übernimmt nicht ein Konflikt zwischen den Kulturen die Rolle des alten Ost-West-Gegensatzes, wie es Samuel Huntington Mitte der neunziger Jahre in seinem berühmten Buch The Clash of Civilazations drohend ausmalte. Statt dessen erkennt Llosa in den nationalistischen Bewegungen weltweit zunehmende Gemeinsamkeiten, die insgesamt die moderne Welt bedrohen.

Hans-Martin Schönherr-Mann | 05.02.2001
    Der Nationalismus, selbst in seiner gemäßigten demokratischen Form, basiert auf einem Kollektivismus, der das Individuum nur als sein Produkt und seinen Diener versteht - als Rädchen im Getriebe -, der die Frau unterdrückt und verdinglicht als biologische Produktionsmaschine von Nachwuchs zum Zweck der Verewigung der Nation. Einer globalen pluralistischen Entwicklung der Kultur verweigert er sich und insistiert auf einer einheitlichen Nationalkultur.

    Dieser bescheinigt Llosa besonders triste Effekte. Nichts Bleibendes habe sie je hervorgebracht. Was das Denken angeht, so spiele der Nationalismus notorisch in der zweiten Liga. Intellektuell erfolgreicher können nun mal irrationale Dogmen - beispielsweise der Kollektivismus - und metaphysischer Essentialismus nicht sein, der sich mit einer eingebildeten Identität bzw. Einheitlichkeit der Nation begnügt. Berufen könne sich der Nationalismus dabei bestenfalls auf die - allerdings ebenfalls zweitklassigen - deutschen Philosophen Fichte und Herder. Letzterer aber weise perspektivisch eher in eine pluralistische Richtung.

    Politisch bescheinigt Llosa dem Nationalismus - sicherlich ebenfalls zurecht - nicht gerade Intelligenz. Gleichgültig ob linke oder rechte Nationalisten - da macht Llosa keinen Unterschied -, anstatt ihr Volk in individuelle Freiheit und globale Zusammenarbeit mit anderen Völkern zu führen, vertiefen sie die Gräben um das von ihnen beherrschte Staatsgebiet: mit dem Erfolg der ökonomischen Verarmung und der kulturellen Austrocknung. Sie wollen lieber der Kopf einer Maus sein als der Schwanz eines Löwen. Diesem vielleicht etwas zu scharf gezeichneten Bild des Nationalismus stellt Llosa vor allem im letzten Aufsatz des Sammelbandes einen in sich sehr widersprüchlichen Liberalismus entgegen. Er hätte keine Dogmatik, beruhe aber auf den Prinzipien der politischen und ökonomischen Freiheit. Er will nicht neoliberal sein, weil man nicht halb- oder pseudoliberal sein könne. Entweder man ist für die Freiheit oder gegen sie. Aber muss man um der Freiheit willen nicht auch Kompromisse schließen - gerade als Liberaler? Die Marktwirtschaft erscheint Llosa als die natürlichste Wirtschaftsform. Aber was hat moderne Ökonomie mit Natur zu tun? Von der Globalisierung erhofft sich Llosa die Verbreitung des Liberalismus, nicht bloß die Ausbreitung der Herrschaft einer Handvoll von Konzernen. Na, hoffentlich!

    Es drängt sich der Eindruck auf, Llosa möchte gar nicht liberal die Konflikte des letzten Jahrhunderts fortschreiben. Der Liberalismus hat sich in dieser Zeit erfolgreich seiner Feinde entledigt. Warum sollte er das nicht siegreich fortsetzen? Kann man wirklich nur auf radikale Weise liberal sein? Ist es nicht liberaler wirklich undogmatisch nach sozialem Ausgleich zu suchen - also auch die eigenen Vorlieben mal zur Disposition zu stellen? Von der ETA, von Milosevic oder Haider muss man nichts Gutes erwarten. Aber ginge es liberal nicht eher darum, Nationalisten dazu zu bewegen, ihren Frieden mit der demokratischen Gesellschaft und der pluralistischen Kultur zu machen, als ihnen notorisch bösen Willen zu unterstellen?