
Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen. In Israel ist das Gedenken anders ausgerichtet: Jom HaShoa, der "Gedenktag für den Holocaust und jüdisches Heldentum", orientiert sich zeitlich am Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943. Damit rückt Israel etwas ins Bewusstsein, was im deutschen Gedenken oft untergeht: Jüdinnen und Juden haben sich gegen den Nazi-Terror gewehrt.
Der Mythos der "passiven Juden"
Der Aufstand im Warschauer Ghetto ist eines der bekanntesten Beispiele jüdischen Widerstands und wurde lange Zeit als singuläres Ereignis wahrgenommen. Dies liege einerseits daran, dass die meisten, die von diesem oder ähnlichen Aufständen hätten berichten können, ermordet wurden, sagt der Historiker und Holocaustforscher Stephan Lehnstaedt. Andererseits hätten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs viele Deutsche den Widerstand für sich beansprucht.
Zu Unrecht, denn der jüdische Widerstand sei größer gewesen als der nichtjüdische. In der öffentlichen Wahrnehmung stünden aber deutsche Widerstandsgruppen wie die Weiße Rose im Zentrum der Erinnerung, während jüdische Widerstandskämpfer und -kämpferinnen oftmals in Vergessenheit geraten seien, sagt der Jurist und Publizist Achim Doerfer.
Auch jüdische Intellektuelle wie Hannah Arendt prägten den Mythos der "passiven Juden", sagt Achim Doerfer, der ein Buch zum Thema jüdische Rache veröffentlicht hat. Arendt wird teilweise zugeschrieben, mit ihrem Bild von der "Totalität des Bösen" und der "vermeintlichen jüdischen Passivität" in den 1960er-Jahren die öffentliche Wahrnehmung maßgeblich beeinflusst zu haben.
Dabei hätte Arendt nicht weit fahren müssen, um jüdische Widerstandskämpfer zu finden, meint Doerfer: nur wenige Kilometer von ihrer Wohnung in der Upper West Side nach Brooklyn. "Da hätte sie dann einen Schneider gefunden, der im Widerstand war, der johlend unter dem Tor von Buchenwald durchgefahren ist, in dem Mercedes des ehemaligen KZ-Aufsehers."
Laut Doerfer ist die Erinnerung an Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit stark durch eine Opfer-Ikonografie geprägt. Vor allem Bilder von Kranken, Hungernden und Sterbenden seien im kollektiven Gedächtnis verankert worden, während Darstellungen von Partisanen oder jüdischen Soldaten in den Armeen der Alliierten wenig Beachtung fanden. Dabei kam es in mindestens 50 osteuropäischen Ghettos und drei Konzentrationslagern zu bewaffnetem Widerstand.
Der vergessene Aufstand im KZ Auschwitz-Birkenau
Am 7. Oktober 1944 brach während des Häftlingsappells die länger geplante Revolte im KZ Auschwitz-Birkenau aus. Einige Dutzend Häftlinge des Sonderkommandos, die zu ihrer Ermordung abgeholt werden sollten, griffen die SS mit Äxten und Steinen an. Andere setzen das Krematorium in Brand. Einige durchbrachen sogar den Stacheldraht, erinnert sich die Zeitzeugin Anna Heilmann, die für das Sonderkommando Schwarzpulver aus einer Munitionsfabrik geschmuggelt hatte.
Etwa 100 Häftlingen des Sonderkommandos gelang zunächst die Flucht. Sie töteten im Verlauf drei SS-Angehörige und verwundeten zwölf weitere schwer. Zwölf Häftlinge flüchteten 600 Meter weit und verschanzten sich in einer Scheune, um bis zum Ende bitteren Widerstand zu leisten.
Der Aufstand wurde vom sogenannten Sonderkommando im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau organisiert: jüdischer Häftlinge, die dazu gezwungen wurden, die Ermordeten aus den Gaskammern zu ziehen, ihnen die Goldzähne auszureißen, die Haare abzuschneiden und in Massengräbern zu vergraben.
Für die grausame Aufgabe wurden ihnen bestimmte Privilegien versprochen. Meist wurden die Mitglieder des Sonderkommandos im Anschluss von den Nationalsozialisten ermordet. Von 2300 Juden, die zwischen 1942 und 1945 im Sonderkommando von Auschwitz gearbeitet haben, überlebten nur 110 den Holocaust.
Bereits ab 1943 regte sich unter den Häftlingen des Sonderkommandos Widerstand. Dies wurde vor allem auf die Einweisung französischer und polnischer Juden ins KZ Auschwitz zurückgeführt. Unter den neu internierten Häftlingen befanden sich viele mit Erfahrung in der Widerstandsarbeit. Einige waren in der Vorkriegszeit in Polen als Kommunisten verfolgt worden, andere hatten im besetzten Frankreich im Widerstand gekämpft.
Die Gruppe, die aus einem Dutzend Männern bestand, hatte sich zum Ziel gesetzt, die Vernichtungsanlagen zu zerstören und dabei so viele SS-Aufseher wie möglich zu töten.
Die Häftlinge bauten ihre Waffen mithilfe von Schmuggelware. Vor allem inhaftierte Frauen, die in der Munitionsfabrik arbeiteten, beteiligten sich an der Beschaffung. Unter Lebensgefahr schmuggelten sie Schwarzpulver aus dem Betrieb für das Sonderkommando. Daraus stellten die Mitglieder des Sonderkommandos anschließend Granaten her.
Bei der Niederschlagung des Aufstandes kam es zu einem Blutbad. Die Revoltierenden hatten keine Chance. Innerhalb weniger Stunden gewann die SS die Kontrolle über das Konzentrationslager zurück. 451 von 600 Häftlingen des Sonderkommandos wurden erschossen. Die Mehrzahl gehörte nicht zu den unmittelbaren Aufständischen, sondern wurde im Rahmen von Vergeltungsmaßnahmen ermordet.
Nachdem die Gestapo herausgefunden hatte, woher das für den Aufstand verwendete Schwarzpulver stammte, wurden mehrere Frauen verhaftet, verhört und gefoltert. Am 6. Januar 1945, drei Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee, wurden die KZ-Häftlinge und Widerstandskämpferinnen Rosa Robota, Ala Gertner, Regina Safirsztajn und Ester Wajcblum wegen ihrer Beteiligung am Aufstand erhängt. Trotz wochenlanger Folter hatte keine von ihnen weitere Frauen verraten.
Der geringe Erfolg der Aktion und das Ausmaß der Verluste waren für die Beteiligten eine bittere Enttäuschung. Zugleich erfüllt es die Überlebenden mit Stolz, dass sich Jüdinnen und Juden nicht widerstandslos in den Tod treiben ließen.
Frauen im jüdischen Widerstand
Nicht nur beim Aufstand in Auschwitz spielten Frauen eine Schlüsselrolle, sondern auch in den Widerstandsbewegungen in Litauen, Polen, Frankreich und vielen anderen besetzen Ländern. Vor allem sie sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten, meint Historiker Lehnstaedt.
Dabei übernahmen Frauen viele Aufgaben, von Kurierfahrten bis hin zum Waffenschmuggel. "Warum? Weil Frauen nicht beschnitten sind", so Lehnstaedt. Wurden sie aufgegriffen, konnten sie daher nicht so leicht als jüdisch identifiziert werden. Viele jüdische Frauen waren zudem vor der Shoah stark assimiliert und führten ein emanzipiertes Leben: Sie studierten, arbeiteten, waren gebildet und hatten mehr Kontakt zur nichtjüdischen Bevölkerung.
Als die Nationalsozialisten am 13. April ins Warschauer Ghetto einmarschierten, um es aufzulösen und die Menschen ins Konzentrationslager zu deportieren, hatten sie nicht mit Widerstand gerechnet. Schon gar nicht von jüdischen Frauen, bewaffnet mit Molotowcocktails. Am Aufstand beteiligten sich etwa 750 Jüdinnen und Juden. Rund 500 von ihnen gehörten linken Bewegungen an, und fast 200 waren Frauen, sagt Judy Batalion, die zu jüdischem Widerstand forscht.
Zwar wurde der Aufstand im Warschauer Ghetto nach einem Monat niedergeschlagen und das Ghetto bis auf die Mauern niedergebrannt. "Dennoch wurde er zum Vorbild für jüdische Aktionen auch in anderen Ghettos und Konzentrationslagern", sagt Lehnstaedt, über die man heute deutlich weniger wisse. Wenige Monate nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto wurde auch in den Vernichtungslagern in Treblinka, Sobibor und Auschwitz rebelliert.
Jüdischer Widerstand war vielfältig
Der Widerstandsgedanke ist in der jüdischen Geschichte tief verwurzelt. Juden mussten sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder zur Wehr setzen. Die jüdischen Partisanengruppen während der NS-Zeit schöpften ihre Kraft auch aus Erzählungen über früheren jüdischen Widerstand, etwa der Verteidigung der Wüstenfestung Masada oder dem Aufstand gegen die römische Besatzung, von der im Alten Testament berichtet wird.
Der jüdische Widerstand gegen den Nationalsozialismus umfasste nicht nur bewaffnete Aktionen. Jüdische Gefangene widersetzten sich in den Ghettos auch, indem sie für Bildung ihrer Kinder sorgten, ihre Kultur bewahrten und die Verbrechen der Nazis dokumentierten.
Alex Alberto Herrera, ein griechischer Jude, der ebenfalls dem sogenannten Sonderkommando zugeteilt war, machte heimlich Aufnahmen der Leichenberge im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und leistete damit aktiv Widerstand. Die Kamera hatte Herrera höchstwahrscheinlich dem Besitz deportierter Menschen entnommen.
"Die Idee des Dokumentierens hat für mich sehr wohl Widerstandscharakter, weil es sich eben gegen die deutschen Verbrechen richtet", so Lehnstaedt.
Damit sich der Mythos der „passiven Juden“ grundlegend ändern kann, seien strukturelle Veränderungen nötig, meint Armin Doerfer. Dazu könne auch gehören, Straßen nach jüdischen Widerstandskämpferinnen zu benennen.

















