Dienstag, 05. Juli 2022

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Natur und Kunst
Auf den Spuren des kanadischen Malers Tom Thomson

Kanada ist stolz auf seine Natur, die endlosen Wälder und riesigen Seen. Das war nicht immer selbstverständlich. Den entscheidenden Brückenschlag machte vor rund 100 Jahren der Maler Tom Thomson. Er brachte den Kanadiern den Wert ihrer Naturschätze und die Erhabenheit der Weite näher und wurde so zur nationalen Kunst-Ikone.

Von Helmut Stapel und Nicole Schulze-Aissen | 26.04.2015

Zwei Frauen rudern in einem Kanu über den See.
Freiheit und Stille: Mit dem Kanu über die Seen in Ontario. (Stapel / Schulze-Aissen)
Die Drei-Millionen-Metropole Toronto - das hier vor gut einem Jahrhundert der Maler Tom Thomson die berührenden Motive seiner geliebten Natur auf Leinwand verewigt hat, ist heute kaum mehr vorstellbar. Wolkenkratzer sind gewachsen, Hochbahnen und sechsspurige Straßen wurden gebaut, aber - das alte Ateliergebäude von Tom Thomson aus dem Jahr 1913 im Stadtteil Rosedale Valley steht noch. Einer Bürgerinitiative sei Dank, sagt die Thomson-Kennerin und Touristikerin Judy Hammond: "Das hier ist der Platz, an dem er viele seiner berühmten Skizzen auf größere Leinwände übertragen hat. Viele dieser Skizzen hängen heute beispielsweise in der Ontario-Kunstgalerie oder der kanadischen National-Galerie und die Gemälde, die daraus entstanden sind, sind auch in diesen Galerien zu sehen."
Greg Harmoniuk ist Kurator der Ontario-Kunstgalerie in Toronto, in der allein 75 Werke von Tom Thomson zu sehen sind. Für ihn ist die schlichte Abstraktheit der groben Strichführung in den Öl-Bildern der Grund für die berührende Wirkung von Thomsons Werken - eine Mischung zwischen van Gogh und Cezanne - wie im Gemälde "West Wind": "Es zeigt eigentlich nichts. Ein karger, in sich verdrehter Baum im Vordergrund, ein grauer See an einem windigen Tag mit Schaukronen auf den Wellen, weit entfernt grüne Berge, am Himmel graue und weiße Wolken mit durchbrechendem blauen Himmel. Man fühlt förmlich, wie sich dieser Baum unter dem Westwind biegt. Dieses Bild ist Teil der Legende von Tom Thomson und ein Symbol für das kanadische Nationalgefühl."
Die Natur gesehen und in der Kunst vermittelt
Seine Motive jedoch hat Tom Thomson nicht etwa in der damals ländlichen Gegend um Toronto gefunden. Ganz im Gegenteil - er war oft im Algonquin-Nationalpark unterwegs - einem mehr als 8.000 Quadratkilometer großen, beeindruckenden Stück kanadischer Wildnis. Auf den Spuren von Tom Thomson geht es deshalb mit dem Mietwagen raus aus dem lärmenden Toronto. Der achtspurige Highway wird irgendwann schmaler, die Ortschaften werden kleiner und die Hinweisschilder windschiefer. Am Ende der Welt und eines unendlich verschlungenen Waldweges, wartet schließlich der Bootsverleih "Algonquin Outfitters" - mit Kanus, Zelten, Verpflegung und vielen Geschichten rund um Tom Thomson. Manager Gordon Baker: "Die Landschaft hier hat ihn einfach fasziniert und seine Kunst beeinflusst. Tom Thomson hat sich in der Stadt nicht wohlgefühlt. Im Algonquin Park zu sein, hat ihm ein Art von Freiheit gegeben, die er nirgendwo anders hatte - wenn man da draußen in der Stille ist, wenn man offline ist. Das war es auch, was Thomson fasziniert hat und er hatte ein besonderes Auge. Er hat die Natur gesehen, wie viele Menschen es nicht können und er hat es geschafft, das in seiner Kunst zu vermitteln."
Und das praktisch kreuz und quer durch den Algonquin Nationalpark - teilweise auf mehrwöchigen Kanutouren. Unser Kanu-Guide Jennifer kennt die schönsten Routen und wichtigsten Stationen von Tom Thomson: "Wir werden am kleinen Ort Mauwat vorbeikommen, wo Tom Thomson sich öfter aufgehalten hat und wir werden auch das Denkmal sehen, das in dem Jahr aufgestellt wurde, als er gestorben ist."
Gordon Baker von den Algonquin Outfitters.
Hat eine Kanuausrüstung und viele Geschichten rund um Tom Thomson: Gordon Baker von den Algonquin Outfitters. (Stapel / Schulze-Aissen)
Und los geht´s im Dreier-Kanu mit Verpflegung, Zelt und Anti-Bären-Trillerpfeife im Gepäck. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, rot-leuchtende Wälder, absolute Ruhe - das ist die Kraft, die Tom Thomson in seinen Bildern festgehalten hat und die auch heute noch fasziniert - so wie David Mirstin aus Ottawa und seine beiden Freunde, die mit dem Kanu unterwegs sind: "Es schön hier, es ist friedlich und still - wie eine Zeitreise 100 Jahre zurück, als man jagen und fischen musste. Bei unserem letzten Kanu-Trip hatten wir kein Essen mehr und haben dann diese Insel voll mit Blaubeeren gefunden. Ich habe eine Seeforelle geangelt und wir haben direkt aus dem See getrunken, weil es hier keine Motorboote gibt. Hier zu sein, bringt einen zurück zu den eigenen Wurzeln."
Auch Wölfe und Waschbären wissen den Proviant zu schätzen
Als die Sonne am Ende des Tages hinter den Baumwipfeln versinkt, wird es Zeit, eine der vielen kleinen Inseln anzusteuern und das Nachtlager aufzuschlagen. Kanu-Guide Jennifer: "Wir werden jetzt erst einmal die Zelte aufbauen, weil es wichtig ist, einen Schutz zu haben, bevor wir irgendetwas anders tun. Als nächstes werden wir Feuerholz suchen, damit wir unserer Abendessen kochen können."
Zwei kleine Baumstämme später lodern die Flammen des Lagerfeuers. Es gibt Steak und gegrillte Kartoffeln aus der Glut. Wie lecker das ist, wissen auch die Bären, Wölfe und Waschbären, sagt Jennifer, und wir lagern unseren gesamten Proviant mehrere hundert Meter von den Zelten entfernt in einer verschließbaren Plastik-Tonne im Wald. In der stockfinsteren Nacht mit aufziehendem Sturm ist das kleine Nylon-Zelt wie eine Burg inmitten der Wildnis.
Am nächsten Morgen geht es mit gepackter Ausrüstung weiter über Seen und an Inseln vorbei. Manches Mal ist das Wasser im Land der tausend Seen schlichtweg zu Ende und es geht über Land weiter - an einer sogenannten Portage. "An einer Portage trägt man sein Kanu und die gesamte Ausrüstung über das Land. Deshalb haben wir hier jetzt unsere ganzen Sachen und die Taschen ausgeladen. Wir heben das Kanu an und tragen es über Land bis zum nächsten See."
Welche Strecken Tom Thompson auf seinen Reisen mit dem Kanu zurückgelegt hat, zeigt sich, als wir nach einem stürmischen Paddeltag mit reichlich Wellen im See und Wasser im Boot durchnässt und durchfroren wieder bei den Algonquin Outfitters ankommen. Denn sein Hauptwerk hat der National-Maler tatsächlich auf einer kleinen Insel ganz oben im Norden des Parks geschaffen, sagt Gordon Baker und zeigt mit dem Finger irgendwo auf die beeindruckende große grüne Fläche auf der noch größeren Landkarte. Also heißt es – ab in den Mietwagen und noch weiter hinein in die Wildnis. Verpflegung für die nächsten Tage haben wir eingekauft. Und das ist auch nötig, denn an unserem Ziel gibt es nichts - außer Cassandra Elliot, die uns am sogenannten "Canoe Outpost" begrüßt: "Hallo Guys, - wie war die Reise hier rauf? Wir paddeln jetzt da rüber zum Island Cottage. Es ist direkt in der Mitte vom See - ungefähr einen Kilometer von hier. Und los geht's."
Absolut paradiesisch: die Tom Thomson-Hütte mitten im Algonquin Nationalpark.
Absolut paradiesisch: die Tom Thomson-Hütte mitten im Algonquin Nationalpark. (Stapel / Schulze-Aissen)
Das Island Cottage - eine nur 350 Quadratmeter große Insel mit einer Hütte darauf. Kein Strom, kein Fernsehen, kein Computer, kein Telefon - weniger geht nicht. "Da sind wir. Hier bleibt ihr für die nächsten paar Tage. Das ist der Haupteingang, der direkt in die Küche führt."
Todesursache ungeklärt
Ein bequemes Ledersofa, Kaminofen, Holzwände, Gasherd, ein Bett, Petroleumlampen und Brennholz – was braucht man mehr zum Leben? Bereits für Tom Thomson war die Hütte mit dem 360-Grad-Rundumblick in die pure Natur der ultimative Rückzugspunkt. Heutzutage ist die Hütte im Privatbesitz und kann unter dem Titel 'Voyager Quest' von Urlaubern gemietet werden. Und wer hier ist, sitzt praktisch mitten in einem der Gemälde von Tom Thomson, sagt Canoe-Guide Cassandra: "Es hat sich nicht viel verändert. Einige der Insel, die man von hier aus sehen kann, haben ein paar kleine Häuser. Früher war hier gar nichts - abgesehen von dieser Hütte, die als eine der ersten auf dem See gebaut wurde. Die Landschaft hat sich zwar ein bisschen verändert, aber ist größtenteils gleich geblieben."
Spricht´s und verabschiedet sich mit ihrem Kanu in Richtung Zivilisation. Wir bleiben zurück auf der einsamen Insel mitten im See. Die Tage beginnen mit dem Sonnenaufgang und nicht mit der Uhr. Der Abend beginnt, wenn wir die Petroleumlampen anzünden und nicht mit der Tagesschau. Die versprochenen Wölfe hören wir nachts tatsächlich in den weiten Wäldern am Ufer heulen und vor allem gibt es eins: absolute Stille - Offline in Ontario. Das Tom Thomson davon ergriffen war, ist mehr als nachvollziehbar. Und das er es geschafft hat, dieses Gefühl in seinen Gemälden festzuhalten, ist ein Glück für die kanadische Nation. 1917 ist Tom Thomson in der Blüte seiner Schaffenszeit mit nur 39 Jahren gestorben. Ein Unfall mit dem Kanu, gekentert, ertrunken - so die offizielle Version. Gordon Baker aber als erfahrener Kanufahrer glaubt an eine andere Version, die durch Erzählung und Buchautoren dokumentiert ist - Schulden, Alkohol und ein Streit mit einem Bekannten namens Beltshire in der Ortschaft Mauwat: "Mr. Beltshire hat Thomson Geld geliehen und eines Abends hatten sie einen Streit. Es wurde gerangelt und geschubst. Thomson fiel hin und verletze sich seinen Kopf am Kamingitter. Das hat ihn getötet. Beltshire versenkte Tom Thomson im See, aber es funktionierte nicht - so diese Version der Geschichte. Die Leiche kam also ein paar Tage später wieder an die Oberfläche."
Mehrere 100 Gemälde und Skizzen hat Tom Thomson der Nachwelt hinterlassen – wesentlich entstanden in den vier Jahren seiner Hauptschaffenszeit von 1914 bis 1917. Mit seinen Bildern hat er nicht nur die kanadische Kunst-Szene geprägt, sondern das Naturbewusstsein des gesamten Landes. Und auch, wenn Tom Thomson inzwischen fast 100 Jahre tot ist - mit dem Algonquin-Nationalpark wird er stets verbunden bleiben und manche Kanufahrer schwören, dass er immer noch dort ist – als Geist, der an bestimmten Tagen unverhofft im Nebel mit seinem Kanu auftaucht und genauso schnell wieder im Nichts verschwindet. Gordon Baker zumindest hat den Kanu-Geist selbst noch nie gesehen - aber auszuschließen ist nichts, sagt er augenzwinkernd: "Im späten Sommer, wenn es morgens kühl ist, aber das Seewasser noch warm – dann haben wir oft Nebel hier. Dann kann einen das Licht täuschen und wer weiß - vielleicht ist es in Wirklichkeit der Kanu-Geist."