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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenNaturforscher und Humanist30.04.2009

Naturforscher und Humanist

Zum 150. Todestag von Alexander von Humboldt

Er starb am 6. Mai 1859 in seiner Wohnung in der Oranienburgerstraße in Berlin: Alexander von Humboldt, der Naturforscher und Humanist, der als Forschungsreisender die Welt erkundet hatte: Ein Mann voll unstillbarer wissenschaftlicher Neugier, der oft sein Leben aufs Spiel setzte, um seinen Wissenshunger zu stillen. Kommende Woche jährt sich sein Todestag zum 150. Mal.

Von Inge Breuer

Alexander von Humboldt (1769-1859) auf einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806. (AP Archiv)
Alexander von Humboldt (1769-1859) auf einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806. (AP Archiv)

Mit 18 Jahren verfasste Alexander von Humboldt einen langen Brief zu einem damals heiß umstrittenen theologischen Problem. Dem nämlich, ob es göttliche Wunder geben könne, so wie sie in der Bibel berichtet werden.

"Er ist äußert skeptisch. Und skeptisch deswegen, weil die Annahme von Wundern oft die Neugier oder die Erkenntnisnotwendigkeit zu schnell abbricht, man rettet sich zu schnell in göttliche Wunder, Eingriffe, weil man nicht versteht, wie die Welt selbst funktioniert."

Die Welt verstehen, ohne Gott zu Hilfe zu nehmen. In diesem aufklärerischen Geist waren sowohl Alexander wie auch sein zwei Jahre älterer Bruder Wilhelm von Humboldt erzogen worden. Doch während Wilhelm vor allem als Philosoph, Sprachforscher und preußischer Staatsmann Geschichte schrieb, war Alexander von rastlosem Endeckergeist getrieben. Mit 21 Jahren bereits hatte er mit dem Weltreisenden Georg Forster eine Expedition über den Niederrhein bis nach England und das revolutionäre Frankreich gemacht. Und spätestens da wurde ihm klar, dass das Reisen das große Abenteuer seines Lebens werden sollte.

Bürgerliche Verhältnisse dagegen, Ehe, Familie, waren ihm zuwider. "Jeder verheiratete Mensch ist ein verlorener Mensch" urteilte er lakonisch. Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Manfred Geier schrieb in diesem Jahr eine Doppelbiografie über "Die Brüder Humboldt":

"Das Schlüsselerlebnis findet am Meer statt in Dünkirchen, als er mit Georg Forster das Meer sieht. Und das Meer lockt ihn in die Ferne, er will reisen da merkt er, ich will reisen. Er will frei sein, er will raus. Und natürlich kommt hinzu, dass Alexander von Humboldt immer mehr zum eigenen Geschlecht neigte. Während Wilhelm von Humboldt ein, würde man heute sagen, Womanizer war, glaubte und fühlte sich Alexander von Humboldt glücklicher und zufriedener in der Gesellschaft bei Männern, mit denen er sich erotisch und geistig gut verstand."

Nach dem Studium machte Alexander von Humboldt zunächst eine steile Karriere im Bergbau in Franken. Doch als die Mutter starb und ein beträchtliches Vermögen hinterließ, war für den 27-Jährigen kein Halten mehr im Staatsdienst.

"Er kündigt sofort zum Ende des Jahres und bereitet sich sofort auf Abenteuer vor. Er nennt das immer: Ich präpariere mich jetzt. Er will als Forscher in die Welt."

Ihm ist klar: die "Äquinoktialgegenden" des neuen Kontinents, die Tropen, Südamerika, da lockt es ihn hin. Er erwirbt die modernsten Messinstrumente - Sextanten, Teleskope, Elektrometer, Hygrometer, die er alle aus eigener Tasche bezahlt. Nicht zuletzt wegen der Kriegszüge Napoleons muss Humboldt seine Reisepläne mehrfach ändern. Schließlich sticht er mit seinem Begleiter, dem Botaniker Aimé Bonpland, von La Coruna aus im Juni 1799 in See. In der Tasche hat er einen Reisepass des spanischen Königs, der ihm überall in den spanischen Kolonien volle Bewegungsfreiheit und die Unterstützung aller Gouverneure und Beamten zusichert. Über Teneriffa nach Venezuela, Kolumbien, Peru, Lima, Kuba geht die über fünf Jahre währende Reise, auf der er die längsten Flüsse befährt, die höchsten Berge besteigt, in unbekannteste Regionen vorstößt.

"Er hat ja selbst einen Reisebericht geschrieben und er beschreibt, wie er etwa den Pic de Teide auf Teneriffa besteigt und hier hat er zum ersten Mal das Gefühl einer erhabenen Höhe. Man muss sich das mal vorstellen, zu Fuß zum Teil die ganzen Anden, von Norden bis Peru, das geht monatelang, tausende von Kilometern, die ihn durch das Hochgebirge treiben. Und er lässt ja fast keinen der großen Vulkane außer Acht, die man damals für die höchsten Berge der Welt hielt. Und ein Höhepunkt, der 20. Juni 1802, wo er den damals für den höchsten Berg gehaltenen Berg, den Chimborazo bestieg. Er war zusammen mit Begleitern fast oben, es kam ja schon das Blut aus den Augen, bevor er an eine Spalte kam, über die sie nicht hinwegkamen, über 6000m hoch."

Die Reisegruppe schläft in Wäldern, umgeben von Krokodilen und Jaguaren, wird von die Luft verfinsternden Moskitoschwärmen zerstochen. Sie ertragen eisige Kälte auf den Vulkanen, die sie besteigen und glühende Hitze, wenn sie in deren Krater hinabsteigen. Humboldt ist ein Forscher aus Leidenschaft, geht über seine eigenen Schmerzgrenzen hinaus, begibt sich in Lebensgefahr.

"Ich kenne kaum jemanden, der sich so getrieben fühlt und der glaubt, auch aus seiner Beengung herauszukommen, durch harte körperliche Arbeit und durch hochgradige körperliche Anstrengung. Das scheint mir manchmal sogar ein Indiz dafür zu sein, dass er seine eigene Triebkraft unter Kontrolle hat, man merkt es daran, dass er in Preußen sehr krank war, während er diese fünf Jahre in Südamerika kein einziges Mal krank wird."

Humboldt "vermisst" die Welt, er misst die Höhe der Berge, die unterschiedlichen Klima- und Vegetationsstufen, er verzeichnet, in welchen Zonen welche Pflanzen wachsen. Am Ende seiner Reise ist er drei Wochen Gast des amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson. Und als er 1804 wieder in Europa eintrifft, hat er 60.000 Pflanzen bestimmt und 6300 neue entdeckt. Und eine Unzahl von Objekten dabei. Er wird jubelnd empfangen, lässt sich in Paris nieder. Und Humboldt genießt seinen Erfolg, denn er ist durchaus extrovertiert und geschickt im öffentlichen Auftreten.

"Alexander von Humboldt ist ein Lebemann gewesen, und er fühlte sich schon als Jugendlicher wohl, nahm gern an Geselligkeit teil, und das hat er besonders genossen als Berühmtheit in Paris und dass er dann auch in den großen Pariser Salons empfangen wird. Sein Bruder allerdings hat ihm vorgeworfen, ach, er wird zu pariserisch."

Er verfasst sein Reisewerk in 30 Bänden, bildete ein frühes Forschernetzwerk, hält Vorträge für breite Bevölkerungsschichten. Und er will wieder reisen, nach Osten diesmal, nach Asien, doch Napoleons Russland-Feldzug lässt auch diese Pläne vorerst scheitern. Es dauert 30 Jahre, bis er zu seiner neuen Reise aufbrechen kann.

"Erst 1829, er ist schon 60, gibt es die Gelegenheit über den Ural nach Sibirien bis an die Chinesische Grenze zu reisen. Es war nicht mehr das Abenteuer wie Südamerika, aber er hat doch sehr genau die Ökologie, Ökonomie und Botanik des asiatischen Raumes dargestellt."

Spät macht er sich dann an sein Hauptwerk. "Kosmos" soll es heißen, und "die ganze materielle Welt" darstellen, von den Sternen bis zu dem verborgenen Leben in irgendwelchen abgeschiedenen finsteren Höhlen. Doch, ganz der moderne Naturwissenschaftler, will Humboldt nur beschreiben, ohne in der Natur nach einem Sinn, einer göttlichen Ordnung zu fragen: Die Welt verstehen, ohne Gott zu Hilfe zu nehmen.

"In diesem Sinn ist Alexander von Humboldt kein Naturphilosoph, er ist auch kein spekulativer Philosoph. Wenn es denn eine Idee des Ganzen gibt, dann in der Vorstellung, es passt alles zusammen, es wirkt alles aufeinander, es gibt nicht Einzelnes, das man aus dem Gesamtzusammenhang herausnehmen kann. Aber das Ganze kann ich nicht benennen, oder auf eine göttliche Schöpfung zurückführen, sondern in der Vielfalt der Tatsachen analysieren. Er bleibt Empiriker."

Daniel Kehlmann lässt Humboldt in seinem berühmten Roman "Die Vermessung der Welt" sagen: "Ein Hügel, von dem man nicht weiß, wie hoch er ist, beleidigt die Vernunft. Man will eben wissen, weil man wissen will." Das ist - europäische Aufklärung! Das ist - Moderne! Humboldt - ein moderner Forscher mit unbezwingbaren Wissensdurst!

"Ja, obwohl die Formulierung von Kehlmann über das Ziel hinausschießt, das Zitat stammt nicht von Humboldt. Das ist eine literarische Erfindung, die den Akzent setzt auf das Vermessen. Aber natürlich hat Humboldt den Hügel auch bestiegen, um einen schönen Blick zu haben, wenn man höher ist, sieht man mehr, als wenn man im Tal ist."

Vor 150 Jahren, am 6. Mai 1859 starb Humboldt. Fast 90jährig in Berlin.

"Man muss sagen, die letzten Jahre war er in einer schwierigen Situation, er war bis zum Ende Anhänger der Französischen Revolution in einer Hofkamarilla und einem politisch sehr beengten preußischen Staat. Er hatte viele Freunde, viel Bewunderer, aber er hatte auch viele Feinde, die ihn verhöhnten als "alten Trikolorelappen", in Erinnerung an die dreifarbige Flagge der französischen Revolution. Der "alte Trikolorelappen", seien wir doch froh dass er einfach unter der Erde ist."

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