Mittwoch, 14.11.2018
 
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Nazi und Narziss

Peter Gathmann, Martina Paul: "Narziss Goebbels". Böhlau Verlag

Joseph Goebbels wurde in der Schule wegen seines Gehleidens verspottet - und er war der Liebling seiner Mutter. Peter Gathmann und Martina Paul haben nun eine "psychohistorische Biografie" über Hitlers Propagandaminister vorgelegt - und attestieren ihm eine "narzisstische Persönlichkeitsstörung".

Von Günter Kaindlstorfer

Joseph Goebbels  (AP Archiv)
Joseph Goebbels (AP Archiv)
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Goebbels: "Jene Divisionen, die jetzt schon zu kleinen Offensiven angetreten sind und die in den nächsten Wochen und Monaten zu Großoffensiven antreten werden, werden in diesen Kampf hineingehen wie in einen Gottesdienst."

Joseph Goebbels im März 1945. Auch in der Götterdämmerung des Dritten Reichs zog des Führers begnadetster Hetzer noch einmal alle Register seiner demagogischen Verführungskunst. Sieben Wochen später beging Goebbels Selbstmord. In ihrer tiefenpsychologisch fundierten Biografie attestieren Martina Paul und Peter Gathmann dem NS-Propagandaminister eine tief sitzende "narzisstische Persönlichkeitsstörung". Dazu kamen, je nach Goebbelsschem Lebensalter, noch einige andere Symptome neurotischer Art, erklärt Peter Gathmann:

"In der Kindheit ein massiver Minderwertigkeitskomplex, der auch weiter bestehen bleibt; dann in den unglücklichen Jahren als Student depressive Reaktionen verschieden langer Dauer; und dann später der Versuch des Ausgleichs der massiven Störungen."

Ausführlich beschäftigen sich Peter Gathmann und Martina Paul – wie es sich für Tiefenpsychologen gehört – in ihrem Buch mit den Kindheitsprägungen des rheinländischen Kleinbürgersprosses Joseph Goebbels. Vater Fritz, ein biertrinkender Pedant aus Rheydt bei Mönchengladbach, darf man sich als wilhelminischen Kleinbürger reinsten Wassers vorstellen, eng im Denken und ebenso eng im Fühlen, Goebbels hat ihn zeitlebens verachtet. Mutter Maria Katharina, eine tiefgläubige Katholikin, hat den kleinen Joseph, das vierte von insgesamt sechs Kindern, nach allen Regeln der Kunst verhätschelt und verzärtelt, umso mehr, als der schmächtige Knabe im Kleinkindalter an einer Knochenmarkentzündung erkrankte, die seinen rechten Unterschenkel verkümmern ließ und ihm den nachmals oft bespotteten Klumpfuß einbrachte. Während der Schule und später an der Universität leidet Muttersöhnchen Joseph Goebbels – ein notorischer Außenseiter – unter schweren Minderwertigkeitsgefühlen. Er verliert seinen Glauben an Gott, findet aber nach einer Lebenskrise Anfang der 20er-Jahre einen neuen Messias: Adolf Hitler.

Zitat Goebbels: Wie herrlich es ist, so lange mit dem Führer unter vier Augen zu sprechen, notiert der NS-Propagandaminister in seinem Tagebuch.

Da ist er mir immer am vertrautesten. Als wir fertig sind, bin ich wieder ganz voll Energie. Ich komme mir vor wie ein Akkumulator, der neu aufgeladen worden ist.

Zu Goebbels' Narzissmus kam noch etwas anderes hinzu: sein mörderischer Hass. Ein Hass, der sich vor allem gegen Juden und Angehörige anderer Minderheiten richtete, wie man weiß. Das Objekt rassistischen Hasses ist aber letztlich austauschbar, erklärt Peter Gathmann. Das war bei Goebbels nicht anders:

"Dieser Hass ist ein nicht verstandener, von Goebbels allemal sicher nicht verstandener, Hass gegen auch die minderen Zeichen seiner eigenen Person – als Gezeichneter, als Kleinwüchsiger, als Ausgestoßener, als von der Großbürgerlichkeit nicht Akzeptierter. All diese Dinge waren Demütigungen und Verletzungen, die er zeit seines Lebens nicht verwunden hat, und gegen die er durch einen kanalisierten Hass, gegen eine austauschbare Minderheit - in seinem Fall waren es eben die Juden – war das eine besonders geeignete Zielhaftigkeit für seinen Hass."

Goebbels: "Einmal wird unsere Geduld zu Ende sein, und dann wird den Juden das freche Lügenmaul gestopft werden."

Ein komplexes Phänomen wie den Nationalsozialismus allein mit tiefenpsychologischen Instrumentarien erklären zu wollen, griffe natürlich zu kurz. Ohne historische, soziologische und wohl auch ökonomische Erklärungsmodelle wird man dem Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus nicht auf den Grund kommen - wenn man es denn überhaupt je kann. Als Ergänzung aber vermögen die individualpsychologischen Ansätze, denen sich Martina Paul und Peter Gathmann verpflichtet fühlen, durchaus Erhellendes beizutragen. Die beiden haben ein gut lesbares Buch vorgelegt, ein Buch, das Psychologen und Historiker ebenso mit Gewinn lesen werden wie interessierte Laien. Ausdrücklich wenden sich die beiden Autoren an jüngere Publikumsschichten, an Leserinnen und Leser unter dreißig. Denn bei aller Historisierung des Nationalsozialismus sollte eines nicht vergessen werden: Narzisstische Egomanen, die ihre manipulativen Talente in der Politik ausleben, bleiben gefährlich – bis heute.

Das Urteil von Günter Kaindlstorfer über: "Narziss Goebbels. Eine psychohistorische Biografie" – von Peter Gathmann und Martina Paul, erschienen im Böhlau Verlag zum Preis von 24 Euro 90, das Buch hat 299 Seiten (ISBN 978-3-205-78411-1).

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