Mittwoch, 17. August 2022

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Nekropolis

Die Zeit der nationalsozialistischen Konzentrationslager liegt mehr als 50 Jahre zurück, und längst sind es nicht mehr allein die Überlebenden, die über ihre Erfahrungen in diesen Lagern schreiben. Der Faschismus ist ein historischer "Stoff" geworden, er wird fiktionalisiert - man denke nur an Roberto Begninis viel diskutierten und diskussionswürdigen Film "Das Leben ist schön". Boris Pahors bescheiden als "Erzählung" auftretendes und dabei großes Buch "Nekropolis" kommt aus der entgegengesetzten Richtung; hier geht es einmal mehr um die Anstrengung eines überlebenden Zeitzeugen, sich zu erinnern. Pahor will "Zeugnis ablegen", Chronist sein, und er will das selbst Erlebte reflektieren. "Ich weiß nicht", ist ein Satz, der in seinem Buch "Nekropolis" seltsam oft auftaucht. "Ich weiß nicht, ich weiß nicht mehr, ich weiß es nicht, wer kann das wissen."

Sabine Peters | 15.07.2001

    Boris Pahor wurde 1913 als Slowene im damals österreichischen Triest geboren. Immer wieder hat er auf eine frühe traumatische Erfahrung hingewiesen, auf die Kontinuität der Auslöschung der slowenischen Kultur seit 1918. Die italienischen Faschisten verbrannten slowenische Bücher, verboten seine Muttersprache, sie italianisierten die Eigennamen, kurz, es ging um die schrittweise Zerstörung der slowenischen Identität. Pahor empfand daher die deutschen Lager als eine Fortsetzung und Steigerung des zuvor Erlebten. Er selbst wurde im Januar 1944 als slowenischer Widerstandskämpfer in Triest verhaftet; jemand mußte ihn verraten haben. Eben erst war er aus dem Kriegsdienst in Libyen und aus der Gefangenschaft gekommen, als ihn deutsche Geheimpolizisten abholten, brutalen Verhören unterwarfen und deportierten. Die folgenden fünfzehn Monate verbrachte Pahor in diversen Konzentrationslagern, Dachau, Natzweiler, Dora-Mittelbau, Harzungen, Bergen-Belsen. Städte sonst, dem Zusammenleben von Leuten dienten. Die Konzentrationslager waren Städte des Todes, in ihnen organisierten die Nazis, diese Fakten sind bekannt, sie organisierten die Vernichtung durch Arbeit, durch Hunger, Krankheiten, Ermordungen. Jetzt "noch einmal" ein Buch über dies Thema, und dazu noch eines, das über dreißig Jahre alt ist? Es gibt vermutlich ein Bündel von Gründen, warum es in den letzten Jahren zu einer breiteren Rezeption von Arbeiten Überlebender gekommen ist. Pahor selbst meinte in einem Gespräch mit Thomas Poiss für die Zeitschrift "Literaturen", man sei in Europa nach 45 über das Apokalyptische des Krieges hinweggegangen und habe der jüngeren Generation die Ereignisse selektiv dargeboten; sprich, einige Berichte hätten möglicherweise zu sehr nach Eindeutigkeit gesucht. "Nekropolis" kommt nicht zu eindeutigen Antworten.

    Das Buch ist im Westen spät entdeckt worden, aber in den USA und Frankreich stellen seine Leser und Kritiker es inzwischen als gleichrangig neben die Arbeiten von Robert Antelme und Primo Levi. "Nekropolis" wurde zuerst 1967 veröffentlicht, und Boris Pahor hatte sich an das Buch geradezu heranschreiben müssen; in zwei vorausgehenden Romanen hatte er, der nach dem Krieg italienische Literatur an Gymnasien unterrichtete, seine KZ-Erfahrung eher vorsichtig umkreist. Auch "Nekropolis" nimmt Umwege, nimmt sich Zeit. Konkrete Schilderungen des Lageralltags, wenn man denn von einem "Alltag" an diesen Orten reden will, wechseln mit Reflexionen darüber ab, wie man das Geschehene nachträglich "tvorstellbar machein kann. "Nekropolis" ist nicht chronologisch erzählt, und so fehlt dem Buch also auch das Tröstliche, das ein zeitlich geordneter Bericht über den Ablauf der KZ-Haft haben könnte, sofern der Überlebende schließlich von seiner Befreiung berichten kann. Boris Pahor hat "Nekropolis" den Manen derer gewidmet, die nicht zurückkehrten. Manen, das sind nach altrömischem Glauben die Seelen, die guten Geister der Verstorbenen.

    Pahors Widmung wirkt wie ein Leitfaden: Die verstorbenen Leidensgenossen sind gewissermaßen die Kontrollinstanz seiner Erinnerungsversuche; er will sich vor ihnen verantworten in dem, was er schreibt. Er schreibt also für die Toten, und die Ehrfurcht, der große Respekt vor dieser Aufgabe ist auf jeder Seite des Buchs spürbar. Die Rahmenhandlung: Der Ich-Erzähler besucht in den frühen sechziger Jahren die Lager-Gedenkstätten und arbeitet sich von den aktuellen Eindrücken - Reisegruppen, Touristenführer, Denkmalpflege - zurück in die Zeit, als er selbst Häftling war: Ein Niemand unter anderen Niemanden, der unter dem Schock der Eindrücke stand. Er kümmerte sich nicht um die interne Lagerpolitik, und an so etwas wie Organisation oder gar an Widerstand konnte er nicht denken. Es war Zufall, dass ein Arzt, Jean, entdeckte, welche Sprachfähigkeiten Pahor hatte; er galt als Italiener, verstand aber auch Tschechen, Russen, Polen, Franzosen, Deutsche. So wurde er zum Dolmetscher und Sekretär des Gefangenen-Hauptarztes, schrieb Anamnesen und Diagnosen, organisierte Medikamente, pflegte die Kranken, er gab die Nummern der Toten an Lebende weiter und versuchte, Mitgefangenen ihre Arbeitsunfähigkeit zu bescheinigen.

    Es war ein aufgewühltes Meer, das von allen Seiten auf mich prallte. Schau mich an! Schau mich an!... Ich hatte fünfzehn Zettel ausgehändigt, was ein gewollter, bewusster Versuch war, den Tod zu überlisten. Man könnte dem leicht entgegenhalten, dass mein Versuch höchstwahrscheinlich erfolglos gewesen ist, denn dank meiner Zettel sind sie lediglich mit ein paar Tagen Verspätung gestorben.... Diejenigen, die an Ruhr erkrankt waren, hatten sich inzwischen gesetzt, benommen von der Anstrengung, dem Hunger und der warmen Luft. Sie befanden sich in der Ecke und es war ihnen nicht anzusehen, warum ich sie von der Arbeit befreit hatte, außer dass sie allmählich die Luft in ,der Baracke mit Latrinengeruch füllten... Der Ingenieur war ein junger Blondkopf mit Lederjacke; er kam in die Baracke gestürmt und stellte sich breitbeinig vor die Kranken, die auf der Bank saßen. Einer hatte Phlegmone, der andere Füße wie zwei Kohlköpfe, der dritte war wegen der Ruhr voll Kot. Er aber schrie, sie wären Heuchler und Simulanten, die schnellstens hinausgehen sollten. Marsch, hinaus!, schrie er. Sie jedoch schauten nicht auf ihn, sondern auf mich, ihren Krankenwart, und blieben ruhig sitzen. Ich sagte ihm, dass ich die Verantwortung nicht übernehmen könne,... nahm den Papierverband, hockte mich nieder zu dem Patienten, der mit hochgekrempeltem Hosenbein auf der Bank saß, und fing an, die Phlegmone zu verbinden.... Ich hatte gesagt, dass ich die Verantwortung nicht übernehmen könnte, als wäre man dort jemandem Rechenschaft schuldig, wenn einem halbzerstörten Körper etwas zustieß. Aber ich hatte das Wort ausgesprochen.

    Als Pahor sich an diese Situation erinnert, weiß er, wie unerhört sie war: Denn da behauptet ein Häftling Werte wie "Verantwortung" an einem Ort, der die Negation aller Werte ist. Als werde einen Augenblick ein Bann gebrochen. Im übrigen ist in "Nekropolis" naturgemäß mehr die Rede vom Scheitern: Die Gefangenen stehlen sich gegenseitig das Brot, sie werden von den Nazis willkürlich erschossen, die Toten werden mit einer eigens konstruierten Zange zum Ofen geschleift, verbrannt und liefern so Wärme für das Bad. Wie andere flüchtet Pahor in Stumpfheit, in lebensnotwendige Stumpfheit, denn nur so, schreibt er, konnte man sich vor dem Wahnsinn retten. Für solche Sätze hat er Ende der sechziger Jahre sicherlich nicht nur Zustimmung bekommen. Widerstand gegen den Naziterror, sagt er weiter, wäre nur kollektiv möglich gewesen, wohl auch nur von Gesunden zu organisieren möglich gewesen - aber die Menge der Gefangenen war physisch und psychisch verändert, sie war verängstigt, verwirrt, krank, sterbensschwach. Mit aller Gewalt verdrängten die meisten Lagerinsassen ihre Erinnerungen an die frühere Geschichte, an die Ehepartner, Kinder und Freunde, denn Nekropolis, das ist ein Ort, an dem Leben oder Liebe nicht vorstellbar sind. Nekropolis, heißt es einmal, ist der Ort, an dem das menschliche Böse den menschlichen Schmerz besiegt hat. Eine beiläufige Bemerkung, der man allerdings lang hinterherdenken kann. Als würde Pahor hier seinen ethischen Standpunkt formulieren: Das Böse sei gleichzusetzen mit Schmerzlosigkeit, Empfindungsunfähigkeit, Anästhesierung. Umgekehrt wäre dann wohl die Schmerzfähigkeit, auch die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, Voraussetzung des "Guten".

    Dieser Gedanke führt an die Schmerzpunkte des Buchs heran. Es gibt solche Punkte in jeder Literatur, die diesen Namen verdient. Man hat als Leser, als Außenstehender und als ein ja doch Hineingezogener das Gefühl, eine Grenze wird erreicht, ein Bruch, oder eben auch ein Zusammenbruch bereitet sich vor, man fürchtet, der Schreibende wird erdrückt von der Last dessen, was es zu artikulieren gilt. Pahors Ich-Erzähler spricht gegen Ende des Buchs die Toten direkt an; das, was vorher mehr wie ein Selbstgespräch wirkte, wird zum Versuch der Kommunikation mit Abwesend-Anwesenden:

    Sind wir nicht allesamt den unterdrückten Schreien der Materie in uns unterlegen? Waren wir nicht alle gleich verwundbar? Ich stand auf der Treppe in Höhe unserer Baracke und mir schien, als wären meine Fragen Schriftzüge in leuchtenden Neonbuchstaben... Warum bewegen sie sich nicht, warum schreien sie nicht auf? Ich weiß schon,... murmelte ich plötzlich, es liegt an dem Kommissbrot, das ich gegen Zigaretten erfeilscht habe, dass ihr jetzt so fern und kalt seid.... Nun, ich suche nicht nach mildernden Umständen. Das Bewusstsein der Niederträchtigkeit und Schwäche erfüllte mich schon in dem Augenblick, als die Geschmackslust die Oberhand gewann.... Habt ihr mich denn wegen jenes Kommissbrotes ausgestoßen? Schaut ihr deswegen nur vor euch hin? ... Ihr meint, dass wir alle, die wir etwa als Krankenpfleger in den Blockhäusern mit Kranken gearbeitet haben, vom Brot unserer Verstorbenen lebten.... Ich ahne, was ihr denkt. Das Böse bestand nicht darin, dass wir es aßen, sondern dass wir mit jenem Brot rechneten.... Wir benahmen uns wie damals, als wir zuerst lange nackt in der Dunkelheit der kalten Nacht gestanden hatten und uns dann begierig den warmen Strahlen der Dusche übergaben. Wir fragten uns nicht, mit welchem Brennmaterial das Wasser erwärmt wurde, wir wünschten nur, dass die Wärme noch dauern würde und wir für eine Weile vergessen könnten... Aber ihr habt recht. Wir haben uns daran gewöhnt. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Wir sind abgestumpft. So ist es nur gerecht, wenn ihr mich wegen des Kommissbrotes nicht mögt. Und ich blieb auf den Terrassen allein mit meinem Gewissen, ohne eine andere Lösung zu finden, um die unbewegliche Stille zu überwinden, als mich zu rühren und langsam und vorsichtig die Treppe hinabzusteigen.

    Wer "Nekropolis" liest, weiß, dass Pahor hier an etwas rührt, was für ihn in den Grenzbereich des Sagbaren reicht. Ein Überlebender fühlt etwas wie Schuld für sein Überleben; die Tatsache, in welchem Ausmaß die Nazis ihre Opfer entwürdigten, entmenschlichten, wird hier als eigenes Versagen, als eigene "Schwäche", als eigene "Niederträchtigkeit" empfunden. Man liest hier, dass es die Opfer sind, die von Skrupeln behaftet sind, und die sich Vorwürfe machen; man kann sich darüber entsetzen - aber der Erzähler selbst stellt nur beiläufig fest, dass es bei den Tätern seines Wissens nie eine Bemerkung des Bedauerns über das Geschehene gegeben habe. In "Nekropolis" überwiegt die Trauer:

    Das menschliche Böse besiegt den menschlichen Schmerz - allerdings könnte man sagen, indem Boris Pahor "Nekropolis" geschrieben hat, wendet er den Satz um: Der Schmerz, der hier artikuliert wird, "siegt" oder "behauptet" sich gegenüber dem "Bösen". Damit dieser Schmerz zu Wort kommen kann, holt der Ich-Erzähler Gesichter, Mitgefangene aus der Erinnerung zurück: Den verspielten, selbstironischen Freund Tomaz, einen der wenigen, die Kraft daraus gewinnen, an die vergangene Zeit vor "Nekrpopolis" zu denken - das geht bei Tomaz soweit, dass er sich wünscht nach Dachau zu kommen, weil es von dort nicht mehr so weit nachhaus sei. Oder MIaden, der bis zu seinem Tod ein Foto seiner Mimica durch alle Kontrollen schmuggelt. Oder der sterbende VIado, der so gern davon sprach, dass in Split alle Mädchen seine Schönheit gesehen haften. In wenigen Strichen stellt Pahor Portraits lebendiger Menschen her, kranker Menschen, sterbender Menschen; einen Briefträger, heißt es einmal, mußte man zum Appell tragen, er lebte noch, was wird aus ihm, rätselt Pahor und schließt die trostlose Frage an: Was wird aus den Augen. Die Augen, so hat er es als Pfleger beobachtet, bleiben bis zuletzt frisch und zeigen Leben.

    Es gibt in diesem Buch eine Fülle von haarfeinen Beobachtungen und Beschreibungen, die einerseits bestätigen, was der Ich-Erzähler einmal von sich behauptet- er sei die unempfindliche Kamera gewesen, die nicht mitfühlt, sondern nur aufzeichnet. Andererseits widerspricht sich Pahor, wenn er seine Arbeit als Pfleger beschreibt - da zieht er einen Kranken, der "auf Transport geht", gut an, damit er nicht friert; da kämpft er um Medikamente, da versucht er von Tag zu Tag, seine Arbeit mit den Kranken gut zu machen. Die Widersprüchlichkeiten in der Selbstwahrnehmung - ist der Erzähler abgestumpft, oder ist er eine neutrale Kamera, oder ist er engagiert und solidarisch - diese Widersprüche in der Selbstwahrnehmung schaden dem Buch nicht, im Gegenteil, sie halten es offen. Offenheit ergibt sich übrigens auch aus der Vielfalt der Tonfälle, die hier ein Autor anschlägt. Die Reflexionen beim Besuch des Lagers wirken wie ein langsamer Strudel, wie ein weites Kreisen ums nicht Fassbare. Dann wird über weite Strecken kühl und distanziert berichtet, - aber in diesen Bericht ragen plötzlich und überraschend Metaphern hinein, wie Fremdkörper. Soll man darüber streiten, ob solche bildhaften Vergleiche der Schilderung angemessen sind? Wer Imre Kertecz' "Roman eines Schicksallosen", zuerst veröffentlicht 1975, kennt, weiß, dass dieser Autor eine ganz andere Schreibhaltung vertritt. Der Ich-Erzähler in Kertesz' Arbeit weigert sich entschieden, die Ebene der metaphorischen Rede zu betreten; nach der Befreiung sagt er einem Journalisten, der ihn nach der "Hölle der Konzentrationslager" befragen will, er könne sich Konzentrationslager bis zu einem gewissen Grad vorstellen, die Hölle selbst aber nicht. Kertesz' Ich-Erzähler vertritt im übrigen die Wahrnehmung, die KZ's seien "normal" gewesen und "natürlich", und "logisch". Dieser unterkühlten und möglicherweise deshalb so fassungslos machenden Position entgegen versucht Boris Pahor, das Unbegreifliche in Bildern zu verdeutlichen, er verwendet also Metaphern. Ein Heizer wirft "menschliches Scheitholz" in einen Badeofen. Gefangene bei der Arbeit Jsjeht er als "Menge der sitzenden gebrochenen Striche" oder als "Zaun aus grauen und violetten Streifen in die holzigen Körper erinnern ihn an Pinocchio. beim Appell spielt der Wind auf der "Harfe" der "Menschenbrust, transportierte Gefangene sind eine wertlose "Ware", sind wie "Unkraut", sind "eine Schüssel voll Stöhnen." Es kann nicht darum gehen, Pahors und Kertesz Schreibverfahren gegeneinander auszuspielen, aber vielleicht lässt sich festhalten: Einige der Metaphern Pahors haben ein fremdartiges und doch unmittelbar einleuchtendes Potential, das sie wie ein Blitzlichtwirken lässt, andere wirken verrutscht und deuten eher darauf hin, dass die Sprache Grenzen hat und angesichts der Tatsachen buchstäblich versagt:

    Ich müsste jetzt Richtung Ausgang gehen, doch ich zögere... Ich schaue mich auf dem Hang um und ich erahne das Gefühl unsinnigen Heimwehs, das mich überkommen wird, sobald ich wieder draußen sein werde. Ich befinde mich auf dem ruhigen Friedhof, dessen Bewohner ich einst war, von dem ich Urlaub genommen habe, und an den ich jetzt zurückgekehrt bin. Ich bin ein Bewohner dieses Ortes und habe nichts gemein mit den Leuten, die jetzt zu dem vergitterten Tor gehen... Hier ist der Posten einer untergegangenen Welt, die sich ins Unendliche ausweitet und nirgendwo auf die Welt der Menschen trifft, da es nirgendwo zwischen den beiden einen Berührungspunkt gibt... Alles ist übersichtlich. Alles ist sinnvoll geordnet, und dem anspruchsvollen Herrn hat man feinfühlig Treppen in den Hang gemeißelt, so dass er mühelos zum eigenen glühend heißen Opfertisch hinabsteigen konnte. Ich weiß nicht. Ich weiß wirklich nicht, was mir fehlt. Auf jeden Fall werde ich wie die anderen auch durch das vergitterte Holztor gehen und diese Atmosphäre in die alltägliche Zerstreutheit mitnehmen. So ist womöglich gerade das Bedürfnis, mit der Stille noch etwas anderes mitzunehmen, der Grund für meine Unentschlossenheit.

    Das Auf und Ab dieser Rede, die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem, das Nebeneinander von "Sinn" und von "ich weiß nicht, ich weiß nicht, was mir fehlt; der doch etwas irritierende "glühendheiße Opfertisch" neben "alltäglicher Zertreutheit" - dieses Nebeneinander widersprüchlicher Äußerungen gibt dem Buch seinen unverwechselbaren Wert vielleicht besteht die Reife von "Nekropolis" darin, dass man immer wieder das Gefühl hat, es mit einer unvollendeten Arbeit zu tun zu haben. Noch ganz am Schluss taucht das "ich weiß nicht" auf - wie sollte der Ich-Erzähler Kindern von dem Geschehenen überhaupt berichten können, fragt er sich. Mit "Nekropolis" liegt also eine Arbeit vor. die nicht fertig wird damit, dem Zivilisationsbruch nachzudenken, eine Arbeit, die dem Zivilisationsbruch ein trostloses Gedenken bewahrt. Dabei ist Pahors Buch nicht "unversöhnlich", wie in mehreren Kritiken mit gewisser Erleichterung vermerkt wurde; der Erzähler betont, er sei ein Verfechter glücklichen, heiteren Lebens, und er sagt ausdrücklich, er fühle sich mit all denen verbunden, die versuchten, aus Objekten der Geschichte zu deren Subjekten zu werden. Es ist das Tastende, Kreisende der Erzählung, das auch solche Sätze glaubhaft macht, sie wirken im Zusammenhang nicht künstlich aufgesetzt, und man liest sie auch nicht lediglich als einen rationalen, emanzipatorischen Impuls. Vielmehr hat man den Eindruck, sie kommen aus Pahors "Herzenskultur". Diesen heute und hier so fremden Ausdruck benutzt der Autor selbst einmal, für etwas, was damals fehlte, was abwesend war. Und dann aber doch das Gefühl "unsinnigen Heimwehs" nach dem Lager: Das Lager bleibt im Leben, und doch ist es nicht zu einem Teil des Lebens zu machen. Es bleibt die Erfahrung der Exterritorialität, des Gefühls, nicht mehr "auf der Welt", "in der Welt" zu sein. "Ich bin auf diesen Weiden zu Hause" schreibt Pahor, und er sagt damit: Das schreckliche Gefühl des Nicht-mehr-in-der Welt-Seins hat im Konzentrationslager seinen Ort, nur dort r war er mit diesem Gefühl "zu Hause."

    Camus, der fand, man müsse sich Sisyphos "trotz allem" als glücklichen Menschen vorstellen, ist für Pahor einer der wichtigsten Autoren, und er möchte sein eigenes Überleben im Camusschen Sinne verstanden wissen. Noch einmal:

    Ich weiß nicht. Ich weiß wirklich nicht, was mir fehlt. Auf jeden Fall werde ich wie die anderen auch durch das vergitterte Holztor gehen und diese Atmosphäre in die alltägliche Zerstreutheit mitnehmen. So ist womöglich gerade das Bedürfnis, mit der Stille noch etwas anderes mitzunehmen, der Grund für meine Unentschlosenheit... doch es gibt nichts zum mitnehmen. Und außerdem wandelt sich jetzt dieser Besuch, der einen Hauch von Sinn in meine ziellosen menschlichen Tage gebracht hat, irgendwie in eine pietätvolle Handlung, auch wenn ich das nicht mag. Meinetwegen ... Es gibt hier aber keinen lebendigen Keim, den ich mitnehmen könnte. Keine Offenbarung. Wenn aber doch, dann eröffnet sich mir jetzt erneut, dass die Existenz einer guten Gottheit unmöglich ist... Das wiederum bedeutet abermals, dass allein der Mensch die Welt, in der er lebt, zu ordnen vermag und so zu verändern vermag, dass in ihr mehr gute als schlechte Ideen zu realisieren sind.... Doch jetzt muss ich hinaus, denn ich kann tatsächlich nichts aus diesem Zauberkreis aus rostendem Stacheldraht mit auf den Weg nehmen.