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NepalDer Traum vom Studium

Nach dem Erdbeben im April ist in Nepal wieder der Alltag eingekehrt. Das Beben hat das Leben der Menschen verändert - auch das der 20-jährigen Studentin Sarita und ihrer Familie. Sie hat ihren ganzen Besitz verloren. Aber Sarita will ihr Studium fortsetzen - aller widrigen Umstände zum Trotz.

Von Sandra Petersmann | 29.07.2015

Der Stau ist zurück auf den Straßen. Die Läden sind längst wieder geöffnet. Das Leben in Kathmandu hat sich normalisiert - auch wenn Nepals Hauptstadt noch immer durchzogen ist von Zeltlagern, in denen mehrere tausend Menschen in Notunterkünften leben. Sarita hat ihr Wirtschaftsstudium wieder aufgenommen. Sie will Bankmanagerin werden.
"Viele Menschen gehen jetzt in der Krise zu ihrer Bank, um einen Kredit aufzunehmen. Die Banken wollen dann sofort den Besitz als Sicherheit sehen. Aber genau das haben die meisten Leute nicht mehr. Ich würde den betroffenen Menschen einen Sonderkredit geben, der darauf Rücksicht nimmt. Es geht bei der Kreditvergabe doch auch um Vertrauen und Menschenkenntnis."
Sarita hat stark abgenommen seit dem Erdbeben am 25. April, das ihr Heimatdorf im Distrikt Sindhupalchowk nordöstlich von Kathmandu völlig zerstört hat. In keinem anderen Distrikt sind mehr Menschen gestorben.
"Ich bin das Älteste von drei Kindern. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie. Wir haben unser Haus verloren. Das war unser Familienbesitz. Ich sehe, wie bedrückt meine Eltern sind und wie hart sie arbeiten. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass ich als Älteste unter diesen Umständen weiter studiere."
Die 20-jährige Sarita lebt mit ihrer jüngeren Schwester bei Verwandten in einer winzigen Mietwohnung in Kathmandu. Der Onkel arbeitet wie viele Nepalesen als Wanderarbeiter in einem Golfstaat. Saritas Vater fährt rund um die Uhr Taxi, um das Geld für die Mietbeteiligung und für die Studiengebühren aufzubringen. Die Mutter bewirtschaftet die kleine Familienfarm im zerstörten Heimatdorf. Sie wohnt in einer Wellblechhütte. In der Ruine des eingestürzten Familienhauses lebt heute das Vieh.
"Wir leben in Kathmandu in einer Wohnung. Mit Toilette und Küche. In unserem kaputten Dorf haben wir das alles nicht mehr. Meine Mutter muss noch härter arbeiten als früher."
Die meisten Frauen waren nie in der Schule
Sarita pendelt zwischen Stadtleben und Landleben. Die Hoffnungen ihrer Eltern ruhen vor allem auf ihrer jüngeren Schwester Anita. Die 17-Jährige war besser in der Schule. Sie geht auf ein privates Wissenschaftscollege. Es ist mit 500 Dollar Studiengebühren pro Jahr fast fünfmal so teuer ist wie Saritas staatliche Hochschule für Handel und Wirtschaft.
"Meine Eltern wünschen sich, dass aus mir mal eine Ärztin mit Doktortitel wird. Es ist für uns alle eine harte Zeit, aber mein Medizinstudium kann für die ganze Familie ein großer Erfolg werden."
Draußen, im zerstörten Heimatdorf, steht die Mutter der beiden jungen Frauen knöcheltief auf einem Terrassenfeld an einem steilen Berghang im Schlamm und drückt Reispflanzen in den Boden.
"Das Leben nach der Katastrophe muss weitergehen", sagt Mutter Sarawati zupackend. "Unser Leben hängt von unserer Arbeit hier draußen ab."
Saritas Mutter ist nie zur Schule gegangen. Wie die meisten Frauen in der Umgebung. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung im Distrikt Sindhupalchowk kann lesen und schreiben. Hier werden die Mädchen noch immer sehr früh verheiratet. Sarita und Anita sind Ausnahmen.
"Bildung ist nötig, wenn man ein besseres Leben führen will", sagt Mutter Sarawati. "Wenn ich als Kind zur Schule gegangen wäre, würde es mir heute besser gehen."
Ob aus ihrer ältesten Tochter Sarita mal eine Bank-Managerin mit "Vertrauen und Menschenkenntnis" wird, ist noch nicht entschieden.