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StartseiteTag für TagNepals schwieriger Weg in eine föderale Republik22.08.2012

Nepals schwieriger Weg in eine föderale Republik

Die Kaste der Brahmanen verteidigt ihre Privilegien

Nach dem Bürgerkrieg in Nepal wurde das Hindu-Königtum abgeschafft und das Land soll nun eine föderale Republik werden. Doch bisher haben die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sich noch nicht auf eine Verfassung einigen können. Während die Maoisten die Unberührbaren politisch gleichstellen wollen, befürchten die Brahmanen, die Mitglieder der obersten Kaste in der ehemaligen Hindu-Monarchie, ihre Privilegien zu verlieren.

Von Ingrid Norbu

Blick auf den nepalesischen Teil des Himalaja in der Provinz Humla. (picture alliance / dpa)
Blick auf den nepalesischen Teil des Himalaja in der Provinz Humla. (picture alliance / dpa)

Als Anfang Mai dieses Jahres nicht nur Unberührbare, sondern auch hochkastige Hindus in Nepal zum "Bandh", einem völligen Stillstand des öffentlichen Lebens, aufriefen, konnte man sich nur verwundert die Augen reiben: Die Elite des ehemaligen Hindukönigreiches forderte mit diesem Streik ihre Kategorisierung als "ethnische Gruppe".

"Früher, unter der Herrschaft des Hindukönigs gehörten Brahmanen und andere hohe Kasten zur Führungsschicht in Nepal. Nun haben sie erkennen müssen, dass sie als Bevölkerungsgruppe nach Zahlen tatsächlich nur eine Minderheit im säkularen Nepal darstellen. Sie wollen nicht ins Abseits gedrängt werden. Aber ich glaube nicht, dass es nach nationalem und internationalem Recht überhaupt möglich ist, sie als Ethnie einzustufen."

Tilak Adhikari ist selbst Brahmane. Die schwelende Unzufriedenheit der unterprivilegierten ethnischen Bevölkerung, der Unberührbaren und der Frauen war mit Ursache für den Bürgerkrieg. Mit dem Sieg der Aufständischen, heute ist ein Maoist Übergangspremier, er ist aber auch Brahmane, fürchten die Eliten des Landes, ins Hintertreffen zu geraten. Wie viele Gebildete der Führungsschicht in Nepal arbeitet Tilak Adhikari für eine Entwicklungsorganisation. Sein Arbeitsbereich liegt im äußersten Westen des Himalajalandes, dort, wo unverändert die wahren Verhältnisse sichtbar sind. Da geht es um Probleme wie Überschwemmungen, Erdrutsche und Staudammbauten, die fruchtbares Land zunichtemachen, um Korruption, um das Fehlen gewählter örtlicher Administrationen, und darum, die Bevölkerung überhaupt ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Unterstützt wird Adhikari bei diesen Bemühungen von Dabal Bahadur Bam, der als Chhetri, das ist der nepalische Name für die Kriegerkaste, auch zum früheren Establisment gehört.

"Die Bevölkerung dort, besonders die ethnischen Gruppen, die Armen, die Unberührbaren fordern nun Mitsprache in der Gesellschaft. In der verfassungsgebenden Versammlung sind sie die Wortführer, nicht die politischen Parteien. Sie fordern, dass sie mit der neuen Verfassung in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Aber dies ist nun gescheitert. Es wird gesagt, dass es einen Konflikt zwischen den Hindukasten und indigenen Bevölkerung gibt. Ich sage aber, es ist ein Konflikt zwischen den reichen Landbesitzern und den sozial und ökonomisch Benachteiligten, die nun ihre Stimme erheben und gleiche Rechte fordern."

Im zentral regierten Hindukönigreich der Shahdynastie, die das Land 240 Jahre lang beherrschte, wurde die indigene Bevölkerung, die Magar, Gurung, Limbu, Rai und Sherpa, um nur einige wenige zu nennen, weitgehend ihrer Identität beraubt. In der Pyramide des Hindustaates standen sie mit den Unberührbaren an unterster Stelle. Alles Land wurde Königsland, das der Monarch an seine Gefolgsleute verteilte. Das traditionelle Landnutzungssystem der indigenen Bevölkerung wurde abgeschafft. Mit dem Sieg der Maoisten als stärkste Partei in der verfassungsgebenden Versammlung wuchs die Hoffnung auf "Inklusion", wie das Aufholprogramm der Unterprivilegierten in Nepal genannt wird.

"Da gibt es die früheren Schuldknechte und die Unberührbaren, die kein Land besitzen oder nur sehr wenig. Diese Menschen haben einst die Besitztümer der hochkastigen Hindus beackert. Aber nun sind sie frei und fordern mehr eigenes Land. Die nötige Landreform ist ein großes Problem in Nepal. Darum geht es eigentlich bei der Debatte um die neue Verfassung. Die Maiosten und die Linke bei den Marxisten-Leninisten wollen diese Landreform."

Der Nepali Congress und das rechte Lager der Kommunisten sträuben sich gegen eine Landreform. Was von den Parteien nach außen propagiert und was tatsächlich politisch gewollt wird, klafft jedoch weit auseinander. Diesen Widerspruch spürt auch der Brahmane Adhikari.

"Wir sprechen in Nepal immer noch über Kastenzugehörigkeit, über Brahmanen, Chhetris einerseits, und über Janajati, die ethnische Bevölkerung, andererseits. Die waren früher ohne Macht. Nun werden sie als relevante gesellschaftliche Kraft anerkannt, auch von uns einst Privilegierten. Jeder, der denken kann in Nepal, gesteht ihnen zu, dass sie für ihre Rechte kämpfen. Gleichzeitig versuchen viele, sie nach wie vor klein zu halten. Obwohl wir uns nun Republik nennen, herrscht in der Frage der Landverteilung in unseren Köpfen nach wie vor das Feudalsystem. Wir Privilegierten wollen doch gar nicht, dass andere den gleichen Status wie wir erreichen. Nach außen behaupte ich das zwar, aber innerlich bin ich dagegen."

Dass Nepal vom zentralen Hindustaat in eine föderale Republik umgestaltet werden soll, ist bereits in der Übergangsverfassung festgeschrieben. Streit gibt es über die Art und Weise der Aufteilung des Landes.

"Persönlich bin ich gegen eine Aufteilung nach Kasten oder nach Ethnien, denn das könnte einen neuen Bürgerkrieg auslösen. Besser ist es, wenn in den Teilstaaten eine gemischte Bevölkerung lebt und der Name der Provinz erkennbar wird."

Seit der Demokratiebewegung von 1990 sind die Nepalis schon viele Irrwege gegangen, aber dadurch ist im Himalajaland auch einiges in Bewegung geraten. Die Trennlinien entlang religiöser und ethnischer Kriterien, die über Jahrhunderte Reichtum und Macht bestimmten, lassen sich nicht so einfach auflösen.

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