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Nerviges Thema, wichtiges Thema

Sven Plöger und Frank Böttcher rechnen vor, dass die Existenz von mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde von uns allen ein Umdenken verlange: Denn wollten alle so leben wie wir, könnte unser Planet nur zwei Milliarden Menschen Raum geben.

Von Dagmar Röhrlich | 23.09.2013

Als 1992 der Weltgipfel von Rio de Janeiro zu Ende ging, herrschte Aufbruchsstimmung - nichts weniger als die "Rettung der Erde" schien möglich: In der breiten Öffentlichkeit wurde über Begriffe wie "Nachhaltigkeit" diskutiert und über den "anthropogenen Treibhauseffekt". Als dann 1997 das Kyoto-Protokoll die Emissionen der Industrieländer begrenzte, war die Stimmung schon etwas abgekühlt. Und heute, gefühlte hundert UN-Klimakonferenzen weiter, herrscht eher Katzenjammer:

"Die Ziele des Kyoto-Protokolls wurden von vielen Staaten nicht erreicht und eine Nachfolgevereinbarung rückt von Klimakonferenz zu Klimakonferenz in immer weitere Ferne, so dass auch die Medien zunehmend das Interesse an diesen Veranstaltungen verlieren."

Widerstreitende nationale Interessen lassen Fortschritte höchstens im Schneckentempo zu. Gleichzeitig streiten sich Klimaskeptiker, die das Problem für ausgemachten Unsinn halten, und Klimawarner, die versuchen, die Gesellschaft zum Handeln zu bewegen.

Es sind ermüdende Rituale, die da abgespult werden. Und manch‘ einer winkt beim Thema Klimawandel inzwischen einfach genervt ab:

"Das Klimathema ist wahnsinnig kompliziert, und mein Eindruck ist sehr stark der, dass wir zwar erleben, dass die Wissenschaft immer mehr zeigt: Ja, es gibt einen Zusammenhang Mensch-Klimawandel, dass aber gleichzeitig in der Öffentlichkeit, in der Bevölkerung, der Zweifel an diesem Konsens der Wissenschaftler immer größer wird, die Unsicherheit immer größer wird."

erklärt Meteorologe und TV-Moderator Sven Plöger. Deshalb hat er zusammen mit Co-Autor Frank Böttcher das Wissen über das Problem in einem Buch zusammengetragen. Der Erscheinungstermin ist mit Bedacht gewählt: Am kommenden Freitag veröffentlicht der Weltklimabeirat IPCC den ersten Teil des neuesten Weltklimareports. Wetterkommunikator Frank Böttcher vom Institut für Wetter- und Klimakommunikation in Hamburg:

"Es lag so ein kleines bisschen in der Luft. Das Thema ist ja aus der Wissenschaft ein bisschen hinausgewandert in den gesellschaftlichen Bereich und auch in den politischen Bereich hinein. Und das setzt einen natürlich dann auch ein bisschen unter Zugzwang, weil man tatsächlich nicht nur die Fakten auf den Tisch hat, sondern auch politische Meinungen und viele Intentionen dazu, also viele, viele Blickwinkel. In dieser Gemengelage ist es ganz schwer, sich zu informieren. Was ist denn tatsächlich jetzt Stand der Wissenschaft, und was ist möglicherweise auch durch irgendwelche Einflüsse interessierterweise verändert."

So geht es in "Klimafakten" auf der einen Seite um Naturwissenschaften: Leicht verständlich wird erklärt, wie Klimasimulationen funktionieren, was sich hinter Klimaphänomenen wie der "Nordatlantischen Oszillation" verbirgt oder warum der Kohlendioxid-Ausstoß die Meere versauert. Daneben geht es auch um die gesellschaftliche Dimension: um Emissionshandel etwa, die Energiewende oder die Frage, warum es eigentlich nicht weitergeht beim Klimaschutz:

"Es kann schon zum Haare raufen sein, wenn wir wieder mal hören, dass sich eine Vielzahl von Politikern aus aller Welt per Flugzeug zur jährlichen Klimakonferenz begeben hat – und am Ende nichts weiter als vage Absichtserklärungen formuliert werden. Dabei drängt die Zeit: Das so oft genannte Zwei-Grad-Ziel kann realistisch eigentlich nicht mehr erreicht werden und dennoch treten wir auf der Stelle und warten auf ... ja, auf was eigentlich?"

Sachlich wie bei den naturwissenschaftlichen Betrachtungen, schlüsseln die Autoren dann die Gründe für die abwartende Haltung der Politiker auf. Etwa, dass die Ergebnisse der Modellrechnungen noch wenig konkret sind, wenn es um den Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 geht: Dem vierten IPCC-Bericht zufolge soll er im globalen Mittel zwischen 1,8 und 6,4 Grad liegen. Weil mit der Zeit jedoch die Erkenntnisse wachsen, werden die Prognosen besser und damit die Investitionen in den Klimaschutz immer lukrativer, so die Logik der Politiker. Denn vor allem geht es ums Geld:

"Wir machen im Moment aus meiner Sicht den großen Fehler, dass wir unsere aktuellen Ziele immer nicht erreichen, also wie zum Beispiel 15 Prozent Kohlendioxidausstoß Verminderung bis zum Jahr 2020. Und dann sagen wir als Kontrastsatz einfach dagegen: Naja dann nehmen wir eben etwas größere Ziele und stecken diese größeren Ziele in eine fernere Zukunft, sagen: Na ja, 2050 schaffen wir dann aber 80 Prozent."

Die Kosten werden in die Zukunft verlagert - und vielleicht löst sich bis dahin manches Problem ja von selbst, so die Hoffnung. Beispiel: China. Das Land forderte bislang, für den Klimaschutz bezahlt zu werden:

"Man schaue sich jetzt Städte wie Peking an: Wir haben eine Gesundheitskostenexplosion durch die Umweltverschmutzung. Wenn diese Kosten und dieser Leidensdruck zu hoch werden, sagen sich die Chinesen möglicherweise selber, wir müssen investieren, wir müssen unsere Beiträge zum Klimaschutz, zum Umweltschutz massiv erhöhen, denn so kommen wir nicht weiter."

Also hat die chinesische Regierung jetzt ihren Umweltetat massiv erhöht. Das Problem beim Abwarten:

"Bezogen auf ein nur kurzes Zeitfenster mit moderaten Klimaänderungen, das uns die Natur unseres Planeten zur Verfügung stellt, führen solche Handlungsmuster jedoch immer zu einem zu späten Handeln!"

Und damit zu immer höheren Kosten für künftige Generationen. Hier müsse sich die internationale Politik weiterentwickeln, fordern die beiden Autoren. Angesichts der Tatsache, dass die Menschheit derzeit - statistisch gesehen - die nachwachsenden Ressourcen von 1,4 Erden verbrauche, sei eines klar: Weiter so, gehe nicht:

"Seitdem es Menschen auf diesem Planeten gibt, das ist etwa 200.000 Jahre her, 110 Milliarden Menschen auf diesem Globus geboren worden sind. Aktuell sind wir ungefähr sieben Milliarden. Das bedeutet, aktuell sind da draußen 6,3 Prozent aller jemals zur Welt gekommenen Menschen unterwegs. Und ich glaube, es ist wichtig zu verstehen: Wir haben einen Einfluss auf unsere Umwelt."

Am Ende ihres kurzen, gut geschriebenen und informativen Buches legen die beiden Autoren dann auch ihre Hoffnungen auf die Zukunft: nämlich auf die jüngere Generation:

"Einer neuen Politikergeneration wird es möglicherweise viel leichter gelingen, zu einem weltweiten Konsens in Bezug auf den Klimawandel zu gelangen. Erstens sind sie für das Thema sensibilisiert und zweitens sind jüngere Menschen selbstverständlich auch viel intensiver von den sich verschärfenden Umweltproblemen betroffen."

Sven Plöger / Frank Böttcher: "Klimafakten"
Westend Verlag, 176 Seiten, 12,99 Euro
ISBN: 978-3-864-89048-2