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StartseiteKultur heuteNeu heißt ungewiss03.09.2009

Neu heißt ungewiss

Wikipedia will mit farblicher Kennzeichnung für Zuverlässigkeit sorgen

Wikipedia will neue Einträge farblich kennzeichnen, um dem User zu ermöglichen, den Text als neu erkennen zu können. Je öfter der Eintrag aufgerufen und bearbeitet wird, als desto vertrauenswürdiger gilt er - und umso mehr verblasst seine Farbe.

Von Burkhard Müller-Ullrich

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"Was ist Wahrheit?", soll Pontius Pilatus mehr oder weniger achselzuckend zu Jesus gesagt haben, nachdem er ihn verurteilt hatte. Und so ähnlich wursteln wir uns alle durch die Wissenskultur von heute: Ein Klick bei Google, da wird man auf Wikipedia verwiesen; ein Klick bei Wikipedia, da steht die zusammengegoogelte Wahrheit.

"Wird schon alles nicht stimmen", lautet die angemessene Haltung des modernen Zynikers im Umgang mit der größten Enzyklopädie aller Zeiten. Auf Wikipedia, das weiß inzwischen jeder, sollte man sich nicht zu sehr verlassen, außer man muss es wegen großer Eile, also immer.

Es gibt nämlich einen Zusammenhang zwischen den beiden philosophischen Grundproblemen Wahrheit und Zeit. Die Denker der Antike ahnten ihn, die Journalisten des 21. Jahrhunderts kennen ihn: Schnell ist das Gegenteil von gründlich und deshalb oft von richtig. Denn die Wahrheit, wenn wir mal von göttlichen Offenbarungen absehen, ist eine widerspenstige Sache: Sie hält sich gern versteckt; man muss sie mühsam freilegen, zusammentragen, prüfen.

Wahrheit macht Arbeit – aus diesem Grund ist das Menschheitsprojekt Wikipedia solch ein Segen. Wir können die Wahrheitsarbeit unzähliger Autoren nutzen, bloß einige von denen haben Spaß daran, Lügen und Unsinn mit hineinzuschmuggeln. Zum Beispiel wurde vor ein paar Monaten dem Bundeswirtschaftsminister kurzfristig ein falscher Vorname angehängt, woraufhin prompt zahlreiche Medien vom "Handelsblatt" bis zur "Süddeutschen" und von Spiegel-Online bis zu "Bild" den Namen übernahmen.

Damit so etwas nicht andauernd passiert, gibt es bei Wikipedia inzwischen eine Art Chefprinzip, das dem ursprünglichen Ideal der freien Mitmachdemokratie ein bisschen widerspricht. Neue Einträge werden erst mal von zuverlässigen Wikipedianern geprüft. Und jetzt ist geplant, die Neuheit farblich zu signalisieren. So soll ein frischer Text aus unbekannter Quelle einen orangefarbenen Hintergrund bekommen; je länger der Text dann online steht und je öfter er aufgerufen und möglicherweise bearbeitet wird, als desto vertrauenswürdiger gilt er – und umso mehr verblasst das Orange zum Weiß.

Damit bringt Wikipedia genau die beiden wichtigsten Wahrheitskriterien zum Ausdruck, die unter den Philosophen der Renaissance diskutiert wurden: die Länge der Tradition und die Zustimmung vieler. Auf die Frage: "Was ist Wahrheit?" lautet die Antwort demzufolge: "Wahrheit ist, was sich bewährt."

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