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Neubesichtigung eines Weltentdeckers

Der Weltentdecker als geplagter Mann, so müsste man das Motto dieser Ausstellung wohl auf den Punkt bringen. Christoph Kolumbus, der Antiheld, der Privatmann, der gescheiterte Potentat begegnet in dieser einzigartigen Schau im Archivo General de Indias in Sevilla dem Besucher.

Von Gregor Ziolkowski |
    Denn nicht so sehr die glorreiche Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 steht im Zentrum dieser biographischen Ausstellung, sondern recht eigentlich die Nachgeschichte des Grossereignisses. "Kolumbus in Andalusien” – so der Titel der Ausstellung – das war zunächst ein steiler Aufstieg. Der Genueser war 1485 aus Portugal, wo er knapp zehn Jahre lang versucht hatte, seinen Traum von einer Westfahrt nach Indien zu verwirklichen, nach Spanien gekommen. Sieben Jahre später war es soweit: Im April 1492 unterzeichnete er mit den "katholischen Königen” Ferdinand und Isabella jenen Pakt, der ihn zum Vizekönig der neuen Territorien ernannte und ihm zehn Prozent der zu erwartenden Einnahmen zusicherte.

    Bekanntlich war die Unternehmung erfolgreich, im Oktober desselben Jahres war die erste Insel des neuen Kontinents entdeckt. Aber ausgerechnet das spektakulärste Stück der Ausstellung ist das Zeugnis vom Tiefpunkt der Karriere des Christoph Kolumbus. Es ist der bis vor kurzem verschollen geglaubte Bericht des Untersuchungsrichters Francisco de Bobadilla, der im Jahr 1500 ausgeschickt worden war, um das Gebaren und die Kolonialpolitik des Admirals und Vizekönigs Kolumbus unter die Lupe zu nehmen. Die Zeugenaussagen, die er zusammentrug, waren überaus negativ für Kolumbus, was nicht weiter verwunderlich ist: Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass man nicht nur eine Inselgruppe, sondern einen ganzen Kontinent entdeckt hatte, der Exklusivvertrag mit dem Seefahrer war lästig geworden. Längst hatte man anderen Seefahrern Lizenzen erteilt, ihrerseits Entdekkungsfahrten zu unternehmen. Und so endete die dritte Ausfahrt des Christoph Kolumbus mit einer Erniedrigung: nicht nur seines Amtes und seiner Privilegien enthoben, sondern obendrein in Ketten gelegt, kehrte er nach Spanien zurück. Lola Sánchez Jáuregui, Mitkuratorin der Ausstellung, zum weiteren Schicksal des Entdeckers.

    "Er hat dann doch nicht das Recht verloren, noch eine weitere Expedition zu unternehmen, freilich gab es inzwischen auch andere, die das taten. Die Ungnade, in die er fiel, war aber nicht so grundsätzlich. Dieses Dokument lieferte die Begründung für seine Absetzung, und natürlich erkennt man darin auch das politische Interesse, das hinter dieser Entscheidung steckte. Kolumbus hat von da an versucht, seinen Titel als Vizekönig und seine Privilegien zurückzubekommen, was ihm nie gelungen ist. Er wollte das am Ende in einer Audienz bei König Ferdinand durchsetzen, die dann nicht mehr stattfand: Noch bevor er Segovia erreichte, starb er in Valladolid. "

    Solche im wesentlichen weltlichen Einwirkungen waren nicht die einzigen, mit denen Kolumbus zu kämpfen hatte. Ein Messgewand des mächtigen Kardinals Cisneros symbolisiert in der Ausstellung die geistliche Seite der Intrigen. Eine Gruppe von Franziskanermönchen hatte sich – ebenfalls im Jahr 1500 – in einem Bericht an den Kardinal äusserst negativ über Kolumbus ausgelassen.

    "Es gibt in dieser Ausstellung vor allem Originalbriefe von Kolumbus, die er an seine Söhne richtete oder an die Königin, die praktisch seine Gönnerin war. Man kann in diesen Dokumenten sehen, wie die Beziehungen zwischen Kolumbus und den entsprechenden Adressaten waren und vor allem, was ihn bewegt hat. Hier wird die Person hinter der grossen Entdeckung sichtbar. "

    Ein Brief Kolumbus´ an Papst Alexander VI. aus dem Jahr 1502 – Kolumbus befand sich auf seiner vierten und letzten Ausfahrt – erlaubt einen Einblick in die Beschaffenheit seiner Besorgnisse. Da bittet der Seefahrer um die Konzession, Priester und Mönche auswählen zu dürfen, die die Christianisierung des neuen Kontinents vorantreiben sollten. Eine Angelegenheit, die die Kirche natürlich lieber selbst in die Hände nehmen wollte. Und im selben Brief die Interpretation des Kolumbus, was zu seiner Absetzung als Vizekönig geführt haben mochte: die 120 Zentner Gold, die er den katholischen Königen versprochen habe, seien leider bislang nicht gefunden worden.

    In anderen Briefen meldet sich ein desillusionierter Kolumbus zu Wort, der zum einen die Schmach seiner Degradierung nicht verwunden hat und der zum anderen an zahlreichen Gebrechen leidet, die sein abenteuerliches Leben ihm zugefügt hat. Zeitgenössische Seefahrer-Instrumente, Gemälde und Landkarten dieser durch Kolumbus´ Entdeckung neu zu vermessenden Welt komplettieren diese Ausstellung, deren besonderer Wert freilich in der biographischen Dokumentation liegt, die sie leistet und die so noch nie unternommen wurde.