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Neue Filme
Verschiedene Neuanfänge auf der Leinwand

Ob mit einem Visum für die USA, beim Besuch der neuen Schule oder aber in Freiheit nach einem Gefängnisaufenthalt: Die Protagonisten der neuen Kinofilme "Letzte Tage in Havanna", "Wunder" und "Nur Gott kann mich richten" hoffen auf einen Neubeginn.

Von Jörg Albrecht | 24.01.2018

    Am ersten Schultag begleiten Auggie im Film "Wunder" sein Papa Nate, seine Mama Isabel, seine Schwester Olivia - und sein Helm
    Am ersten Schultag begleiten Auggie im Film "Wunder" sein Papa Nate, seine Mama Isabel, seine Schwester Olivia - und sein Helm (imago stock&people)
    "Letzte Tage in Havanna" von Fernando Pérez
    Ihn würde nichts von dem interessieren, was er erzähle, wirft Diego seinem Mitbewohner Miguel an den Kopf. Das liege daran, verteidigt sich Miguel, dass er - Diego - in letzter Zeit nur noch ein einziges Thema habe: nämlich Sex. Er sei zwar am Arsch, antwortet dieser, aber seine Libido und sein Herz würden noch leben. Um seine Worte zu untermauern, legt Miguel einen Porno ein.
    Männerwirtschaft in einer heruntergekommenen Wohnung in der Altstadt von Havanna. Diego und Miguel sind Freunde aus der Schulzeit. Nur Freunde, kein Paar. Mittlerweile sind beide in ihren Vierzigern. Zwei Männer, die für eine Generation stehen, für die es auch im Kuba nach Fidel Castros Tod keine Zukunft zu geben scheint.
    Der eine - Miguel - wartet auf sein Visum für die USA, der andere - Diego - auf seinen Tod. Denn er ist an AIDS erkrankt. Diego ist ans Bett gefesselt und auf Miguels Hilfe angewiesen. Im Gegensatz zu seinem todkranken Freund, der immer noch vor Lebensfreude sprüht, ist Miguel fast verstummt. Die Trostlosigkeit seines Alltags - er arbeitet als Tellerwäscher - spiegelt sich in seinem Gesicht. Nur noch der Traum von einem Neuanfang in den USA hält ihn am Leben. Eine Wohnung in Havanna als Spiegelbild für den prekären Zustand eines ganzen Landes: Das betont Fernando Pérez in dieser kolportageartigen Liebeserklärung an seine Landsleute so überdeutlich, dass die Figuren eher Mittel zum Zweck sind als lebendige, authentische Charaktere.
    "Letzte Tage in Havanna": zwiespältig
    "Wunder" von Stephen Chbosky
    "Wir treffen uns nach der Schule genau hier, okay? Genau hier."
    Eine Mutter verabschiedet ihren Sohn, dessen erster Schultag gleich beginnen wird. Auch der Vater hält noch ein paar wertvolle Tipps bereit.
    "Heb nur einmal pro Stunde deine Hand - egal, wie viel du richtig beantworten kannst." - "Check."
    Selbst die ältere Schwester ist zur Unterstützung mitgekommen. Ihre Worte verraten, warum sich der erste Schultag ihres Bruders von dem anderer Kinder unterscheidet.
    "Wenn sie dich anstarren, lass sie einfach starren! Wer etwas ganz Besonderes ist, muss sich nicht verstecken."
    Seit seiner Geburt hat der zehnjährige Auggie ein fehlgebildetes Gesicht. Eine Erbkrankheit ist schuld daran, dass sein Kopf deformiert ist. Bisher ist Auggie, der im Freien meist mit einem Astronautenhelm auf dem Kopf herumläuft, zu Hause unterrichtet worden. Zu groß ist die Angst, andere Kinder könnten ihn wegen seines Aussehens hänseln. Doch jetzt wartet auf den aufgeweckten und für sein Alter überdurchschnittlich intelligenten Jungen eine öffentliche Schule.
    Der Satz, dass Kinder ja so grausam sein können, fällt zwar nicht. Aber das Programm, das die Hollywoodproduktion "Wunder" abspult, ist das zu erwartende: Erst wird Auggie von vielen wie ein Aussätziger behandelt, bevor sich dann sukzessive die Ablehnung in Zuneigung verwandelt.
    "Sieh' mich an, Auggie! Der Junge scheint ein Volltrottel zu sein. Wenn jemand dich schubst, dann musst du zurückschubsen. Hab' keine Angst vor niemandem!" - "Warum flüstern wir?" - "Weil ich Angst vor deiner Mom habe."
    Ein Film, dessen Lektion es ist, dem Zuschauer zu vermitteln, dass es stets auf die inneren Werte ankommt und Schönheit ohnehin im Auge des Betrachters liegt, droht zwangsläufig zu einem klebrigen Brei zu verklumpen. Dass es nicht so schlimm wird, ist Stephen Chboskys einfühlsamer Regie und den guten Darstellerleistungen zu verdanken.
    "Wunder": akzeptabel
    "Nur Gott kann mich richten" von Özgür Yildirim
    "Auf dich, Ricky!"
    "Auf dich, Dicker! Das ist ein geiler Laden, Dicker."
    "Nein, mehr Schein als Sein."
    "Hallo! Guck dich mal um! Alles richtiggemacht. Ich hätte auch gern so was."
    Nach fünf Jahren, die er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls im Bau gesessen hat, will Ricky, den Moritz Bleibtreu in Gestik und Mimik wie die Karikatur eines Filmgangsters angelegt hat, neu anfangen. Da ihm aber das nötige Startkapital für eine Beteiligung an einer Bar fehlt, kommt das Angebot seines Kumpels gerade recht. Der plant ein todsicheres Ding mit einer albanischen Bande.
    "Das sind schwierige Typen, Dicker. Worum geht es denn?"
    "Haben sie noch nicht gesagt."
    Um es kurz zu machen: Es geht um einen Rucksack voll mit Heroin. Den wird Ricky zusammen mit seinem Bruder erbeuten, auf der Flucht vor der Polizei dann aber wieder verlieren. Eine von Birgit Minichmayr gespielte Polizistin findet den Rucksack und ergreift die Chance, die Drogen zu Geld zu machen, um so ihre schwerkranke Tochter zu retten.

    "Dann würden wir nach einem Spenderherz suchen. Das Ganze auf dem inoffiziellen Markt in Osteuropa."
    "Wie viel?"
    "30.000."
    Die Geschichte ist hanebüchen und orientiert sich ausschließlich an US-amerikanischen Gangsterstreifen. Die fehlende Glaubwürdigkeit aber ist gar nicht einmal das Problem von "Nur Gott kann mich richten", sondern dass Drehbuchautor und Regisseur Özgür Yildirim keine eigene Handschrift hat. Durch das Suhlen in Klischees und das Kopieren von Genrestandards fehlt seinem Film jede Verortung in der deutschen Realität. Die Fernsehserie "4 Blocks" macht das besser, viel besser.
    "Nur Gott kann mich richten": zwiespältig