"Jeden Tag sehe ich dieselben Headlines,
Verbrechen im Namen des Herrn.
Menschen begehen Grausamkeiten in seinem Namen.
Sie morden und entführen, ohne sich zu schämen.
Aber hat er uns Hass, Gewalt und Blutvergießen gelehrt?
Nein… oh nein!"
Sami Yusuf singt für den Islam. Traditionelle Gesänge kombiniert er mit Pop-Elementen. Der Brite aserbaidschanischer Herkunft ist einer der Superstars junger Muslime in aller Welt, ein Idol der Pop-Muslime, wie Julia Gerlach sie in ihrem Buch nennt: Sie sind jung, religiös, trendbewusst, erfolgsorientiert - und sie wollen die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, voranbringen:
"Die Bewegung ist ebenso global, ebenso fromm und ebenso aktionsorientiert wie Al Kaida, doch sie hat sehr viel mehr Anhänger. Die Pop-Muslime sind eine Avantgarde. (…) Ihre Mischung aus Islamismus und westlichem Lifestyle, die Herausbildung einer eigenen islamischen Etikette, die beispielsweise den Umgang der Geschlechter in islamisch korrekter Weise regelt, und zugleich der unbedingte Wille, in der deutschen Gesellschaft erfolgreich zu sein, sprengen die herkömmlichen Raster."
Sami Yusuf, der ägyptische Prediger Amr Khaled, und der 80-jährige Rechtsgelehrte Scheich Qaradawi – sie sind die drei Säulenheiligen des Pop-Islam. Amr Khaled ist der bekannteste von ihnen. Seine Botschaften verbreitet er über den Satellitensender Iqra-TV, einen "Islam-only"-Sender, der von Saudi-Arabien finanziert wird, dem Mutterland des radikalen Wahhabismus. Das Programm versteht sich als Alternative zum unanständigen westlichen Schmuddel-TV - Saladin statt Soft-Pornos. Julia Gerlach bezeichnet Amr Khaled und seine Show als stilprägend für die Fangemeinde:
"Amr Khaled predigt einen Mitmach-Islam: Er will, dass die Menschen bessere Muslime werden, frommer und bewusster. Zugleich sollen sie ihr Leben in die Hand nehmen. (…) Die islamische Welt soll sich selbst aus dem Sumpf der Probleme ziehen. Erfolg ist gottgefällig. Ist ein frommer Mensch erfolgreich, dann ist dies die beste Werbung für den Islam, so die Logik. Im Bücherregal vieler Amr Khaled-Anhänger stehen daher Ratgeber zum Thema Zeitmanagement oder Business-Strategien gleich neben dem Koran."
Amr Khaled spricht im Stil amerikanischer Tele-Evangelisten über alles, was die Jugendlichen interessiert: Jobprobleme, Liebe und auch ein bisschen Sex. Doch Autorin Julia Gerlach warnt vor einem grundlegenden Missverständnis: Was "modern" daher komme, sei noch lange nicht "liberal":
Gerlach: "Dass beispielsweise Musik und Islam sich nicht zu widersprechen brauchen, das ist was Neues. Das heißt, in vielen Punkten versuchen sie, ihren Islam, wie sie sagen, mit dieser Kultur zusammenzubringen. In vielen anderen Punkten stehen die aber auch für ein sehr konservatives Islamverständnis. Das heißt, an Kopftuch, an Geschlechtertrennung und an 'kein Sex vor der Ehe’ geht da bei wenigen ein Weg dran vorbei."
Auf Iqra-TV tragen Mütter sogar in Werbespots für Windeln ein Kopftuch. Fulla, die islamische Antwort auf Barbie, ist zwar gut gebaut, aber eben verschleiert. Und Amr Khaled wird in Fragen des Anstands mitunter recht drastisch:
"Wenn ihr in diesem Sommer in Scharm el Scheich seid oder in Alexandria am Strand, und ihr entdeckt ein Mädchen, das Euch gefällt, dann vergesst nicht: Der Teufel liegt auf der Lauer!"
Der dritte Superstar der Bewegung, den Gerlach in ihrem Buch ausführlich porträtiert, ist Scheich Yusuf al Qaradawi. Qaradawi passe nicht so recht ins übliche Freund-Feind-Schema, meint Julia Gerlach, um seine Lehren dann so zu beschreiben:
"Scheich Qaradawi ist davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch dem nicht-muslimischen Teil der Weltbevölkerung die Überlegenheit des Islam über alle anderen Weltanschauungen klar wird."
Die Überlegenheit des Islam - ist es das, woran junge Muslime in Europa sich aufrichten? Und auch folgende Darstellung Gerlachs stimmt nachdenklich:
"Scheich Qaradawi ist ein scharfer Kritiker des Terrors im Namen des Islam. Allerdings verurteilt er nicht jede Form der Gewalt. Qaradawi zeigt nicht nur Verständnis für die Jugendlichen, die sich - da sie keine anderen Waffen zur Verfügung hätten – in israelischen Einkaufsstraßen in die Luft sprengen. Er legitimiert ihr Handeln sogar religiös. Es sei zwar Muslimen nicht erlaubt, gegen Zivilisten Gewalt anzuwenden. Da jedoch alle Israelis, Frauen und Männer, zum Militär gingen, gäbe es dort keine Zivilisten."
Kritiker sehen insbesondere Amr Khaled als eine Art Einstiegsdroge: Seine Kuschelversion des Islam solle Jugendliche für die Botschaft militanter Prediger empfänglich machen, fürchten sie. Tatsächlich ist die Nähe zur Ideenwelt der ägyptischen Muslimbrüder offenkundig, jener Mutterorganisation der meisten militanten muslimischen Gruppen. Die Muslimbrüder traten aber, so viel historische Gerechtigkeit muss sein, auch für soziale Reformen ein und für geradezu bürgerliche Ideale: für Fleiß und Erfolg. Eine islamistische Reformbewegung als Antwort auf den europäischen Kolonialismus und die tiefe Krise der arabischen Welt. Aus einer ähnlichen Motivation heraus greifen Jugendliche heute Appelle wie die Amr Khaleds begierig auf:
"Amr Khaled gibt den Impuls, und wie ein Blitz schlägt seine Idee ein: In vielen Städten der Welt beginnen junge Muslime, sich zu engagieren. Sie sammeln Kleider für Obdachlose, schicken Hilfspakete in den Sudan, sie begrünen die Dächer ihrer Häuser und veranstalten Computerkurse für Menschen, die bisher von der Internetrevolution ausgeschlossen waren. Sie setzen sich an Universitäten und Schulen für Rauchverbote ein. (…)Die besten und aktivsten Jugendlichen dürfen ihre Arbeit in der (Fernseh-)Show vorstellen. Das motiviert."
Und welche Schlüsse ziehen muslimische Jugendliche in Europa, in Deutschland aus all dem?
"Schwester, diese Zeilen gehen raus an Dich.
Du verdeckst Deine Schönheit, machst sie nicht öffentlich. Und das aus Liebe zu Allah, aus Liebe zum Koran."
Rapper Ammar, vom Verfassungsschutz beargwöhnt, bringt das Lebensgefühl der Pop-Muslime in Deutschland auf den Punkt:
"Wer ist blind, blind sind sie, mit ihrem Terrorwahn und ihrer arroganten Theorie: Eine tickende Bombe hinter jedem Hijab (Kopftuch), eine Gefahr für den Staat, wie es sie vorher niemals gab."
Auch in Deutschland, berichtet Julia Gerlach, haben sich insbesondere seit dem 11. September junge Muslime auf die Suche nach den Ursprüngen ihrer Religion gemacht und nach den Wurzeln ihrer Identität. Was dabei herauskommt, ist eine neue Frömmigkeit, die sich von stumpfssinnigem Gehorsam und Gewalt genau so abgrenzt wie von den ausgehöhlten Werten einer hedonistischen Mehrheitsgesellschaft: Julia Gerlach hat Mädchen getroffen, die sich gegen ihre Väter durchsetzten und heute Politologie studieren, an der Uni, einer "unsicheren" Umgebung, wie besorgte muslimische Eltern meinen. Sie lässt Abdurrahim aus Limburg seine Geschichte erzählen: Dem ambitionierten Studenten wurde die deutsche Staatsbürgerschaft wieder aberkannt, als herauskam, dass er ein Funktionär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs ist. Sie stellt uns Hamide vor, die knackige Jeans trägt und ein enges T-Shirt, die an der Fachhochschule in Frankfurt studiert und nebenher als Fitnesstrainerin arbeitet – mit Kopftuch.
Über weite Passagen lässt Julia Gerlach Jugendliche selbst erzählen und gibt so jungen Muslimen eine authentische Stimme. Einig sind sie sich darin: Erst kommt die Religion, dann alles andere. Integration soll sein, Engagement für die ganze Gesellschaft, nicht nur für die eigene community. Die Expansion des Islam ist für viele ein Ziel. Und fast alle bewerten Gewalt und Terrorismus im Namen des Islam als einen Irrtum.
"Sie sind nicht bereit, sich an alle deutschen Sitten und Gebräuche anzupassen. Jugendliche, die bei der Schulparty nicht mittrinken, die bei der Klassenfahrt nicht Flaschendrehen spielen wollen und am Samstagabend in die Moschee und nicht ins Kino gehen, lösen nicht nur bei ihren Mitschülern Unbehagen aus. Die jungen Muslime stellen unseren Lebensstil, unsere Werte in Frage, indem sie diese nicht übernehmen. Wieso wollen sie unsere Freiheit nicht, was ist falsch an ihr?"
Auch wenn Julia Gerlach gelegentlich die Distanz zu ihrem Gegenstand abhanden zu kommen scheint, so ist ihr Fazit doch klar genug: Differenziert analysiert sie Chancen und Gefahren, die von der neuen Frömmigkeitsbewegung ausgehen. Die Einheit von Politik und Religion ist für die, mit denen Gerlach gesprochen hat, selbstverständlich. Das ist beunruhigend. Was die Autorin jedoch zurecht lobt, ist die klare Ablehnung von Gewalt. Das, so Gerlach, mache die Pop-Muslime zu einem potenziellen Partner. Die Autorin plädiert deshalb für mehr Offenheit:
Gerlach: "Wenn da eine westliche, deutsche Sozialarbeiterin hinkommt und sagt, Gewalt ist der falsche Weg, dann sagt der: Nee, mit Dir rede ich nicht, Du bist ungläubig. Wenn hingegen jemand kommt, der mit dem Koran in der Hand dem sagt, hier steht das und das, und Du bist auf dem falschen Weg, dann hilft das sicherlich sehr viel weiter. Dazu ist es allerdings nötig, dass die Grenze etwas verschoben wird der Organisationen, mit denen geredet wird und mit denen nicht geredet wird. Ich denke, dass man sagen sollte, wer für die Gewalt ist, mit dem reden wir nicht. Aber all die, egal wie religiös, die sich gegen die Gewalt aussprechen und die bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten, herzlich willkommen, das sollten wir zusammen machen."
Julia Gerlach hat eine aufschlussreiche und gründlich recherchierte Studie vorgelegt. Mit ihrer Mischung aus Reportage, Analyse und eigenen Einschätzungen, mit Exkursen zur Entstehung des Islamismus und den islamischen Organisationen in Deutschland ermöglicht sie Einblicke in eine Welt, die den meisten bislang fremd und verschlossen bleibt. "Ich bin Muslim, und das ist hip", so eine der Kapitelüberschriften. Aber nicht Muslim zu sein, ist es eben auch. Vielleicht herrscht darüber irgendwann gegenseitiges Einverständnis. Gerlachs Buch könnte da helfen.
Julia Gerlach: Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland.
Ch. Links Verlag. Berlin 2006.
256 Seiten, 16,90 Euro
Verbrechen im Namen des Herrn.
Menschen begehen Grausamkeiten in seinem Namen.
Sie morden und entführen, ohne sich zu schämen.
Aber hat er uns Hass, Gewalt und Blutvergießen gelehrt?
Nein… oh nein!"
Sami Yusuf singt für den Islam. Traditionelle Gesänge kombiniert er mit Pop-Elementen. Der Brite aserbaidschanischer Herkunft ist einer der Superstars junger Muslime in aller Welt, ein Idol der Pop-Muslime, wie Julia Gerlach sie in ihrem Buch nennt: Sie sind jung, religiös, trendbewusst, erfolgsorientiert - und sie wollen die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, voranbringen:
"Die Bewegung ist ebenso global, ebenso fromm und ebenso aktionsorientiert wie Al Kaida, doch sie hat sehr viel mehr Anhänger. Die Pop-Muslime sind eine Avantgarde. (…) Ihre Mischung aus Islamismus und westlichem Lifestyle, die Herausbildung einer eigenen islamischen Etikette, die beispielsweise den Umgang der Geschlechter in islamisch korrekter Weise regelt, und zugleich der unbedingte Wille, in der deutschen Gesellschaft erfolgreich zu sein, sprengen die herkömmlichen Raster."
Sami Yusuf, der ägyptische Prediger Amr Khaled, und der 80-jährige Rechtsgelehrte Scheich Qaradawi – sie sind die drei Säulenheiligen des Pop-Islam. Amr Khaled ist der bekannteste von ihnen. Seine Botschaften verbreitet er über den Satellitensender Iqra-TV, einen "Islam-only"-Sender, der von Saudi-Arabien finanziert wird, dem Mutterland des radikalen Wahhabismus. Das Programm versteht sich als Alternative zum unanständigen westlichen Schmuddel-TV - Saladin statt Soft-Pornos. Julia Gerlach bezeichnet Amr Khaled und seine Show als stilprägend für die Fangemeinde:
"Amr Khaled predigt einen Mitmach-Islam: Er will, dass die Menschen bessere Muslime werden, frommer und bewusster. Zugleich sollen sie ihr Leben in die Hand nehmen. (…) Die islamische Welt soll sich selbst aus dem Sumpf der Probleme ziehen. Erfolg ist gottgefällig. Ist ein frommer Mensch erfolgreich, dann ist dies die beste Werbung für den Islam, so die Logik. Im Bücherregal vieler Amr Khaled-Anhänger stehen daher Ratgeber zum Thema Zeitmanagement oder Business-Strategien gleich neben dem Koran."
Amr Khaled spricht im Stil amerikanischer Tele-Evangelisten über alles, was die Jugendlichen interessiert: Jobprobleme, Liebe und auch ein bisschen Sex. Doch Autorin Julia Gerlach warnt vor einem grundlegenden Missverständnis: Was "modern" daher komme, sei noch lange nicht "liberal":
Gerlach: "Dass beispielsweise Musik und Islam sich nicht zu widersprechen brauchen, das ist was Neues. Das heißt, in vielen Punkten versuchen sie, ihren Islam, wie sie sagen, mit dieser Kultur zusammenzubringen. In vielen anderen Punkten stehen die aber auch für ein sehr konservatives Islamverständnis. Das heißt, an Kopftuch, an Geschlechtertrennung und an 'kein Sex vor der Ehe’ geht da bei wenigen ein Weg dran vorbei."
Auf Iqra-TV tragen Mütter sogar in Werbespots für Windeln ein Kopftuch. Fulla, die islamische Antwort auf Barbie, ist zwar gut gebaut, aber eben verschleiert. Und Amr Khaled wird in Fragen des Anstands mitunter recht drastisch:
"Wenn ihr in diesem Sommer in Scharm el Scheich seid oder in Alexandria am Strand, und ihr entdeckt ein Mädchen, das Euch gefällt, dann vergesst nicht: Der Teufel liegt auf der Lauer!"
Der dritte Superstar der Bewegung, den Gerlach in ihrem Buch ausführlich porträtiert, ist Scheich Yusuf al Qaradawi. Qaradawi passe nicht so recht ins übliche Freund-Feind-Schema, meint Julia Gerlach, um seine Lehren dann so zu beschreiben:
"Scheich Qaradawi ist davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch dem nicht-muslimischen Teil der Weltbevölkerung die Überlegenheit des Islam über alle anderen Weltanschauungen klar wird."
Die Überlegenheit des Islam - ist es das, woran junge Muslime in Europa sich aufrichten? Und auch folgende Darstellung Gerlachs stimmt nachdenklich:
"Scheich Qaradawi ist ein scharfer Kritiker des Terrors im Namen des Islam. Allerdings verurteilt er nicht jede Form der Gewalt. Qaradawi zeigt nicht nur Verständnis für die Jugendlichen, die sich - da sie keine anderen Waffen zur Verfügung hätten – in israelischen Einkaufsstraßen in die Luft sprengen. Er legitimiert ihr Handeln sogar religiös. Es sei zwar Muslimen nicht erlaubt, gegen Zivilisten Gewalt anzuwenden. Da jedoch alle Israelis, Frauen und Männer, zum Militär gingen, gäbe es dort keine Zivilisten."
Kritiker sehen insbesondere Amr Khaled als eine Art Einstiegsdroge: Seine Kuschelversion des Islam solle Jugendliche für die Botschaft militanter Prediger empfänglich machen, fürchten sie. Tatsächlich ist die Nähe zur Ideenwelt der ägyptischen Muslimbrüder offenkundig, jener Mutterorganisation der meisten militanten muslimischen Gruppen. Die Muslimbrüder traten aber, so viel historische Gerechtigkeit muss sein, auch für soziale Reformen ein und für geradezu bürgerliche Ideale: für Fleiß und Erfolg. Eine islamistische Reformbewegung als Antwort auf den europäischen Kolonialismus und die tiefe Krise der arabischen Welt. Aus einer ähnlichen Motivation heraus greifen Jugendliche heute Appelle wie die Amr Khaleds begierig auf:
"Amr Khaled gibt den Impuls, und wie ein Blitz schlägt seine Idee ein: In vielen Städten der Welt beginnen junge Muslime, sich zu engagieren. Sie sammeln Kleider für Obdachlose, schicken Hilfspakete in den Sudan, sie begrünen die Dächer ihrer Häuser und veranstalten Computerkurse für Menschen, die bisher von der Internetrevolution ausgeschlossen waren. Sie setzen sich an Universitäten und Schulen für Rauchverbote ein. (…)Die besten und aktivsten Jugendlichen dürfen ihre Arbeit in der (Fernseh-)Show vorstellen. Das motiviert."
Und welche Schlüsse ziehen muslimische Jugendliche in Europa, in Deutschland aus all dem?
"Schwester, diese Zeilen gehen raus an Dich.
Du verdeckst Deine Schönheit, machst sie nicht öffentlich. Und das aus Liebe zu Allah, aus Liebe zum Koran."
Rapper Ammar, vom Verfassungsschutz beargwöhnt, bringt das Lebensgefühl der Pop-Muslime in Deutschland auf den Punkt:
"Wer ist blind, blind sind sie, mit ihrem Terrorwahn und ihrer arroganten Theorie: Eine tickende Bombe hinter jedem Hijab (Kopftuch), eine Gefahr für den Staat, wie es sie vorher niemals gab."
Auch in Deutschland, berichtet Julia Gerlach, haben sich insbesondere seit dem 11. September junge Muslime auf die Suche nach den Ursprüngen ihrer Religion gemacht und nach den Wurzeln ihrer Identität. Was dabei herauskommt, ist eine neue Frömmigkeit, die sich von stumpfssinnigem Gehorsam und Gewalt genau so abgrenzt wie von den ausgehöhlten Werten einer hedonistischen Mehrheitsgesellschaft: Julia Gerlach hat Mädchen getroffen, die sich gegen ihre Väter durchsetzten und heute Politologie studieren, an der Uni, einer "unsicheren" Umgebung, wie besorgte muslimische Eltern meinen. Sie lässt Abdurrahim aus Limburg seine Geschichte erzählen: Dem ambitionierten Studenten wurde die deutsche Staatsbürgerschaft wieder aberkannt, als herauskam, dass er ein Funktionär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs ist. Sie stellt uns Hamide vor, die knackige Jeans trägt und ein enges T-Shirt, die an der Fachhochschule in Frankfurt studiert und nebenher als Fitnesstrainerin arbeitet – mit Kopftuch.
Über weite Passagen lässt Julia Gerlach Jugendliche selbst erzählen und gibt so jungen Muslimen eine authentische Stimme. Einig sind sie sich darin: Erst kommt die Religion, dann alles andere. Integration soll sein, Engagement für die ganze Gesellschaft, nicht nur für die eigene community. Die Expansion des Islam ist für viele ein Ziel. Und fast alle bewerten Gewalt und Terrorismus im Namen des Islam als einen Irrtum.
"Sie sind nicht bereit, sich an alle deutschen Sitten und Gebräuche anzupassen. Jugendliche, die bei der Schulparty nicht mittrinken, die bei der Klassenfahrt nicht Flaschendrehen spielen wollen und am Samstagabend in die Moschee und nicht ins Kino gehen, lösen nicht nur bei ihren Mitschülern Unbehagen aus. Die jungen Muslime stellen unseren Lebensstil, unsere Werte in Frage, indem sie diese nicht übernehmen. Wieso wollen sie unsere Freiheit nicht, was ist falsch an ihr?"
Auch wenn Julia Gerlach gelegentlich die Distanz zu ihrem Gegenstand abhanden zu kommen scheint, so ist ihr Fazit doch klar genug: Differenziert analysiert sie Chancen und Gefahren, die von der neuen Frömmigkeitsbewegung ausgehen. Die Einheit von Politik und Religion ist für die, mit denen Gerlach gesprochen hat, selbstverständlich. Das ist beunruhigend. Was die Autorin jedoch zurecht lobt, ist die klare Ablehnung von Gewalt. Das, so Gerlach, mache die Pop-Muslime zu einem potenziellen Partner. Die Autorin plädiert deshalb für mehr Offenheit:
Gerlach: "Wenn da eine westliche, deutsche Sozialarbeiterin hinkommt und sagt, Gewalt ist der falsche Weg, dann sagt der: Nee, mit Dir rede ich nicht, Du bist ungläubig. Wenn hingegen jemand kommt, der mit dem Koran in der Hand dem sagt, hier steht das und das, und Du bist auf dem falschen Weg, dann hilft das sicherlich sehr viel weiter. Dazu ist es allerdings nötig, dass die Grenze etwas verschoben wird der Organisationen, mit denen geredet wird und mit denen nicht geredet wird. Ich denke, dass man sagen sollte, wer für die Gewalt ist, mit dem reden wir nicht. Aber all die, egal wie religiös, die sich gegen die Gewalt aussprechen und die bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten, herzlich willkommen, das sollten wir zusammen machen."
Julia Gerlach hat eine aufschlussreiche und gründlich recherchierte Studie vorgelegt. Mit ihrer Mischung aus Reportage, Analyse und eigenen Einschätzungen, mit Exkursen zur Entstehung des Islamismus und den islamischen Organisationen in Deutschland ermöglicht sie Einblicke in eine Welt, die den meisten bislang fremd und verschlossen bleibt. "Ich bin Muslim, und das ist hip", so eine der Kapitelüberschriften. Aber nicht Muslim zu sein, ist es eben auch. Vielleicht herrscht darüber irgendwann gegenseitiges Einverständnis. Gerlachs Buch könnte da helfen.
Julia Gerlach: Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland.
Ch. Links Verlag. Berlin 2006.
256 Seiten, 16,90 Euro