Donnerstag, 19. Mai 2022

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Neue Heimat für die vergessene Prager deutschsprachige Literatur

"Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur" heißt eine neue Dauerausstellung im Prager Literaturhaus. Sie lädt ein zu einer Entdeckungsreise durch die Jahre 1890 bis 1939, in denen tschechische, deutsche und jüdische Elemente ganz selbstverständlich miteinander verwoben waren.

Von Silja Schultheis | 09.09.2012

Wie ein gemütliches Wohnzimmer wirkt das neue "Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur" – ein 34 Quadratmeter kleiner Raum, umsäumt von Bücherregalen bis unter die Decke. Neben Literatur finden sich hier alte Fotografien und Drucke, eine alte Schreibmaschine, die Taschenuhr von Egon Erwin Kisch. Zeitgenössische Film- und Tonaufnahmen. In den Schrankwänden unter den Regalen - aufschließbare Fächer und Schubladen voller Autorenkarteien:

"Wir wollten etwas Greifbares machen, etwas Interaktives, zum Anfassen. Literatur zum Anfassen, das ist das Motto der Ausstellung. Und Kabinett – das ist für uns etwas Geheimnisvolles, wo man etwas entdecken muss. "
Miloslav Man ist Kurator der Ausstellung, einer Entdeckungsreise durch das deutschsprachige Prag der Jahre 1890-1939, seiner Kaffeehäuser, Theater und Zeitungen – durch die Zeit, in der Prag multikulturell war und tschechische, deutsche und jüdische Elemente ganz selbstverständlich miteinander verwoben. Zeugnis davon geben die über 1000 Bände deutschsprachiger Autoren, die in die Ausstellung integriert sind. Julia Hadwiger betreut die Sammlung:

"Der Schwerpunkt war eben, dass man zeigt: Es ist nicht nur Kafka gewesen, es ist nicht nur Werfel, es ist nicht nur Rilke gewesen, sondern es gab noch viel, viel mehr Dichter - die heute vergessen sind, wie Paul Leppin und Oskar Wiener. Und die man aber damit wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken kann. Das war so die Intention."

Der vergessenen Prager deutschsprachigen Literatur eine neue Heimat zu schaffen, war der große Traum von Lenka Reinerova, der inzwischen verstorbenen Initiatorin des Literaturhauses. Denn nachdem die Nazis die deutsch-tschechisch-jüdische Kultursymbiose brutal zerstört hatten, wurde diese vom kommunistischen Regime nachhaltig aus dem kulturellen Gedächtnis verbannt. Lucie Cernohousova, Leiterin des Literaturhauses:

"Man hat während dieser Zeit einfach alles dafür getan, dass man über das deutschsprachige Kulturerbe, das in unserem Land entstanden ist, möglichst wenig erfährt. Ich gehöre auch zu der eher jüngeren Generation, und auch wir haben das in der Schule einfach nicht gehabt."

Bis heute ist vielen Tschechen nicht bewusst, dass sie neben traumatischen Erfahrungen mit den Deutschen auch auf eine gemeinsame kulturelle Blütezeit zurückblicken können, während der in Prag Weltliteratur geschrieben wurde:

Frantisek Cerny: "Weil viele Leute immer noch den Eindruck haben: Das war so ein Intermezzo mit den Deutschen. Das kam mit Hitler und hat nur Böses gebracht. Aber was sich da im Laufe der Jahrhunderte alles abgespielt hat. Wie man sich gegenseitig bereichert hat – das war nicht nur in der Literatur, das war in der Architektur, das war im Theater, ja."

An die wechselvolle Geschichte und Kultur der Deutschen in Böhmen und Mähren soll demnächst auch ein umfangreiches Museum im nordböhmischen Usti erinnern. Die entscheidenden Weichen für einen offenen, kritischen Umgang mit diesem Thema seien gestellt, meint der Historiker Ondrej Matejka von der Bürgerinitiative "Antikomplex":

"Die Politik hat's inzwischen begriffen, dass das kein Thema ist, um Ängste zu machen und daraus politisches Kapital zu schlagen, das macht man nicht mehr, schon seit Jahren. Und das ist auch sehr gut, muss man sagen. Das ist eine wichtige Voraussetzung, damit der kritische gesellschaftliche Prozess in Gang gesetzt werden kann bei uns."

Dabei geht es nicht nur um Vergangenheitsbewältigung. Eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Kulturtradition könne auch mit Blick auf die aktuelle Krise in Europa hilfreich sein, meint Frantisek Cerny, früherer tschechischer Botschafter in Deutschland und Mitbegründer des Prager Literaturhauses:

"Irgendwie kann man hier sehr viel finden, was Europa eher zusammenhält als auseinanderdriften lässt. Auseinanderdriften lässt uns das Geld – und die Globalisierung. Die Kultur, obzwar sie so mannigfaltig ist, könnte uns eher zusammenbringen."