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StartseiteDie neue PlatteBrückenschlagende Orgelbegegnungen26.12.2013

Neue MusikBrückenschlagende Orgelbegegnungen

Begegnungen von Alt und Neu sind in der Musik zeitlos populär. Auch drei neue Produktionen präferieren den Brückenschlag. Im Mittelpunkt steht heute die Orgel, auch beim vielleicht berühmtesten Werk von Johann Sebastian Bach.

Von Frank Kämpfer

Die Orgeln des sächsischen Orgelbaumeisters Gottfried Silbermann im Dom zu Freiberg, aufgenommen im September 1989. Das historische Instrument hat 44 Register, drei Manuale und Pedal. (picture alliance / dpa / Wolfgang Thieme)
Die Orgeln des sächsischen Orgelbaumeisters Gottfried Silbermann im Dom zu Freiberg, aufgenommen im September 1989. Das historische Instrument hat 44 Register, drei Manuale und Pedal. (picture alliance / dpa / Wolfgang Thieme)

Die drei Produktionen, die ich Ihnen im Folgenden vorstellen will, präferieren den Brückenschlag. Verschränkung von Gestern und Heute ist hier Ausgangspunkt aller Arbeit, im Instrumentarium begründet, und/oder konzeptionelle Idee. Am Mikrofon Frank Kämpfer. Im Mittelpunkt steht heute die Orgel – wir beginnen mit Bach und seinem vielleicht berühmtesten Werk.

Johann Sebastian Bach, Toccata d-Moll, Hans-Joachim Hespos, "Luftschattengelichte", Oliver Kluge (Orgel)

Ein gewohnter Fortlauf hält an, seine Ordnung zerfällt, Bisheriges wird nicht weiter geführt – ein Ausschalt-Geräusch sei noch gewährt. Doch dann, unerwartet: Etwas Neues hebt an – wirkt ungewohnt:

Johann Sebastian Bach, Toccata d-Moll, Hans-Joachim Hespos, "Luftschattengelichte", Oliver Kluge (Orgel)

Ein Zeitsprung retour: Anno 1840/41 bot sich dem Leipziger Konzertpublikum eine intensive Begegnung mit Bach. Felix Mendelssohn Bartholdy ließ in vier Konzerten zentrale Werke des einstigen Thomaskantors aufführen. Am Anfang stand ein Orgelkonzert, in dem Mendelssohn Bachs Orgelkunst aufleben ließ und sich dabei selbst als kompetenter Spieler erwies. Am Ende wurde improvisiert. Mendelssohn – in der Neuen Zeitschrift für Musik berichtete Robert Schumann darüber – stieß damit eine Art Zeitfenster auf, setzte er doch die musikalische Aussagekraft seiner eigenen Zeit in Bezug zur Zeit Bachs.

Oliver Kluge, Jahrgang 1969, Organist und Kantor der Südstadtgemeinde Hannover, hat dieses auf den 6. August 1840 datierte Konzert zu neuem Leben erweckt, und ans Ende der historischen Bach-Werke-Auswahl ein zeitgenössisches Orgelstück gestellt, das den Rahmen alles heute musikalisch Vertrauten aufsprengt. Kluge improvisiert nicht frei über Bach, er spielt Hans-Joachim Hespos‘ Stück Luftschattengelichte, das wiederum von interpretatorischen Freiheiten lebt.

Hespos seinerseits verweigert jeden direkten Bezug. Der Un-Zusammenhang – so der Komponist – sei sein Arbeitsprinzip, mit dem er erlebter Gegenwart zu entsprechen versucht. Hespos‘ Partitur weist Klang-Inseln auf – Reihenfolge und Realisierung dimensioniert der Organist. Kluge, der an der Marcussen-Orgel in der Pauluskirche Hannover einen eher unromantischen Bach präsentiert, setzt im zeitgenössischen Fach auf Extreme: Schläge von Krachlatten und sehr zarte, fantasievolle Klänge stehen in schroffem Gegensatz; farbreichen Klangschichtungen folgt … Leere. Grundidee der Komposition ist die Zusammenhanglosigkeit. Ein Zeitfenster des Nicht- oder zumindest des Nicht-direkt-Korrespondierens schlägt auf:

Hans-Joachim Hespos, Luftschattengelichte, Oliver Kluge (Orgel)

Oliver Kluge spielt Hans-Joachim Hespos und Johann Sebastian Bach. Der barocke Meister ist mit sechs Werken vertreten, z.B. der bekannten Toccata d-Moll. Der vielleicht entscheidende Beitrag zum Verständnis der beim Label Rondeau editierten CD ist das Komponistengespräch. Es steht zwischen zwei Versionen des zeitgenössischen Werks. Hespos erörtert eindrücklich die Symbolik seines Titels, sein Verhältnis zum Komponieren und zum Instrument. Diese Platte ist folglich ungeeignet zum schnellen Klassik-Konsum – vielmehr dokumentiert sie ein anspruchsvolles Vermittlungsprojekt.

Begegnung von Neu und Alt liegt instrumentale Besetzung zugrunde

Auf der nächsten CD, die im Herbst beim Label Genuin herauskam, ist die Begegnung von Neu und Alt bereits der instrumentalen Besetzung zugrunde gelegt. Auch hier scheint eine Orgel zugegen – real ist sie auf ein Akkordeon geschrumpft und mit einem historischen Blasinstrument kombiniert: mit der Schalmei, einem Rohrblattinstrument des 14. Jahrhunderts. Beider Kombination ist akustisch höchst reizvoll. Die Musikerinnen des Duo Mixtura, Katharina Bäuml und Margit Kern, interpretieren zudem Musik aus verschiedener Zeit. Die Schalmei entfaltet ihre Virtuosität und ihrem archaischen Klang als Potenzial für heutiges Komponieren, das Akkordeon als das zeitgenössische Instrument begibt sich in das Repertoire sehr früher Musik,

Guillaume de Machault, Agnus Dei aus Messe de Noste Dame , Duo Mixtura

Im Zentrum der Mixtura-CD steht Guillaume de Machaut, ein französischer Komponist des 14. Jahrhunderts, mit seiner Messe de Nostre Dame. Von den Musikerinnen für ihre zwei Instrumente arrangiert, ist die frühe Messvertonung auf ihren musikalischen Kern reduziert: das Wechselspiel von Homofonie und dem seinerzeit neuen Verfahren der Isorhythmie. Die oberste Stimme des Satzes spielt im Regelfall die Schalmei, die restlichen das Akkordeon.

Konzept und Reiz der Platte resultieren aus der Kombination jener frühen Musik mit unmittelbar neu geschriebenen Werken, die ihrerseits voller verborgener Bezugnahmen sind. In Sidney Corbetts Archivel Machaut gibt es Verweise rhythmischer und melodischer Art. Der amerikanische Komponist will mit seiner minimalistischen Studie metaphorisch ‚Erinnerung‘ wecken. Sarah Nemtzov hingegen beruft sich in Briefe – Heloisa sowohl auf die historische Korrespondenz von Abaelard und Heloise als auch auf weltliche Gesänge Machaults. Ihren zwei Interpretinnen verlangt sie Mikrotöne, Glissandi, perkussive und theatrale Einlagen ab.

Effektvoll kontrastierende Klangwelt

Am effektvollsten kontrastiert die Klangwelt Machaults mit einem exklusiven Stück von Samir Odeh-Tamimi. Ob der palästinensisch-israelische Komponist bei seiner Komposition ÒD die im Nahen Osten übliche Kombination der türkischen Zurna oder der ägyptischen Mizmar mit einer Trommel assoziiert haben mag, sei hier offen gelassen. Keineswegs handelt es sich um eine Übertragung arabischer Musik auf westliche Instrumente – vielmehr wird in avancierter kompositorischer Sprache auf die ungebrochene Kraft traditionellen Musizierens verwiesen.

Samir Odeh-Tamimi, ÒD, Duo Mixtura

Archipel Machaut. Spätmittelalterliche und Neue Musik - arrangiert und komponiert für das Duo Mixtura. Eine Koproduktion von BR Franken mit GENUIN, die ob ihrer Dramaturgie den Rang eines Konzeptalbums hat. Ein Hineinhören eröffnet in jedem Fall Horizonte ganz neuer Art.

Die dritte und letzte CD, die ich Ihnen heute anspielen will, konfrontiert und verbindet Orgel und Schlagwerk – zwei Instrumente bzw. Instrumentarien mit langer Historie, deren Bedeutung heute in der Neuen Musik gewiss differiert. Die Platte mit dem Titel Transformation of Time porträtiert das Saarbrücker Duo Carillon, das seinerseits ihm geschriebene Werke von Violeta Dinescu, Dieter Mack und Bernfried Pröve dokumentiert sowie an Theo Brandmüller als künstlerischen Mentor erinnert. Organist Andreas Hoffmann und Schlagzeuger Armin Sommer versammeln hier Kompositionen, die jene räumliche Komponente enthalten, oder besser erfordern, ob derer sich das Miteinander von Orgel und Schlagwerk erst exponiert.

Konfrontation und Verbindung von Orgel und Schlagwerk

Eine Stereo-CD kann dies dokumentieren, das Klang-Erlebnis im Kirchraum allerdings nicht ersetzen. Kontrovers der Leitgedanke der Platte: Authentizität – hier bezogen auf die lange Verbundenheit von Urhebern und Ausführenden, Orten und Instrumenten. Klangfarbliche Vielfalt ist unüberhörbar – je nach Registrierung der verwendeten Orgeln oder der Auswahl der Perkussionsinstrumente. Ebenso wechseln die Assoziationen, die einzelnen Titeln innewohnen: Brandmüllers Elegia bestimmt ein theatrales Moment, das auf Federico Garcia Lorca verweist. Bertold Hummels Trauermusik für Dietrich von Bausznern bezieht sich auf barocke Modelle, Dieter Macks Stream thematisiert das Wechselspiel von gestaltetem Rhythmus und gleichförmigem Fluss. Energetisches Zentrum der Platte ist für mich zumindest Violeta Dinescus Stück Le Rocher tremblant de Sept Faux – deutsch: Der bebende Felsen bei Sept Faux. Ausgangspunkt ist hier ein Naturphänomen in Südfrankreich, bestehend aus zwei extrem schweren Felsen, deren labiles Gleichgewicht es ermöglicht, den oberen Stein mit wenig Kraft in Bewegung zu setzen. Ohne dass es das Gesamtgefüge zerstört. Dinescu transformierte derlei sinnbildlich auf ihr Instrumentarium und kombiniert ein nervöses, vibrierendes Schlagwerk mit ruhevollen Klangschritten der Orgel; das einzige alte Werk auf der CD wirkt etwas angehängt, gemeint allerdings ist es abschließend als Kommentar:

Violeta Dinescu, Le Rocher tremblant

Johann Sebastian Bach, Vor Deinen Thron tret ich hiermit. Duo Carillon

Mit Bachs Choralmelodie "Vor Deinen Thron tret ich hiermit" rundet sich der Kreis der CD mit einem Bittgebet. Armin Sommer intoniert die zwei Oberstimmen auf dem Vibrafon, Andreas Hoffmann spielt an der 1955 erbauten Haerpfer-Erman Orgel in St. Peter in Bous im Landkreis Saarlouis.

Eine Empfehlung für Freunde experimenteller Orgelmusik. Transformation of Time, dieses CD-Dokument mit dem Duo Carillon ist bei der edition zeitklang erschienen. Zuvor habe ich Ihnen das bei GENUIN veröffentlichte neue Album mit dem Duo Mixtura sowie Oliver Kluges bei Rondeau veröffentliche Bach-Hespos-DoppelCD angespielt.

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