Donnerstag, 09. Februar 2023

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Neue Musik von Anthony Cheung und Ming Tsao
Intensive Auseinandersetzung mit der europäischen Tradition

Anthony Cheung und Ming Tsao geben auf ihren jüngsten CDs Einblicke in die Entwicklung ihrer kompositorischen Klangsprachen. Präsentiert werden jeweils vielgestaltige Mixturen und unterschiedlich besetzte Werke, die in die ästhetischen Welten beider Komponisten entführen.

Am Mikrophon: Yvonne Petitpierre | 01.05.2017

    Die Lone Cypress (einsame Zypresse), die auf einem Felsen im Meer wächst ist die Hauptattraktion des 17-Mile Drive bei Monterey in Kalifornien.
    Anthony Cheung thematisiert in seinem Werk "Windswept Cypresses" die Schönheit der berühmten Monterery-Zypressen südlich von San Francisco. (dpa/picture alliance/ Alexandra Schuler)
    Vorgestellte CDs:
    I.
    Anthony Cheung: dystemporal
    Talea Ensemble, Ltg. James Baker
    Ensemble Contemporain, Ltg. Susanna Mälkki
    Anthony Cheung, Piano
    WERGO CD 73432, LC 00846
    EAN: 4010228734324
    II.
    Ming Tsao: Plus Minus
    Ensemble Ascolta, Ltg. Johannes Kalitzke
    Kammerensemble Neue Musik Berlin, Ltg. Stefan Schreiber
    KAIROS CD 0015014 KAI; LC 10488
    EAN: 9120040735142
    Heute fällt der Blick auf zwei aktuelle CD-Veröffentlichungen von Komponisten mit asiatischem Ursprung. Die Aufmerksamkeit gilt Antony Cheung und Ming Tsao, die in den vergangenen Jahren die europäische Musikszene mit diversen Uraufführungen auf den einschlägigen Festivals für zeitgenössische Musik erobert haben. In beiden Fällen handelt es sich weniger um Musik aus Fernost, sondern um eine intensive Auseinandersetzung mit der europäischen Tradition und die sehr persönliche Suche nach eigenständigen Antworten auf diverse Ausprägungen der Avantgarde. Zu den beiden aktuellen Veröffentlichungen begrüßt Sie am Mikrophon herzlich Yvonne Petitpierre.
    Zunächst Dystemporal, - unter diesem Titel stellt Anthony Cheung auf seiner, jüngst beim Label Wergo erschienenen CD sechs kammermusikalische Kompositionen vor, die er in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Anthony Cheung, Komponist und Pianist, Jahrgang 1962 wurde in San Francisco geboren. Neben zahlreichen Auszeichnungen der American "Academy of Arts and Letters" und internationalen Kompositionsaufträgen hat er in den letzten Jahren auch die europäischen Metropolen der musikalischen Avantgarde erobert. Als Autor und Wissenschaftler interessiert er mit seiner Doktorarbeit über György Ligeti sowie mit Artikeln über zeitgenössische Musik. Derzeit ist er als Assistenzprofessor an der Universität von Chicago tätig.
    Zu den frühesten Werken von Anthony Cheung gehört Windswept Cypresses für Flöte, Viola, Harfe und Percussion aus dem Jahr 2005, womit er einen ersten Preis beim 6. Internationalen Henri Dutilieux Wettbewerb gewann. Es handelt sich dabei um eine Hommage an Claude Debussy und Toru Takemitsu, die für Cheung spirituell und ästhetisch gleichgesinnt gearbeitet haben. Das Stück Windswept Cypresses ist binnen weniger Tage entstanden und bedeutete für den Komponisten nach eigenen Aussagen "eine Art Durchbruch, ein Bekenntnis zur Sinnlichkeit, Intuition und einem poetischen, naturalistischen Impuls, der in starkem Kontrast zu einem Großteil der aggressiven, selbstbewussten Experimentalmusik stand, die damals meine unmittelbare Hörumgebung durchdrang und die ich auch aufgeregt, aber unter Vorbehalt aufsog". Thematisiert wird die Schönheit der berühmten Monterery-Zypressen südlich von San Francisco, wie sie durch Wind neue Formungen erfahren.
    Hören Sie einen Ausschnitt aus Windswept Cypresses, in dieser Einspielung mit Musikern des mehrfach ausgezeichneten Talea Ensembles, das sich seit seiner Gründung 2007 auf Uraufführungen und amerikanische Erstaufführungen zeitgenössischer Musik konzentriert.
    MUSIK 01
    Anthony Cheung: Windswept-Cypresses
    Track 5 (9.49, davon 1.16)
    Talea Ensemble, Ltg. James Baker
    WERGO CD 73432, LC 00846
    EAN: 4010228734324
    Als Auftragskomposition des Talea Ensembles unter der Leitung von James Baker entsteht 2012 das Werk SynchronCities für acht Musiker mit Elektronik und Playback. Anthony Cheung untersucht hier die Tradition der Musique concrète, weil ihn zunächst die Vielfalt täglicher und chaotischer Klänge fasziniert. Das Werk basiert auf einer Art persönlichem akustischen Reisebericht, dessen Karte sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede diverser Schallquellen gestaltet. Cheung selbst spricht von einer "Paradoxie der Klänge, die klangfarblich verwandt sind, aber sehr unterschiedliche kulturelle oder rituelle Bräuche implizieren". Kompositorisch setzt Anthony Cheung auf den Dialog von Live-Instrumenten und Elektronik, um akustische Wahrnehmungen zu hinterfragen.
    MUSIK 02
    Anthony Cheung: SynchronCities
    Talea Ensemble, Ltg. James Baker
    Track 3 (2.oo)
    WERGO CD 73432, LC 00846
    EAN: 4010228734324
    Ebenfalls aus dem Jahr 2012 stammt Dystemporal für 23 Musiker, vom Ensemble Intercontemporain in Auftrag gegeben und uraufgeführt. Der Titel bezieht sich auf die verwirrende und verzerrte Art und Weise, in der Zeit innerhalb dieser Komposition manipuliert und wahrgenommen wird. Es gehört hinsichtlich Instrumentierung, Tonumfang sowie musikalischem Anspruch zu den umfangreichsten Kompositionen, die Cheung auf dieser aktuellen Einspielung vorstellt. Gespielt wird hier vor allem mit Momenten der Verzerrung und kurzfristigen Täuschung.
    Klangmaterial dehnt sich in sehr unterschiedlicher Intensität aus. Rhythmische und harmonische Strukturen werden in wechselnden Konstellationen und Spannungsverhältnissen neu ausgelotet. Mit häufigen Tempowechseln entwickeln die Klänge auf diese Weise vielschichtige Intensitäten.
    Auf die Komposition Rhythmicon von Henri Cowell geht der Schlussteil des Werkes ein. Der russische Physiker Leon Theremin hatte deshalb eine Maschine mit 17 Tasten entworfen, die zur Wiederbelebung von Cowells Theorien über die Vereinheitlichung von Obertönen und rhythmischen Verhältnisse dienen sollte.
    Hören Sie den Schlussteil aus Dystemporal mit dem Ensemble 1976, von Pierre Boulez gegründetem Ensemble Intercontemporain, hier unter der Leitung von Susanna Mälkki.
    MUSIK 03
    Anthony Cheung: Dystemporal
    Track 1 (8.31, davon 0.42)
    Ensemble Intercontemporain, Ltg. Susanna Mälkki
    WERGO CD 73432, LC 00846
    EAN: 4010228734324
    In andere Welten klanglicher Intensität entführt der chinesisch-amerikanische Komponist Ming Tsao, 1966 im kalifornischen Berkeley geboren. Mit dem Violinspiel ebenso vertraut, wie mit dem Spiel der chinesischen Griffbrettzither Quin, gilt seine Neugier vor allem der Ethnomusikologie und elektronischen Musik. Kontrapunkt, Harmonielehre und Orchestrierung studierte er am Berklee College of Music. Zudem studierte er Logik und Philosophie sowie Mathematik. In San Diego studierte er bei Chaya Czernowin Komposition. Seit 2009 hat Ming Tsao eine Professur für Komposition in Göteborg, während er in Berlin lebt und arbeitet.
    Seine Kompositionen spielen bevorzugt mit Kombinationen aus ungewöhnlichen, oft überraschenden Klängen und teilweise diffusen Geräuschen. Film und Sprache bilden dabei einen wichtigen ästhetischen Orientierungspunkt seiner kompositorischen Handschrift.
    Die jüngste CD präsentiert Kompositionen aus dem Jahre 2012 bis 2015 und firmiert unter dem Titel "Plus Minus". Ming Tsao gibt damit Einblick in seine Auseinandersetzung mit Stockhausens gleichnamigen Werk aus dem Jahr 1963. Zur Verfügung stellt Stockhausen zunächst in Form graphischer Anweisungen Varianten zur formalen Anordnung und klanglichen Detailstruktur innerhalb einer Komposition. Ästhetische Profile wie Harmonik und Besetzung bleiben aber ausgespart. Im Vordergrund stehen kleine musikalische Parameter, die auf seriellen Parametern basieren. Stockhausen gibt sieben Seiten Noten vor und ebenso viele Seiten mit Symbolen. Es handelt sich um eine Partitur für einen Komponisten mit vielschichtigem Regelwerk auf der Grundlage klar definierter struktureller wie harmonischer Vorgaben. Als Kern sollte damit der freie Prozess des Komponierens als eigene Gattung etabliert werden und so dominiert der Verlauf der Entwicklung über dem verwendeten Klangmaterial. Eine der Antworten auf solcherlei prozessuale Möglichkeiten liefert Ming Tsao in Page V. Es spielt das Ensemble Ascolta unter der Leitung von Johannes Kalitzke:
    MUSIK 04
    Ming Tsao: Plus Minus – Page V
    Track 5 (3.04)
    Ensemble Ascolta, Ltg. Johannes Kalitzke
    KAIROS CD 0015014 KAI; LC 10488
    EAN: 9120040735142
    Der zweite Teil der CD dieser, beim Label Kairos erschienenen CD-Einspielung mit Werken von Ming Tsao widmet sich unter dem programmatischen Titel "Mirandas Atemwende" dem zweiten Teil seiner Kammeroper "Die Geisterinsel". In der vorliegenden konzertanten Variante begegnet die eigentümliche Gesangskunst der Miranda komplex dichterisch-philosophischer Sprache.
    Es ist die Macht der Sprache, die hier im Mittelpunkt steht. Musikalisch kommentiert werden Texte von Paul Celan und des britischen Dichters Jeromy Halvard Prynne, die Tsao miteinander verzahnt. Es ist in erster Linie Celans Auseinandersetzung mit poetologischen Möglichkeiten, die Tsao musikalisch zu greifen sucht. Die Protagonistin stellt Mirandas Klangwelt der Gesänge. Diese begegnet einer Form dokumentarischer Distanz, die auf kompositorischer Ebene über ein dichtes Netz aus Bildern und Gedanken entsteht, die sich zeitgleich von den instrumentalen Klängen und Geräuschen deutlich abheben.
    Am Mittel der Stimme versucht Tsao eine Art Grenze zwischen expressionistischer Musik und abstrakt, dokumentarischen Klangstrukturen zu ziehen. Hörbar wird ein narratives Moment, das sich aus dynamisch, differenzierten Strukturen ergibt. Kontrapunktische Verläufe ergeben sich vielfach erst über den unerwarteten Einsatz von Geräuschen.
    MUSIK 05
    Ming Tsao: Mirandas Atemwende
    "Du entscheidest dich"
    Track 10 (2.01)
    Kammerensemble Neue Musik Berlin, Ltg. Stefan Schreiber
    KAIROS CD 0015014 KAI; LC 10488
    EAN: 9120040735142
    In dieser Einspielung dirigiert Stefan Schreiber das Kammermusikensemble Neue Musik Berlin, - selbiges gestaltete auch die Uraufführung der Kurzoper "Geisterinsel", die Ming Tsao teilweise als ersten Akt zu "Mirandas Atemwende" versteht. Während in der "Geisterinsel" Shakespeares "Der Sturm" zur Diskussion stand, greift Tsao aktuell nur noch auf einzelne Figuren zurück. Kommunikation ist hier kein Thema, - stattdessen werden Klangfelder sondiert, in denen sich kompositorische Techniken vielfältig realisieren lassen. Die Kraft der Klänge wird in dieser Produktion auch ohne visuelle Eindrücke fühlbar.
    MUSIK 06
    Ming Tsao: Mirandas Atemwende
    "Vor der Erstarrung"
    Track 16 (1.40)
    Kammerensemble Neue Musik Berlin, Ltg. Stefan Schreiber
    KAIROS CD 0015014 KAI; LC 10488
    EAN: 9120040735142
    Zum Abschluss hörten Sie aus "Mirandas Atemwende" den Teil vor der Erstarrung von Ming Tsao. Stefan Schreiber leitete das Kammerensemble Neue Musik Berlin.
    Vorgestellt habe ich Ihnen heute zwei Tonträger mit Werken von Anthony Cheung und Ming Tsao, die kürzlich bei den Labels Wergo und Kairos erschienen sind. Damit verabschiedet sich mit Dank fürs Zuhören, Yvonne Petitpierre am Mikrophon, die Redaktion hatte Frank Kämpfer.