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StartseiteWissenschaft im BrennpunktCool bleiben: Rezepte gegen die Klimakrise18.10.2020

Neue Sachbücher über den KlimawandelCool bleiben: Rezepte gegen die Klimakrise

Durch die Corona-Pandemie ist der Klimawandel, eines der drängendsten Probleme der Menschheit, in den Hintergrund gerückt. Der Kampf dagegen zählt zu den größten Herausforderungen der Weltgemeinschaft. Neue Sachbücher analysieren, welche Lösungsstrategien Erfolg versprechen.

Ralf Krauter im Gespräch mit Dagmar Röhrlich und Michael Lange

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Ein Eisbär sitzt auf einer kleinen Eisscholle (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
Ein Eisbär steht auf einer kleinen Eisscholle - auch sein Lebensraum wird durch den Klimawandel bedroht. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
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Sind Anreize besser als Verbote? Brauchen wir weniger Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung? Und was bedeutet Gerechtigkeit im Kontext des Klimawandels? In seinem Buch "Mit kühlem Kopf: Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte" liefert der Philosoph Bernward Gesang Antworten, die neue Perspektiven eröffnen.

Die Science Busters hingegen, die sich selbst als die 'Kelly Family der Naturwissenschaften' bezeichnen, nähern sich der Klimakrise mit Galgenhumor und erklären in ihrem Buch "Global Warming Party", wie sich die Welt mit Wissenschaft und Humor vielleicht doch noch retten ließe.

Die Cover der neue Bücher: "Mit kühlem Kopf: Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte" und "Global Warming Party". (Ralf Krauter, Deutschlandfunk)Neue Sachbücher: "Mit kühlem Kopf: Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte" und "Global Warming Party" (Ralf Krauter, Deutschlandfunk)

Science Busters: "Global Warming Party - Wie wir uns das Klima schönsaufen können"
Eine Rezension von Michael Lange

Am menschgemachten Klimawandel und seinen katastrophalen Folgen haben die Science Busters aus Wien keinen Zweifel. Wie seit vielen Jahren auf der Bühne, im Podcast oder im Buch bewährt, präsentieren sie schräge Späße mit naturwissenschaftlichem Fundament. Statt zu nörgeln oder über die "Zöpferldiktatur" zu jammern, suchen sie nach originellen Wegen im Kampf gegen den Klimawandel. Leider werden sie dabei nicht fündig.

Die Science Busters brauchen einige Seiten um festzustellen, dass ein Planet B als Ausweichheimat für die Menschheit nicht zur Verfügung steht. Obwohl Frauen erwiesenermaßen das Klima weniger schädigen als Männer, bietet auch die Fortpflanzung durch Jungfernzeugung keine akzeptable Lösung. Winterschlaf, Asteroidenbergbau, Sonnenkollektoren im Weltraum, ferngesteuertes Klimabewusstsein oder die Transplantation von Känguru-Kot in Kuh-Därme werden kreativ diskutiert, aber letztlich als unwirksam oder unrealistisch verworfen.

Kreative Ideen und ernstgemeinte Rezepte

Auch ernstgemeinte Rezepte gegen den Klimawandel stellen die Science Busters auf den Prüfstand. Allerdings fallen auch die Kernfusion, zukünftige Erfindungen oder Maßnahmen zur Reduktion der Weltbevölkerung bei den Science Busters durch. Und so kommen sie zu dem Schluss: Jeder Einzelne muss etwas tun. An Maßnahmen gegen den weltweiten CO-2-Ausstoß führt kein Weg vorbei.

Im Grunde sucht das österreichische Kreativ-Team aus Wissenschaftlern und Kabarettisten gar nicht nach wirksamen Rezepten gegen den Klimawandel, sondern nach Anlässen für wissenschaftliche Spielereien und beißenden Spott, so wie es bei den Science Busters Tradition ist, mit Wiener Schmäh und einer Prise Blasphemie. Der Klimawandel steht nicht wirklich im Mittelpunkt dieses Buches, sondern unterhaltsame Gespräche auf der Global Warming Party. Das macht Spaß, hilft aber nicht weiter.

Global Warming Party
Wie wir uns das Klima schönsaufen können - und andere wissenschaftlich überprüfte Anregungen zur Rettung der Menschheit
Von den Science Busters
Hanser-Verlag, 192 Seiten, 20.00 Euro

Rhein bei Düsseldorf, extremes Niedrigwasser, Rheinpegel bei 84 cm, nach der langen Dürre fällt das linke Rheinufer, bei Düsseldorf Oberkassel trocken, Rheinturm, Rheinkniebrücke, | Verwendung weltweit (picture alliance) (picture alliance)"Green Deal" - Europas Kampf gegen den Klimawandel
Für EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ist die Begrenzung der Erderwärmung eines der Top-Themen ihrer Amtszeit. Ihr sogenannter Green Deal soll dazu beitragen, dass Europa im Jahr 2050 erster klimaneutraler Kontinent wird. 

Bernward Gesang: "Mit kühlem Kopf - Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte"
Eine Rezension von Dagmar Röhrlich

Bernward Gesang ist von Hause aus Wirtschaftsethiker – und Utilitarist. Sprich: Er will die Summe des Wohlergehens und Glücks auf der Welt möglichst groß ausfallen lassen. Und die größte Bedrohung von Wohlergehen und Glück ist für ihn der Klimawandel. Ihn zu bekämpfen, will er deshalb zum Primat menschlichen Handelns machen. Und er fordert: die große Transformation, den Wandel der Gesellschaft zur Klimaverträglichkeit.

Es ist eine Herkulesaufgabe, die einer gewaltigen kollektiven Kraftanstrengung bedarf: von Privatpersonen ebenso wie von Unternehmern und Politikern. Sie erfordert einen "Green New Deal", der ins Solarzeitalter führen soll und die Weiterentwicklung demokratischer Entscheidungsprozesse, damit die Interessen künftiger Generationen bewahrt bleiben, so der Autor.

Ein gangbarer Weg zwischen Vezicht und Verantwortung

Es ist eine Aufgabe, bei der es unklar ist, ob der winzige Beitrag des Einzelnen überhaupt etwas bewirkt. Und so bemüht sich Bernward Gesang, die philosophischen Fragen der Klimadebatte zu beantworten und zwischen Verzicht und Verboten, Verantwortung und Solidarität einen gangbaren Weg zu zeigen, bei dem es darum geht, aus jedem Engagement und aus jedem eingesetzten Euro den größtmöglichen Nutzen für das Klima zu ziehen.

"Tue etwas, was die größte Emissionsverringerung bewirkt, die dir möglich ist." Statt beispielsweise über Konsumentscheidungen einen Wandel anzustreben, möchte Bernward Gesang zunächst lieber auf effiziente Spenden mit Mehrfacheffekten setzen. Wobei die rein utilitaristischen Denkweisen des Philosophen gewöhnungsbedürftig sind: Dem Klima bringt es nichts, einem konkreten Menschen in Somalia zu helfen, also ist es besser, gezielt die Armut in Regenwaldgebieten zu bekämpfen.

Die Erhaltung der Artenvielfalt hat hier keine Priorität

Bernward Gesang ordnet alles dem Kampf gegen den Klimawandel unter – und zwar um Herkules nicht zu überfordern. Für ihn ist eine der anderen großen Herausforderungen – die Erhaltung der Artenvielfalt – weniger wichtig. Wobei er von einer falschen Annahme ausgeht, nämlich der, dass der "Klimawandel der größte Artenkiller" sei. Das entspricht nicht den Tatsachen. Jedenfalls noch nicht. Vielmehr haben sich in wissenschaftlichen Analysen Habitatvernichtung, Veränderungen in der Landnutzung, Verschmutzung, Überdüngung, invasive Arten, die Einführung von Pathogenen, die Übernutzung durch Jagd und Fischfang oder bewaffnete Konflikte als wichtigere Faktoren bei dem derzeit schon sehr rasanten Artensterben erwiesen. Diese Handlungen des Menschen haben das Leben bereits auf eine abschüssige Bahn geschickt, der durch ihn verursachte Klimawandel dürfte die Bahn künftig noch schlüpfriger machen – und zwar umso mehr, je höher die Emissionen steigen und je mehr Zeit vergeht. Das Problem bei Bernward Gesangs Blickverengung: Sie könnte durchaus zu Handlungen führen, die das Artensterben zusätzlich anheizen und beschleunigen, ohne dass es von Temperaturseite her zur Entlastung kommen kann. Denn die Klimagase, die jetzt schon in der Atmosphäre sind, werden so oder so noch sehr lange wirksam sein.

Trotzdem hat das Buch Stärken. Etwa wenn es Tabuthemen anspricht: die beängstigend anwachsende Überbevölkerung etwa, grüne Gentechnik, CCS-Technologien, die das Kohlendioxid sozusagen wieder zurück in den Boden befördern, auch Geoengineering. Ob man dem Autor bei seinen Ideen folgen mag, muss jeder Leser selbst entscheiden. Eine Diskussion über seine Thesen jedenfalls wäre wichtig – und die kann das Buch anstoßen. Denn es wird kein Wunder geschehen, das Kohlendioxid nicht einfach verschwinden. Die Menschheit wird lernen müssen, so zu leben, dass sie den Planeten nicht zerstört – und damit die Zukunft ihrer Kinder. Denn die steht auf dem Spiel.

Mit kühlem Kopf
Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte
Von Bernward Gesang
Hanser-Verlag, 272 Seiten, 24 Euro

Am Hauptbahnhof hat eine COVID-19-Teststelle den Betrieb aufgenommen. Sie wird vom Deutschen Roten Kreuz mit Unterstützung der Bundeswehr betrieben. (picture alliance/dpa/Christophe Gateau) (picture alliance/dpa/Christophe Gateau)Corona und Klimawandel
Die Corona- und die Klimakrise haben viele Gemeinsamkeiten, sagte Sabine Gabrysch vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Dlf. Bei beiden Krisen müsse man beispielsweise präventiv handeln und dürfe nicht bloß reagieren. Bei der Coronakrise habe sich gezeigt, dass man dazu in der Lage sei.

Außerdem empfiehlt das Sachbuch-Trio folgende Bücher:

Das kleine Buch vom großen Knall - und was im Universum seitdem geschah
Von Becky Smethurst
dtv-Verlag, 123 Seiten, 12.00 Euro

Das Buch der Astrophysikerin Becky Smethurst von der Uni Oxford ist die perfekte Einstiegslektüre für alle, die mehr über das große Schwarze da draußen wissen wollen. In zehn kurzen Kapiteln schildert sie bahnbrechende Entdeckungen und Einsichten bei der Erforschung des Weltraums, erklärt Hintergründe und Zusammenhänge. Besonders ausführlich werden Schwarze Löcher abgehandelt, das Spezialgebiet der Autorin - auch jenes im Zentrum der Milchstraße, dessen Entdecker dieses Jahr den Physiknobelpreis bekommen. Der kleine Reiseführer durch die Geschichte des Kosmos kommt also genau zu rechten Zeit. (Ralf Krauter)

Das Gedächtnis der Welt - Vom Finden und Ordnen der Pflanzen
Von Charlotte Fauve und Marc Jeanson
Aufbau-Verlag, 224 Seiten, 22.00 Euro

Der Botaniker Marc Jeanson und die Journalistin Charlotte Frauve verstehen es, die verstaubte Welt der Pflanzensammlungen mit Leben zu erfüllen. Ihre Begeisterung ist ansteckend. Gekonnt verknüpfen sie Anekdoten aus dem Leben großer Botaniker mit persönlichen Erfahrungen. Das schön gestaltete Buch bietet Lesegenuss für Pflanzenfreunde, und alle, die es werden wollen. (Michael Lange)

Expedition Arktis - Die größte Forschungsreise aller Zeiten
Von Esther Horvath, Sebastian Grote, Katharina Weiss-Tuider
Prestel Verlag, 288 Seiten, 50 Euro

Im September 2019 legte die Polarstern des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts in Richtung Arktis ab. Das Arktis-Abenteuer "Mosaic" begann: ein ganzes Jahr lang driftete die "Polarstern" mit dem Meereis durch die zentrale Arktis, um die Auswirkungen des Klimawandels auf das Eis zu erkunden. Jetzt ist sie zurück – und morgen erscheint im Prestel-Verlag der beeindruckende Bildband der Expedition. Die Fotografin Esther Horvath dokumentierte Leben und Arbeiten unter den extremen Bedingungen und die atemberaubend schöne Polarlandschaft. Wissenschaftler und Expeditionsteilnehmer kommentieren und ergänzen die Bilder in Essays und Texten. Es sind Bilder einer untergehenden Welt – wenn die Menschheit nicht noch die Notbremse ziehen kann. (Dagmar Röhrlich)

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