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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNeue Sicht auf die Vertreibung23.06.2008

Neue Sicht auf die Vertreibung

Der Historiker Andreas Kossert schlägt mit "Kalte Heimat" ein neues Kapitel zur Geschichte Deutschlands nach 1945 auf

Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen mehr als 14 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten, die meisten in die westlichen Besatzungszonen. In manchen ländlichen Regionen verdoppelte sich die Einwohnerzahl durch den Zuzug aus dem Osten. "Kalte Heimat" - unter diesem programmatischen Titel schreibt der Historiker Andreas Kossert fundiert und einfühlsam, wie die deutschen Vertriebenen aufgenommen wurden. Eine Rezension von Otto Langels.

Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin. (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin. (AP Archiv/Henry Burroughs)

"Herrgott im Himmel, sieh unsere Not,
wir Bauern haben kein Fett und kein Brot.
Flüchtlinge fressen sich dick und fett
und stehlen uns unser letztes Bett.
Wir verhungern und leiden große Pein,
Herrgott, schick das Gesindel heim."


Ein Schmähgebet, das 1946/47 in Schwaben in Umlauf war. Dieser drastische Umgangston gegenüber Vertriebenen war keineswegs die Ausnahme. Andreas Kossert hat in seiner materialreichen Darstellung eine Fülle von abfälligen Zitaten zusammengetragen.

Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Millionen ostpreußischer, schlesischer, pommerscher und sudetendeutscher Flüchtlinge im Westen ankamen, schlugen ihnen Abwehr und Verachtung entgegen. In den Augen der Westdeutschen waren sie "dahergelaufenes Pack", "Gesockse aus dem Osten", "Polacken", mit denen sie ihren glücklich durch den Krieg gebrachten Besitz teilen sollten.

Der Rassismus der Deutschen, der sich zuvor gegen Juden, Zigeuner und Slawen gerichtet hatte, kehrte sich nun mitunter gegen die Landsleute aus dem Osten. In Schleswig-Holstein zum Beispiel, so Andreas Kossert, hätten Politiker nach 1945 nahtlos an nationalsozialistisches Gedankengut angeknüpft:

"Wo einheimische Parteien zum Teil wirklich gesagt haben: Die ostpreußischen Flüchtlinge sind eine Mulattenzucht, sie gehören nicht zu unserer germanischen blonden Rasse und gefährden unsere schleswig-holsteinische Eigenart. Und es gibt aber auch ähnliche Beispiele in Süddeutschland, wo sich auf Karnevalsumzügen über Vertriebene lustig gemacht wurde.

Als ich mich im Rahmen des Buches mit Archivmaterialien beschäftigt habe, recherchiert habe, hat das dann noch ein viel schockierenderes Bild ergeben, und zwar deutschlandweit von Bayern bis nach Schleswig-Holstein, aber auch in der sowjetischen Besatzungszone. Eine Ausgrenzung, eine Diskriminierung, in einem Ausmaß, die ich nie erwartet hätte von einem Volk, das ja gemeinsam den Krieg begonnen hat und auch gemeinsam verloren hat."

Im Emsland hieß es noch lange nach dem Krieg: Die drei großen Übel, das sind die Wildschweine, die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge. In Bayern tauchte 1947 eine Flugschrift auf: "Gebt dem Sudetengesindel die Peitsche statt Unterkunft!"

Die alliierten Militärverwaltungen waren gezwungen, Wohnraum zu requirieren und Zwangseinweisungen vorzunehmen, weil die einheimische Bevölkerung nicht freiwillig zusammenrücken wollte. Mancherorts bezogen die Vertriebenen unter dem Schutz von Maschinenpistolen ihre neuen Quartiere.

"Das war auch eine interessante Entdeckung, dass die Vertriebenen bei den Besatzungsmächten offensichtlich auf mehr Sympathie stießen, die ja eigentlich für die Vertreibungen verantwortlich waren, als bei den Einheimischen. Das ist in der Tat die Tragik der Vertriebenen, dass man ihr Schicksal nicht wirklich verstehen wollte. Man hat es sich auch sehr einfach gemacht. Indem man sie permanent, ob sozial oder politisch, ausgegrenzt hat und mit einem Schmuddelimage belegt hatte, musste man sich auch nicht wirklich um ihr Schicksal kümmern."

Die Vertriebenen befanden sich in einem Dilemma. Einerseits wurden sie von der alteingesessenen Bevölkerung nicht mit offenen Armen aufgenommen. Auf der anderen Seite wollten sie ja so schnell wie möglich in ihre Heimat zurückkehren. Deshalb erschien eine dauerhafte Eingliederung zunächst nicht notwendig. In einigen Orten der Bundesrepublik wurden erst Anfang der 70er Jahre die letzten Baracken aufgelöst, in denen Flüchtlinge seit 1945 gelebt hatten.

In die sowjetische Besatzungszone kamen nach 1945 mehr als vier Millionen Vertriebene. Die Klagen glichen sich in Ost und West, schreibt Andreas Kossert. Anders aber als im Westen fand in Ostdeutschland eine radikale Zwangsassimilation statt:

"In der DDR wurde das Problem ideologisch relativ bald gelöst. Man hat einfach das Wort Vertreibung gemieden, man hat dafür den Begriff Umsiedler gewählt. Und auch dieses Problem der Umsiedler 1950 offiziell per Dekret für erledigt erklärt. Und fortan waren die 4,3 Millionen Vertriebenen in der DDR zum Schweigen verpflichtet. Und das ging sogar soweit, dass zum Beispiel ein Pfarrer, wenn er nur den Geburtsort einer Verstorbenen genannt hatte, schon Besuch von der Stasi haben konnte."

Nur selten erwuchs nach 1945 aus der Verantwortungsgemeinschaft eine Solidargemeinschaft. Allerdings war die Bevölkerung in manchen Regionen auch überfordert. Wo Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, Konfession und Bildung zusammentrafen, mußten zwangsläufig Spannungen und Konflikte auftreten.

"Gerade Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern hatten ja zum Teil Landkreise, wo die Mehrheit der Bevölkerung sich aus Flüchtlingen und Vertriebenen zusammensetzte. Das muss man natürlich auch immer wieder berücksichtigen.

Aber im Angesicht dieser totalen Niederlage und auch im Angesicht dessen, dass man noch wenige Jahre, ja noch Monate zuvor 'Heil Hitler‘ gemeinsam geschrien hat und die deutsche Volksgemeinschaft beschworen hat - diese nationalsozialistische Konstruktion -, und dann auf einmal im Angesicht der Niederlage wieder in regionale Identitäten, in Regionalismen verfiel. Dann war man eben nicht mehr Deutscher, sondern gerne Holsteiner oder Mecklenburger."

Ein im Grunde allerdings wenig überraschendes Phänomen, was man im übrigen auch nach 1989 beobachten konnte, als die Euphorie des Mauerfalls verflogen war und die Mühen des deutschen Einigungsprozesses einsetzten.

Andreas Kossert verweist in seinem Buch zwar auf deutsche staatliche und kirchliche Stellen, die sich intensiv bemühten, die Ankömmlinge unterzubringen und zu versorgen. Im Vordergrund der Darstellung aber steht die schwierige, von Ausgrenzungen und Erniedrigungen begleitete Aufnahme der Flüchtlinge. Diese Perspektive ist nicht zuletzt biografisch begründet. Der Autor stammt selber aus einer Vertriebenenfamilie. Einfühlsam und voller Empathie beschreibt er das Leid und den Schmerz der Flüchtlinge. Damit kratzt er am Mythos von der rundum geglückten Integration in die deutsche Nachkriegsgesellschaft, ohne den Beitrag der Vertriebenen zum Wirtschaftswunder zu ignorieren.

"Letztendlich, und das ist tatsächlich eine Erfolgsgeschichte dieser Integration mit allen ihren Tücken, waren die Vertriebenen Modernisierungsfaktoren, die die verkrusteten konfessionellen, sozialen Strukturen aufgebrochen haben. Und das ist ganz maßgeblich - denn man muss immer bedenken, dass die Vertriebenen in ihrer überwältigenden Mehrheit in die ländlichen Regionen kamen. Und in diesem Augenblick stellten sie zum Beispiel konfessionelle Strukturen in Frage. Auf einmal entstanden evangelische Gemeinden in Oberbayern und katholische Oberschlesier kamen auf die nordfriesischen Inseln."

Es ist die Tragik der Vertriebenen, dass sie nach 1945 zwischen die Fronten des Kaltes Krieges gerieten. Um die Vertreibungsfrage und die Ostpolitik wurde unter Parteien, Verbänden und Landsmannschaften erbittert gestritten. Im Mittelpunkt stand die politische Auseinandersetzung. Die persönlichen Schicksale der Betroffenen gerieten zur Nebensache, auch bei den Vertriebenenverbänden selbst.

Andreas Kossert interessiert sich nicht so sehr für die ideologischen Grabenkämpfe der Nachkriegsjahrzehnte. Er wendet sich, und darin liegt das besondere Verdienst seiner Arbeit, den Lebensumständen und Erfahrungen der Flüchtlinge zu. Mit seiner eindrucksvollen und kenntnisreichen Darstellung schlägt er ein neues Kapitel zur Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 auf.

"Ich glaube, die Anthropologie der Nachkriegsgesellschaft, die muss noch geschrieben werden - warum die deutsche Nachkriegsgesellschaft keinerlei Humanität gegenüber Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges, des nationalsozialistischen Terrors, aber eben auch der Kriegsfolgeergebnisse gezeigt hat. Auf jeden Fall ist diese Dimension von Heimatverlust und dem zweiten Schock, nicht anerkannt zu sein, ein Trauma, das bis heute nachwirkt."

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der
deutschen Vertriebenen nach 1945

Siedler Verlag, 432 Seiten, 24,95 Euro

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