Montag, 06.04.2020
 
Seit 14:35 Uhr Der Kultur-Nachmittag
Startseite@mediasres"Solche Sachen gehen einfach nicht mehr"03.02.2020

Neue Standards beim "Spiegel""Solche Sachen gehen einfach nicht mehr"

Als Konsequenz aus dem Fall Relotius hat "Der Spiegel" ein neues Regelwerk zu Recherche- und Erzählstandards veröffentlicht. "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann plädiert im Dlf für eine Rückbesinnung "auf das, was uns groß gemacht hat" - mehr Verifikation werde es insgesamt allerdings nicht geben.

Steffen Klusmann im Gespräch mit Henning Hübert

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
24.05.2019, Hamburg: "Der Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann steht im Verlagsgebäude. Gut fünf Monate nach Bekanntwerden des Fälschungsfalls um den Reporter Claas Relotius hat der «Spiegel» einen Abschlussbericht zu der Affäre vorgelegt. Der «Spiegel»-Verlag in Hamburg hatte die Fälschungen im Dezember 2018 öffentlich gemacht. Dem «Spiegel» zufolge waren seit 2011 rund 60 Texte im Heft und bei «Spiegel Online» erschienen, die der Journalist geschrieben hat oder an denen er beteiligt war. Darin hatte Relotius zum Teil Protagonisten und Szenen erfunden.. Foto: Marcus Brandt/dpa | Verwendung weltweit (Marcus Brandt / dpa)
"Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann will mit einem neuen Regelwerk einen zweiten Fall Relotius verhindern (Marcus Brandt / dpa)
Mehr zum Thema

Ein Jahr nach dem Fall Relotius Erfundene Reportagen und ihr langer Widerhall

Juan Moreno zum Fall Relotius "In der Dimension einmalig"

Fälschungsskandal beim "Spiegel" "Blind für diverse Warnsignale"

Henning Hübert: Sieben Jahre lang hatte der Reporter Claas Relotius für Furore gesorgt, Preise gleich reihenweise gewonnen. Er hat eigentlich alle, die was im deutschen Journalismus zu sagen haben und die "Spiegel"-Chefetage schwer beeindruckt. Große Geschichten, die packen, empathisch sind, die traumhaft sicher einen erwünschten Ton trafen. Am 19. Dezember 2018 war klar: Relotius ist nicht die Lösung, sondern das Problem des deutschen Journalismus.

"Der Spiegel" klärte auf, was alles an den Reportagen erfunden war, setzte eine Kommission ein, veröffentlichte einen Bericht. Relotius hatte Protagonisten ganz oder teilweise erfunden: die syrischen Geschwister in der "Königskinder"-Reportage, die US-amerikanischen Milizionäre in "Jaegers Grenze", eine angebliche freiwillige Zeugin von Hinrichtungen in den USA. Und Sie, Herr Klusmann, treibt als Motiv für neue Standards nun an, dadurch einen zweiten Fall Relotius beim "Spiegel" zu verhindern. Wodurch soll es gelingen?

Steffen Klusmann: Naja, indem wir uns ein bisschen zurückbesinnen auf das, was uns mal groß gemacht hat. Und deswegen haben wir das jetzt auch alles noch einmal aufgeschrieben. Nach Relotius haben sich ein paar Kollegen zusammengetan im Rahmen einer "Spiegel"-Werkstatt. Es gab drei Workshops, und die haben gesagt: "So, jetzt arbeiten wir das alles mal auf. Und jetzt geben wir uns noch mal ein neues, modernes Regelwerk, so einen neuen Leitfaden zum Thema Erzählstandards, Recherchestandards und die Art und Weise, wie wir hier verifiziert werden." Und das hat eine ganze Weile gedauert, ein paar Monate. Es gab, wie Sie sich vorstellen können, sehr viele Diskussionen darüber. Und jetzt haben wir das abgesegnet und ein Booklet draus gemacht und haben es auch heute auf die Website gestellt, so dass unsere Leser sich das auch angucken können, wenn sie Interesse daran haben.

Protagonisten-Casting: "Das ist einfach unseriös"

Hübert: Picken wir uns mal was raus: Es gibt künftig kein Casting mehr - also nicht mehr den idealtypischen Protagonisten. Den suchen Sie für den gewinnenden Effekt nicht mehr?

Klusmann: Den suchen wir nicht mehr, den hätten wir besser auch nie gesucht. Natürlich müssen Leute, die bei uns in Geschichten eine Rolle spielen, weil sie pars pro toto stehen, die müssen schon eine gewisse Repräsentativität ausstrahlen. Aber das, was wir teilweise früher gemacht haben, dass wir die Leute ganz genau gecastet haben, wie exakt sie aussehen sollen, was die Geschichte, welche Tragödien dahinter stehen sollen, das machen wir in der Form nicht mehr, weil das einfach unseriös ist. Das haben wir jetzt auch noch einmal aufgeschrieben, so dass es wirklich jeder verstanden hat - hoffentlich. Aber solche Sachen gehen einfach nicht mehr.

Hübert: Gibt es künftig mehr Verifikation durch die Dokumentationsabteilung oder weniger?

Klusmann: Ich glaube, das Maß der Verifikation bleibt wahrscheinlich ähnlich, zumal wir immer mehr Geschichten auch bei spiegel.de hinter der Bezahlschranke haben - das müssen die Kollegen ja nebenher mitwuppen. Das heißt, wir müssen uns ganz genau überlegen, an welchen Stellen wir verifizieren und wo es vielleicht manchmal auch so ein bisschen "overdone" ist - wo ein bisschen viel Aufwand betrieben wird, um Dinge zu verifizieren, wo man sagt: "Oh Mann, das machen andere aber ganz ohne Verifikation". Aber an den Stellen, wo es wirklich kritisch sein könnte, da wird künftig mehr verifiziert. Also wenn zum Beispiel Reporter in irgendwelchen abgelegenen Gebieten recherchieren und mit Protagonisten zurückkommen, dann wollen wir die Namen haben, vielleicht auch mal ein Foto. So dass die Kollegen aus der Dokumentation auch nochmal gezielt nachfragen und anrufen können, um klar zu machen, dass diese Personen auch wirklich existieren und nicht wie bei Claas Relotius nur im Kopf.

"Ohne Kitsch kommen wir auch künftig nicht aus"

Hübert: Also auch eine Kostenfrage. Der Kollege beim Artikel "Jaegers Grenze", Juan Moreno, der schrieb ja zusammenfassend in "Tausend Zeilen Lüge": "Relotius' Texte machten einen nicht schlauer. Sie gaben einem aber das Gefühl, bereits schlau zu sein." Hat denn eigentlich Juan Moreno mitgearbeitet bei den neuen "Spiegel"-Standards?

Klusmann: Ich muss gestehen, dass weiß ich gar nicht genau. Die Kollegen haben sich quasi auf freiwilliger Basis zusammengefunden - jeder konnte sich bewerben. Es gab natürlich viel mehr Leute, die dabei sein wollten, als am Ende in die Workshops reingepasst haben. Ob Juan da an einer Stelle mitgewirkt hat - ich muss gestehen, das kann ich Ihnen gar nicht genau sagen. Ich vermute mal, nein. Weil er als freier Reporter für uns arbeitet und nicht in einer Redaktion sitzt, sondern von zu Hause aus immer loszieht, wenn er auf Recherche geht.

Hübert: Ganz kurze Frage noch zum Kitschvorwurf - der wird da nicht mehr erhoben werden können?

Klusmann: Ich hoffe nicht! Aber kitschige Geschichten kriegen Sie auch hin, wenn sie gut verifiziert sind - das ist ja immer die Frage der Attitüde des Autors. Und manche sind ein bisschen verkitschter als andere. Im Idealfall wird der Kitsch dann rausredigiert von den Ressortleitern oder der Chefredaktion. Aber ich fürchte mal, ganz ohne Kitsch kommen wir auch künftig nicht aus.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk