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StartseiteForschung aktuellNeue Strategien gegen Alzheimer30.05.2005

Neue Strategien gegen Alzheimer

Mit Impfungen wollen Mediziner die Altersdemenz angehen

<strong>Medizin. - Wenn sich winzige Eiweißbruchstücke - so genannte Beta-Amyloide - auf Nervenzellen ablagern, dann entsteht so die Grundlage für Alzheimer. Jetzt präsentierte ein internationaler Kongress in Göttingen neue Strategien gegen die bislang als unheilbar geltende Altersdemenz.</strong>

Von Michael Engel

Alzheimer könnte in Zukunft möglicherweise behandelbar werden. (AP)
Alzheimer könnte in Zukunft möglicherweise behandelbar werden. (AP)
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Es ist die Plaque, eine tödliche Schicht aus Beta-Amyloid, die sich über die Nervenzellen des Gehirns legt und alles erstickt. Was aber wäre, wenn das Immunsystem der Betroffenen selbst das Problem beseitigen könnte? Zu den Pionieren, die diese verblüffende Idee entwickelten, gehört Professor Christoph Hock von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Um die Immunabwehr auf die richtige Fährte zu setzen, musste aber zunächst ein geeigneter Impfstoff gefunden werden. Hock injizierte "Beta-Amyloid", welches mit Zuckermolekülen künstlich verändert wurde. Diese chemischen Anhängsel verwandelten das Amyloid in einen "Fremdkörper", der nun von den Abwehrzellen angegriffen werden konnte. Im Tierversuch - mit genetisch veränderten, also transgenen Mäusen - klappte es jedenfalls bestens:

"Und man hat dann gesehen, dass die Plaques vollständig aus dem Gehirn der transgenen Alzheimer-Mäuse, die Plaques bilden, entfernt worden ist. Das war der eine wichtige Punkt. Der andere Punkt war, dass diese Mäuse dann auch besser gelernt haben. Das heißt, diese transgenen Mäuse, die Plaque bilden, die schlecht lernen, waren dann durch diese Therapie geheilt."

Tatsächlich hatte das Immunsystem Antikörper gebildet, die nicht nur das injizierte Amyloid beseitigten, sondern auch die Plaque auf den Nervenzellen. Leider verliefen die klinischen Versuche beim Menschen weniger erfolgreich. Bei einer großen multizentrischen Studie, an der auch Zürich beteiligt war, zwangen starke Nebenwirkungen zum Abbruch des Versuchs: Sechs Prozent der Patienten litten unter lebensgefährlichen Hirnhautentzündungen. Erst im Nachhinein folgte die große Überraschung:

"Es gab in England einen Patienten, der etwa ein halbes Jahr nach Beendigung der Studie an einer Lungenembolie verstorben ist, und die Untersuchung des Gehirns hat ergeben, dass große Teile des Gehirns völlig frei waren von Amyloid-Plaques. Also Zeichen dafür, dass der Körper tatsächlich das Amyloid beseitigt hat mit Hilfe seiner Abwehrzellen."

Wissenschaftler entwickeln jetzt bessere Impfstoffe, die auf kleineren Beta-Amyloid-Fragmenten basieren, in der Hoffnung, dass das Immunsystem nur noch die krankmachenden Plaques angreift, nicht aber die Hirnhaut. Ginge die Rechnung auf, so Professor Hock, dann wäre sogar quasi eine "Schutzimpfung" gegen Alzheimer denkbar. Neben der Impfstrategie könnten aber auch Pillen gegen Alzheimer das Rennen machen. Professor Konrad Beyreuther von der Uni Heidelberg experimentiert seit 1996 mit so genannten "Statinen", die auch als "Cholesterin-Synthese-Hemmer" bekannt sind. Cholesterin ist ein Vorläufermolekül von Amyloid. Das Problem dabei: Statine können die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden, deshalb entschied er sich bei den 27 ersten Versuchspersonen für eine Hochdosistherapie:

"Die Statine verhindern, dass die Nervenzelle selbst Cholesterin bildet. Und die Statine, das kann man auch zeigen und messen im Hirnwasser, senken die Synthese - die Herstellung - neuen Cholesterins. Das ist der große Vorteil. Und wir haben im Hirnwasser zeigen können, dass die Eiweißfragmente in geringer Menge entsteht."

Doch auch hier lauern unerwünschte Nebenwirkungen: Statine können Muskeln zersetzen und Epilepsie auslösen. Die Heidelberger Pioniere haben die Pharmabranche längst beflügelt. Mittlerweile gibt es fettlösliche Statine, die besser als ihre wasserlöslichen Vorläufer die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Dadurch ist die erforderliche Dosis um ein Vielfaches geringer. Zurzeit laufen zwei internationale Studien mit jeweils 400 Probanden, die in spätestens zwei Jahren abgeschlossen sind.

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