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StartseiteKultur heuteNeue Übersicht, neue Sicht25.07.2008

Neue Übersicht, neue Sicht

Staatsgalerie-Direktor Sean Rainbird ordnet die Stuttgarter Sammlung neu

Als Sean Rainbird vor zwei Jahren sein Amt als Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie antrat, widmete er sich als erstes der Sammlung des Museums. Nun wird sie in einer gewagten Konzeption neu präsentiert: "Endlich diese Übersicht" heißt die neue Sammlungspräsentation, die Werke von Barnett Newman bis Carl Spitzweg, Giovanni Pannini bis Otto Dix beinhaltet.

Von Christian Gampert

Auch in der Stuttgarter Sammlung zu finden: Albert Oehlens "Ausgänge". (Stuttgarter Staatsgalerie)
Auch in der Stuttgarter Sammlung zu finden: Albert Oehlens "Ausgänge". (Stuttgarter Staatsgalerie)
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Schon im November letzten Jahres hat Sean Rainbird einmal umgeräumt. Den - wegen des Umbaus der Alten Staatsgalerie - beschränkten Platzmöglichkeiten seines Museums begegnete er mit einer offensiven Strategie: Es wurden alle Abteilungen im postmodernen Stirling-Bau präsentiert, Kunst von 1300 bis heute - wobei die Chronologie immer wieder aufgebrochen wurde durch überraschende thematische Bezüge über die Epochen hinweg.

Das ging ganz gut. "Konzentriert" hieß die Schau, und der lichte Stirling-Bau erwies sich als idealer Ort gerade für alte Kunst - auf einmal konnte man sehen, wie modern gotische Madonnen sind und auf welchem Boden die Neuerer der klassischen Moderne stehen.

Das Konzept hat Sean Rainbird so gut gefallen, dass er nun die ganze Sammlung nach diesem Muster präsentiert. Freilich ist jetzt eine ganz andere Wegstrecke zurückzulegen: Dadurch, dass auch der fertig renovierte Oberstock der Alten Staatsgalerie und der strenge Quader des 2002 eröffneten Steib-Baus zur Verfügung stehen, muss die gesamte Schau neu organisiert werden. Rainbird hat ein paar Schwerpunkte gebildet, sogenannte Kopfräume: ein großartiger, allerdings in der alten Installation belassener Saal mit Joseph Beuys‘ wärmenden Filzwänden und Energie-Akkumulatoren, dem Friedenshasen und einer kleinen, aus Holz und Flaschen bestehenden Kreuzigung; ein ganzer Saal Beckmann mit der großformatigen bösen "Auferstehung" von 1918, die mit einer kleinen "Kreuztragung Christi" von Jerg Ratgeb konfrontiert wird; drüben in der Alten Staatsgalerie dann der majestätisch popfarben einen ganzen Raum dominierende Herrenberger Altar Ratgebs, dem sehr frech eine ebenfalls als Retabel lesbare programmatische Farbfeldmalerei Barnett Newmans gegenübergestellt wird: "Who's afraid of Red, Yellow, Blue".

Rainbird will gegenläufig zur Architektur erzählen: Man schreitet zu Beginn einen dieser giftgrünen Noppenaufgänge des Stirlingbaus hoch, als ginge man ins Schwimmbad, befindet sich dann aber in einem hellen, schönen Parcours vom Frühmittelalter bis zum 18.Jahrhundert.

Man wechselt fliegend hinüber zum Altbau und ist im 19. Jahrhundert und in der Moderne, der aber der gedämpfte Schummer dieser Räume nicht so gut tut. Einige zentrale plastische Arbeiten, die vorher - in den Stirling-Räumen - wunderbar inszeniert waren, verlieren im Altbau deutlich an Wirkung, so Schlemmers Triadisches Ballett oder Picassos Holzskulpturen der Badenden. Aber das ist nun mal so: Wenn man einer Chronologie folgen will, muss man manche Werke herumschieben.

Zumeist aber staunt man darüber, was die in Stuttgart alles haben. Den Meister von Meßkirch gleich raumfüllend und Hans Memlings Bathseba im Bade, den vielfältigen Johann Heinrich Dannecker und diverse Lehmbruch-Plastiken, die als Wegweiser durch den Parcours führen. Und immer sind Vergleichsbilder und Antagonisten in die einzelnen Abteilungen geschmuggelt: In der Malerei der Dürerzeit ist Otto Dix zu Gast, der ja zeitweise ein ganz altmeisterlicher Porträtist war, in der prallen Malerei des italienischen Barock hängt mahnend eine abstrakte, wüste Komposition des Informelkünstlers Wols. Auf den minimalistisch reduzierten Eisenplatten des Carl André schreitet man durch die holländische Malerei des goldenen Zeitalters mit ihren Spitzenkrägen und Genre-Szenen - und dann weiter ins Venedig des 18. Jahrhunderts.

Hat man also vorsichtig verstanden, auf welch komplizierte Weise die europäische Kunst sich aus dem religiösen Formenkanon befreite, wird man im Altbau gleich schockartig mit Rodins weit gespreizten Schenkeln der Götterbotin Iris empfangen und durch Expressionismus, Kubismus und Dada hin zu Picasso geleitet. Der White Cube des Steib-Baus ist vorzüglich mit Pop-Art und Action Painting bespielt, während dann, wenn man in den äußeren Flügel des Altbaus einbiegt, eine größere Unbeholfenheit wartet: Kiefer, Penck und Baselitz neben klassizistischen Pilastern, das sieht sehr merkwürdig aus.

Rainbird hängt dann Carl Spitzwegs ambivalente Gemüts-Idyllen neben die gesichtslosen Environments von Edward Kienholz - zunächst ist man verwirrt, dann kapiert man, dass hier die Geschichte der Entfremdung erzählt wird.

So lauert in jedem Raum ein provokanter, meist aber produktiver Gedanke - und wenn es in den romantischen und klassizistischen Landschaften dann zu feierlich wird, bei den sehnsuchtvollen Feuerbach-Iphigeniens, dann stellt Rainbird eine Henri-Moore-Plastik dazwischen oder einen Nolde.

500 Werke werden präsentiert, rund zehn Prozent der Sammlung, wenn man die 400.000 Papierarbeiten nicht mitzählt. Ob das die neue Übersicht ist? Wer sich nicht von hergebrachten Sehgewohnheiten leiten lässt, wird reich beschenkt von dannen ziehen. Denn Sean Rainbird zeigt uns das Bild, wie es aus anderen, früheren Bildern entsteht. Im ersten - oder wahlweise auch letzten - Raum der Ausstellung ist das nahezu philosophisch inszeniert: Giovanni Pannini zeigte im 18.Jahrhundert das antike Rom als Bildergalerie, und der Giulio Paolini zieht den Betrachter ins Bild hinein - und macht ihm dort ein Fenster auf.

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