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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Wichtige Fakten werden weggelassen"23.03.2017

Neue Vorwürfe gegen Monsanto"Wichtige Fakten werden weggelassen"

"Buying Science" heißt eine Studie deutscher Umweltorganisationen. Der Studie zufolge sollen der Glyphosat-Hersteller Monsanto und andere Unternehmen renommierte Wissenschaftler bezahlen, damit sie eine bestimmte Meinung kolportieren. Und das sei nicht alles, erklärte Studien-Mitherausgeber Peter Clausing vom Pestizid-Aktionsnetzwerk (PAN) im DLF.

Peter Clausing im Gespräch mit Jule Reimer

Schriftzug "Monsanto" mit Scrabble-Steinen mit einem Biohazard-Zeichen und Getreideähren (imago / Christian Ohde)
Eine neue Studie behauptet: Monsanto und weitere Konzerne hätten Wissenschaftler bezahlt, um Studien-Ergebnisse zu beeinflussen. (imago / Christian Ohde)
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Jule Reimer: Das Patent ist ausgelaufen und Monsanto ist schon länger nicht mehr der Einzige, aber immer noch einer der wichtigsten Hersteller für das umstrittene Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat. Dem sagen Kritiker nach, es löse Krebs und Erbgutschäden bei Menschen aus, ein Verdacht, den die Weltkrebsforschungsorganisation IARC 2015 teilte, den aber wiederum die relevanten deutschen und europäischen Behörden nicht bestätigen können.

Doch Monsanto gerät trotzdem unter Druck. In den USA wurden jetzt auf Anordnung der Justiz erstmals belastende interne Dokumente veröffentlicht.

Heute veröffentlicht ein Bündnis einer Handvoll Umweltorganisationen, darunter der BUND und das Pestizid-Aktionsnetzwerk, in Deutschland eine Studie, die zeigen soll, welche Mittel und Strategien Monsanto einsetzt, um ein mögliches Verbot des Pestizids in Europa zu verhindern.

Die Untersuchung trägt den Titel "Buying Science", gekaufte Wissenschaft, und kurz vor dieser Sendung fragte ich Peter Clausing vom Vorstand von PAN, welche Strategien das Bündnis Monsanto unterstellt.

Peter Clausing: Eine der wichtigsten Strategien ist, dass Monsanto und andere Unternehmen renommierte Wissenschaftler bezahlen, damit sie eine bestimmte Meinung kolportieren. Und das Problem ist, wie wir durch das Öffentlichmachen von internen E-Mails von Monsanto jetzt wissen, dass dabei durchaus auch in Betracht gezogen wird, die Artikel durch Monsanto zu schreiben und die Wissenschaftler setzen dann bloß noch ihren Namen drauf.

Das ist das Problem formal betrachtet und inhaltlich ist das Problem das, dass in diesen Publikationen bestimmte wichtige Fakten weggelassen werden, andere unwichtige Fakten in den Vordergrund gestellt werden und so der Eindruck vermittelt wird, Glyphosat sei harmlos.

Reimer: Aber diesen Aspekt, dass man sich gegenseitig vorwirft, ihr habt die Studie in eurem Sinne konzipiert, das gibt es ja auch in der umgekehrten Form. Es gibt ja die sogenannte Seralini-Studie, die den Vorwurf der Krebserregung erhoben hat, und da wurde wiederum von der anderen Seite gesagt, na gut, ihr habt aber Ratten genommen, die besonders tumoranfällig sind.

Clausing: Das war allerdings kein Vorwurf des Weglassens von Informationen, sondern eine schlecht geplante Studie, die letztendlich auch von der IARC als nicht brauchbar eingestuft wurde, muss ich leider so sagen. Ich persönlich hielt die von Anfang an für schwach, habe allerdings die Argumente, die von der Industrie damals benutzt wurden, für ziemlich haltlos gehalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

"Das halte ich für skandalös"

Reimer: Dann sagen Sie uns, welche wichtigen Informationen sind da zum Beispiel weggelassen worden, Ihrer Ansicht nach?

Clausing: Es gibt eine große Übersichtsarbeit vom September 2016, wo die von Monsanto bezahlten Wissenschaftler wie unter anderem Herr Greim und Gary Williams behaupten, alles an verfügbaren Informationen berücksichtigt zu haben. Und die wichtigste Tumorart, Lymphdrüsenkrebs, der in drei unabhängigen Studien bei Mäusen aufgetreten ist, findet da keinerlei Erwähnung. Das halte ich für skandalös.

Reimer: Jetzt haben Sie aber gleichzeitig das Urteil der Europäischen Chemikalienagentur und der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA, die beide sagen, diesen Vorwurf, Glyphosat kann Krebs und Erbgutschäden bei Menschen auslösen, den können wir nicht bestätigen. Das ist ja schon ein großes Gewicht, was dagegen spricht. Und Monsanto hatte sich ja auch bereit erklärt, dass man Einblick in die Studie nehmen kann.

Clausing: Ja. Dieser Einblick ist zum Teil wohl auch gewährt worden. Der entscheidende Punkt ist, dass die Behörden das Auftreten signifikanter Krebseffekte nicht in Abrede stellen. Es sind insgesamt fünf Mäusestudien mit signifikanten Krebseffekten. Die gesetzlichen Regelungen sagen, wenn bei zwei unabhängigen Studien Krebs zu beobachten ist, ist die Substanz als krebserregend einzustufen. Und die Behörden benutzen fünf fadenscheinige, sehr fragwürdige Argumente mit Verzerrung von Fakten, um diese signifikanten Effekte bei Seite zu schieben, und das ist der Vorwurf, den wir gegenüber der EFSA genauso erheben wie gegenüber der ECHA und dazu nehmen weder BfR noch EFSA noch ECHA in irgendeiner Weise Stellung und das bleibt im Raum stehen. Unsere Vorwürfe und Fragen bleiben unbeantwortet und die signifikanten Krebsstudien stehen natürlich genauso im Raum.

"Da stehen knallharte ökonomische Interesssen hinter"

Reimer: Ist es möglicherweise auch ein Problem, dass es sich um einen sehr kleinen Expertenkreis handelt, der sich da überhaupt auskennt? Gleichzeitig ist ja Glyphosat mittlerweile auch zu so einer Art politischen Glaubensfrage geworden. Die Experten waren immer entweder im Dienste und auf der Seite der Industrie in irgendeiner Form tätig und wirken dadurch vielleicht auf die Umweltbewegung verdächtig. Umgekehrt sind Forscher, die aufseiten der Umweltbewegung sich engagieren, für die andere Seite verdächtig. Ist das ein Dilemma, ließe sich das irgendwie lösen?

Clausing: Zunächst würde ich feststellen wollen, dass es keine Glaubensfrage ist, sondern dass da knallharte ökonomische Interessen dahinter stehen. Ich stimme zu, dass die Details, mit denen argumentiert wird, wirklich Expertenwissen erfordern. Insofern ist das schwierig, das Ganze zu vermitteln, insbesondere in kurzer Zeit. Aber die Fakten stehen im Prinzip im Raum und die Argumente, die wir benutzen, sind faktenbasiert und es gibt keine Antwort von den Behörden.

Reimer: Neue Vorwürfe gegen Monsanto – Peter Clausing vom Pestizid-Aktionsnetzwerk ist übrigens pensionierter Toxikologe und hat lange bei einem großen Pharmaunternehmen gearbeitet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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