Donnerstag, 18.07.2019
 
Seit 13:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteKirill Petrenko - der Anti-Karajan 22.06.2015

Neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko - der Anti-Karajan

Nun haben sie endlichen einen neuen Chef. Was 41 Tage zuvor ergebnislos geendet hatte, gelang im zweiten Anlauf am Sonntag wunderbar: Mit deutlicher Mehrheit haben sich die Berliner Philharmoniker auf Kyrill Petrenko geeinigt - ein Mann, der als leise und selbstironisch gilt, aber auch als Musikgenie der Sonderklasse.

Von Julia Spinola

Kirill Petrenko mit Taktstock  (dpa/iClaudia Esch-Kenkel)
Kirill Petrenko (dpa/iClaudia Esch-Kenkel)

Was für eine Freude! Sichtlich beglückt traten der Intendant der Berliner Philharmoniker Martin Hoffmann und der Orchestervorstand heute Mittag vor die Presse, um die frohe Botschaft zu verkünden: Kirill Petrenko ist zum neuen Chefdirigenten und Nachfolger von Sir Simon Rattle designiert worden. Innerhalb von nur drei Stunden habe das Orchester sich gestern mit "großer Mehrheit", wie es heißt, auf den russischen Dirigenten geeinigt. "Was für ein schöner Montag" rief Martin Hoffmann aus. Es sei eine sehr emotionsgeladene Entscheidung gewesen, schloss sich der Medienvorstand des Orchesters Ulrich Knörzer an.

Und Petrenko selbst reagierte auf den entscheidenden Anruf des Orchestervorstands mit jenem Überschwang, der diesem hochsensiblen Dirigenten auch künstlerisch zueigen ist. "Ich umarme das Orchester", ließ er ausrichten. Was in ihm gefühlsmäßig vorgehe, ließe sich kaum in Worte fassen. Von "Euphorie und großer Freude bis zu Ehrfurcht und Zweifel" sei "da alles drin".

Tatsächlich kann man den Berliner Philharmonikern nur gratulieren. Zunächst bereits, weil sie klug genug waren, nach dem Debakel der geplatzten Wahl vor sechs Wochen nun schnell und ohne großes Aufhebens jene Entscheidung nachzuliefern, die sie für den 11. Mai, umlagert von der Weltpresse, angekündigt hatten – und auf die man dann elf lange Stunden vergeblich gewartet hatte. Glücklich erscheint die Wahl aber vor allem aus künstlerischer Sicht. Denn Kirill Petrenko, der als Generalmusikdirektor seit 2013 höchst erfolgreich zum Glanz der Bayerischen Staatsoper beiträgt, ist einer der ernsthaften und charismatischsten Erscheinungen, die es in der aktuellen Dirigentenlandschaft gibt.

1972 im sibirischen Omsk geboren, machte er schon als 28-jähriger Generalmusikdirektor Furore, als er in einem international bejubelten Kraftakt innerhalb von einer Woche alle vier Abende von Wagners "Ring des Nibelungen" in Meinigen dirigierte. 2013 verpflichtete man ihn als Dirigent des "Rings" in Bayreuth, mit dem er diesen Sommer dort zum letzten Mal zu hören sein wird. Von 2002 bis 2007 war Petrenko als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin höchst erfolgreich und wurde in dieser Zeit gleich mehrfach von der Zeitschrift "Opernwelt" zum Dirigent des Jahres gekürt.

Petrenko ist sowohl ein akribischer Partituren-Durchleuchter und besessen genau Probender, als auch ein leidenschaftlich glühender Ekstatiker, der es versteht, am Abend Publikum und Orchester mit sich fortzureißen. In dieser Hinsicht ähnelt er ein wenig dem Letten Mariss Jansons, der seine Kandidatur für das Philharmoniker-Amt schon vor dem 11. Mai zurückgezogen hatte. Augenblicklich ist Petrenko in Bayreuth mit den Proben für die diesjährigen Festspiele beschäftigt. Dass er die heutige Probe nicht absagte, um in Berlin bei der Pressekonferenz präsent zu sein, passt genau ins Bild dieses verantwortungsvollen Künstlers. Ob er freilich das Nervenkostüm haben wird, das der Job an der Spitze der überaus selbstbewussten Philharmoniker auch erfordert, bleibt abzuwarten. Denn Petrenko gilt als eher stiller, öffentlichkeitsscheuer Mann. Vor wenigen Monaten hatte er eine Dirigierverpflichtung bei den Berliner Philharmonikern im allerletzten Moment abgesagt. Dass er sich damit, wie man damals glaubte, selber aus dem Rennen um die Rattle-Nachfolge genommen habe, hatte man damals zutiefst bedauert.

Die Philharmoniker haben sich besonnen und mit Petrenko dafür entschieden, den bereits unter Simon Rattle eingeschlagenen Weg ins 21. Jahrhundert konsequent weiterzugehen. Auf die künstlerischen Ergebnisse darf man gespannt sein.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk