Vor etwa dreißig Jahren war es nicht wirklich geschickt, sich zum Platonismus zu bekennen und darauf zu beharren, dass die Welt von Ideen geprägt werde. Damals hatte man, jedenfalls in den Proseminaren, gerade wieder neu und endgültig erkannt, dass das Sein das Bewußtsein bestimmt und nicht umgekehrt.
Insofern zeigt schon das Editorial dieser neuen, etwas spröde betitelten "Zeitschrift für Ideengeschichte", wie sehr die Zeiten sich geändert haben: ständige Wertedebatten, Dogmen der internationalen Politik und die Wiederkehr der Religionen kündeten von der enormen Wirksamkeit der IDEEN, behauptet die Redaktion; um deren Wiedererstarken zu verstehen, bedürfe es des langen Gedächtnisses, nämlich des Archivs. Und das haben sie ja, ganz zufällig, auch gleich zur Hand: die Herausgeber leiten die besten deutschen Forschungsarchive.
Obgleich die Bundesrepublik seit der Nachkriegszeit diverse intellektuelle Moden und Paradigmenwechsel überstanden hat - über Marxismus und Kritische Theorie zum "linguistic turn", von der Sozialgeschichte zu Strukturalismus und Systemtheorie und weiter zu Gender und Dekonstruktion - und obwohl also auch der ideengeschichtliche Ansatz tendenziell nur eine weitere Mode einläuten könnte, spricht einiges für dessen Fruchtbarkeit: bereits Joachim Ritter und Reinhard Koselleck haben ja nach dem Krieg große begriffs-geschichtliche Wörterbücher herausgegeben, der eine für die Philosophie, der andere für die Geschichtswissenschaft. Michel Foucault hat im Grunde nichts anderes getan, als die Wirksamkeit von Ideen und Imaginationen auf die jeweilige gesellschaftliche Realität zu untersuchen und die entsprechenden Macht-Diskurse theoretisch zu fassen. Das von dem amerikanischen Historiker Arthur Lovejoy gegründete "Journal of the History of Ideas" diskutiert seit 1940 "intellectual history", Argumentationen, Diskursgeschichte, philosophische Begriffe und ihren Wandel.
Dort will Ulrich Raulff mit seiner Zeitschrift anschließen. Das erste Heft analysiert beispielhaft drei sogenannte "alte Hüte", das meint Konzepte, die einst den intellektuellen Diskurs der Bundesrepublik dominierten, deren Wirksamkeit aber stark nachgelassen hat. Es geht um "Entfremdung", "Coolness" und "Untergrund", also lauter Leit-Vokabeln aus dem Umfeld der APO, die allerdings kaum den gleichen theoretischen Status beanspruchen können. Hier wäre schon der erste Einwand fällig: "Entfremdung" ist seit Marx eine gut begründete theoretische Kategorie, die neu untersucht werden müsste. "Coolness" ist eher als eine Haltung wirksam geworden, "Untergrund" ist ein Projektionsort oder jene Hölle, die sich die RAF selbst bereitete. Auch ist die Wertigkeit dieser Konzepte nicht zu vergleichen: Entfremdung war einst eine Universal-Vokabel.
Die Aufsätze dazu verarbeiten ein riesiges Spezialwissen, sie sind immer anregend, in ihrer Insiderhaftigkeit aber bisweilen überdifferenziert. Martin Bauer beschreibt den kometenhaften Aufstieg des Entfremdungs-Begriffs seit den 1960iger Jahren und resümiert dabei auch entfremdungs-kritische konservative Positionen, vor allem Plessner und Schelsky. Andreas Urs Sommer beleuchtet "Coolness" als Technik des Sich-Entziehens (mit Überlegenheits-Gestus) und schreibt gleich eine kleine Denkgeschichte der Distanz von Aristoteles bis Humphrey Bogart. Helmut Lethen beginnt seinen "Untergrund"-Aufsatz im Erdloch Saddam Husseins und kritisiert (mit dem amerikanischen Anti-Stalinisten Lionel Trilling) dann auch jene Linken, die unter die Oberfläche der Zivilisation hinabsteigen wollten. Erstaunlicherweise ist die Sehnsucht nach der Tiefe, nach dem "Untergrund" in der deutschen Literatur ja seit der Romantik verbreitet.
Ansonsten: Ulrich Raulff über den "leidensgeschichtlichen Horizont" des Kunsthistorikers Aby Warburg. Aus dem Archiv: Hans Georg Gadamer über das Schwinden der Schönheit. Ein Interview: der Freiburger Emeritus Wilhelm Hennis über pragmatische Politik als Gegenpol zur Theorie. Wer das lesen soll? Wir natürlich, also die mehr oder weniger gebildeten Stände. Die Aufsätze setzen eine gewisse Vor-Kenntnis geisteswissenschaftlicher Debatten und die Bereitschaft zu intellektueller Anstrengung voraus. Die Zeitschrift ist wunderbar aufgemacht: schönes Papier, luftiges Lay-Out mit Randglossen. Rein verlegerisch ist das Projekt sicher ein Risiko; man kann dem Beck-Verlag nur zu seinem Mut gratulieren - und viele Abonnenten wünschen.
Insofern zeigt schon das Editorial dieser neuen, etwas spröde betitelten "Zeitschrift für Ideengeschichte", wie sehr die Zeiten sich geändert haben: ständige Wertedebatten, Dogmen der internationalen Politik und die Wiederkehr der Religionen kündeten von der enormen Wirksamkeit der IDEEN, behauptet die Redaktion; um deren Wiedererstarken zu verstehen, bedürfe es des langen Gedächtnisses, nämlich des Archivs. Und das haben sie ja, ganz zufällig, auch gleich zur Hand: die Herausgeber leiten die besten deutschen Forschungsarchive.
Obgleich die Bundesrepublik seit der Nachkriegszeit diverse intellektuelle Moden und Paradigmenwechsel überstanden hat - über Marxismus und Kritische Theorie zum "linguistic turn", von der Sozialgeschichte zu Strukturalismus und Systemtheorie und weiter zu Gender und Dekonstruktion - und obwohl also auch der ideengeschichtliche Ansatz tendenziell nur eine weitere Mode einläuten könnte, spricht einiges für dessen Fruchtbarkeit: bereits Joachim Ritter und Reinhard Koselleck haben ja nach dem Krieg große begriffs-geschichtliche Wörterbücher herausgegeben, der eine für die Philosophie, der andere für die Geschichtswissenschaft. Michel Foucault hat im Grunde nichts anderes getan, als die Wirksamkeit von Ideen und Imaginationen auf die jeweilige gesellschaftliche Realität zu untersuchen und die entsprechenden Macht-Diskurse theoretisch zu fassen. Das von dem amerikanischen Historiker Arthur Lovejoy gegründete "Journal of the History of Ideas" diskutiert seit 1940 "intellectual history", Argumentationen, Diskursgeschichte, philosophische Begriffe und ihren Wandel.
Dort will Ulrich Raulff mit seiner Zeitschrift anschließen. Das erste Heft analysiert beispielhaft drei sogenannte "alte Hüte", das meint Konzepte, die einst den intellektuellen Diskurs der Bundesrepublik dominierten, deren Wirksamkeit aber stark nachgelassen hat. Es geht um "Entfremdung", "Coolness" und "Untergrund", also lauter Leit-Vokabeln aus dem Umfeld der APO, die allerdings kaum den gleichen theoretischen Status beanspruchen können. Hier wäre schon der erste Einwand fällig: "Entfremdung" ist seit Marx eine gut begründete theoretische Kategorie, die neu untersucht werden müsste. "Coolness" ist eher als eine Haltung wirksam geworden, "Untergrund" ist ein Projektionsort oder jene Hölle, die sich die RAF selbst bereitete. Auch ist die Wertigkeit dieser Konzepte nicht zu vergleichen: Entfremdung war einst eine Universal-Vokabel.
Die Aufsätze dazu verarbeiten ein riesiges Spezialwissen, sie sind immer anregend, in ihrer Insiderhaftigkeit aber bisweilen überdifferenziert. Martin Bauer beschreibt den kometenhaften Aufstieg des Entfremdungs-Begriffs seit den 1960iger Jahren und resümiert dabei auch entfremdungs-kritische konservative Positionen, vor allem Plessner und Schelsky. Andreas Urs Sommer beleuchtet "Coolness" als Technik des Sich-Entziehens (mit Überlegenheits-Gestus) und schreibt gleich eine kleine Denkgeschichte der Distanz von Aristoteles bis Humphrey Bogart. Helmut Lethen beginnt seinen "Untergrund"-Aufsatz im Erdloch Saddam Husseins und kritisiert (mit dem amerikanischen Anti-Stalinisten Lionel Trilling) dann auch jene Linken, die unter die Oberfläche der Zivilisation hinabsteigen wollten. Erstaunlicherweise ist die Sehnsucht nach der Tiefe, nach dem "Untergrund" in der deutschen Literatur ja seit der Romantik verbreitet.
Ansonsten: Ulrich Raulff über den "leidensgeschichtlichen Horizont" des Kunsthistorikers Aby Warburg. Aus dem Archiv: Hans Georg Gadamer über das Schwinden der Schönheit. Ein Interview: der Freiburger Emeritus Wilhelm Hennis über pragmatische Politik als Gegenpol zur Theorie. Wer das lesen soll? Wir natürlich, also die mehr oder weniger gebildeten Stände. Die Aufsätze setzen eine gewisse Vor-Kenntnis geisteswissenschaftlicher Debatten und die Bereitschaft zu intellektueller Anstrengung voraus. Die Zeitschrift ist wunderbar aufgemacht: schönes Papier, luftiges Lay-Out mit Randglossen. Rein verlegerisch ist das Projekt sicher ein Risiko; man kann dem Beck-Verlag nur zu seinem Mut gratulieren - und viele Abonnenten wünschen.