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Neuer Rekordtag in einer neuen Rekordsaison?

Meteorologie. - Mehr als 300 Tote hat eine Serie von Wirbelstürmen im Südosten der USA gefordert. 137 Tornados hatten am Mittwoch in mehreren Bundesstaaten gewütet, der bisherige Höhepunkt einer rekordverdächtigen Saison.

Von Volker Mrasek | 29.04.2011

2011 könnte ein absolutes Rekordjahr für Tornados in den Vereinigten Staaten werden. Im Frühjahr haben die Wirbelstürme Hochsaison. Dann ist der Temperaturunterschied zwischen dem tropischen Golf von Mexiko im Süden und den kälteren Landesteilen im Norden noch groß, und die Atmosphäre aktiver als im Sommer oder Herbst. In diesem Frühling erweist sie sich als besonders unruhig. Harold Brooks, Atmosphärenphysiker im Nationalen Starksturm-Labor der USA in Oklahoma:

"Im Durchschnitt haben wir in den USA jedes Jahr etwa 1300 Tornados. Mehr als die Hälfte davon tritt zwischen April und Juni auf, also genau zur jetzigen Zeit. Diesmal hatten wir rund 600 im April und noch einmal um die 100 in den Wochen davor. Das heißt, wir kommen bereits zu diesem Zeitpunkt der Saison auf 700 Tornados. Das sind 300 mehr als normalerweise. Es ist schon ein ungewöhnliches Jahr bisher."

Der verheerende Tornado-Ausbruch vom Mittwoch setzte dieser ohnehin sehr aktiven Saison jetzt die Spitze auf. Nach vorläufigen Schätzungen von Meteorologen dürften mehr als 130 einzelne Windhosen im Südosten der USA aufgetreten sein. Brooks:

"Es könnte sein, daß es noch nie so viele Tornados an einem einzigen Tag in den USA gegeben hat. Aber die genaue Anzahl können wir erst angeben, wenn Meteorologen die Schäden vor Ort ausgewertet haben. Das wird noch einige Tage dauern."

Wie schnell die Tornados rotierten, wie stark sie also waren – auch das können Harold Brooks und seine Kollegen erst nach der genauen Schadensanalyse sagen. Grundsätzlich gibt es eine Skala von 0 bis 5. Die verheerendsten Tornados hatten sicher Stärke 4, wahrscheinlich sogar 5. Das würde bedeuten: Die Windhosen wirbelten mit bis zu 400, wenn nicht gar 500 Kilometern pro Stunde über Land. Klar ist schon jetzt, daß sie sich dabei sehr schnell fortbewegten. Auch das trug zur Katastrophe bei. Brooks:

"Sie haben sich schneller vorwärtsbewegt als die meisten Tornados, mit fast 100 Kilometern pro Stunde. Normalerweise ist ihre Geschwindigkeit nur halb so hoch. Einige der Gewitterzellen, aus denen gleich mehrere Tornados entstanden, waren bis zu 500 Kilometer lang."

Der Atmosphärenphysiker spricht von besonderen meteorologischen Bedingungen, die zu den starken Unwettern geführt hätten. Besonders betroffen war der US-Bundesstaat Alabama, der direkt an den Golf von Mexiko grenzt. Eine Kaltfront habe dort unerwartet Halt gemacht, statt aufs Meer hinauszuziehen. Brooks:

"Normalerweise wandern solche Kaltfronten bis in den Golf von Mexiko und ziehen so feuchte Luft vom Land ab. In den letzten Wochen aber blieben sie ein gutes Stück nördlich der Golfküste stecken. Dadurch haben sich warme, feuchte Luftmassen über dem Land gestaut – genau in den Regionen, die von den Stürmen heimgesucht wurden."

Warme, feuchte Luft liefert Tornados zusätzliche Energie. Das erklärt, warum sie jetzt so stark ausfielen. Ob der Klimawandel vielleicht einen Anteil an der Katastrophe hat, ist für Harold Brooks eine völlig offene Frage:

"Wenn sich der Planet erwärmt, nimmt die Luftfeuchtigkeit in Bodennähe zu. Gewitter können dadurch praktisch mehr Energie tanken. Das begünstigt starke Tornados. Andererseits soll der Klimawandel den Temperatur-Unterschied zwischen dem Äquator und den Polen verkleinern. Dadurch würden Scherwinde in unterschiedlichen Höhen der Atmosphäre schwächer. Das verhindert starke Tornados eher. Denn dann können sie nicht mehr so schnell rotieren."

Welcher Effekt den anderen überwiegt, könne im Moment noch niemand sagen. Auch nicht im Fall der jüngsten Serie tödlicher Tornados im Südwesten der USA.