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StartseiteCorsoZeit wird Raum - Raum wird Zeit11.10.2018

Neues 360-Grad-FilmformatZeit wird Raum - Raum wird Zeit

360-Grad-Kameras sind der Hype der Techniksaison - und schon kommt die nächste Stufe. Eine Ausstellung im Museum ZKM in Karlsruhe zeigt eine neue Form der 360-Grad-Optik: Verglichen mit der spektakulären Installation von Wiener Medienkünstlern sind handelsübliche 360-Grad-Cams nur Schnickschnack.

Von Peter Backof

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Die Aufnahme von Martin Reinharts und Virgil Widrichs "tx-reverse 360°" ziegt einen Rundumblick eines Kinosaals mit Zuschauern aus der Bodenperspektive (Martin Reinhart, Virgil Widrich)
Filmszene aus "tx-reverse 360°" von Martin Reinharts und Virgil Widrichs (Martin Reinhart, Virgil Widrich)
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Babylon Berlin! Tatsächlich haben die Wiener Regisseure und Medienkünstler Martin Reinhart, Virgil Widrich und ihr Filmkomponist Siegfried Friedrich im - neuerdings deutschlandweit wieder - populären Kino "Babylon" in Berlin gedreht, eine Choreografie für 135 Statisten ausgeklügelt, die den mondänen Saal aus der Stummfilmära - mit Goldkante an der Leinwand! - entern, für die Kino-im-Kino-Installation "tx-reverse 360°".

Siegfried Friedrich: "Im Prinzip geht es im ganzen Projekt um Transzendenz. Was macht der Film? Der Film vertauscht eine Raumdimension mit der Zeitdimension und dadurch hat das Ganze eine sehr enge Beziehung zu Gedanken, die vor hundert Jahren sehr populär waren: Vierte Dimension und so."

Im Bild die Zeit abbilden

Relativitätstheorie, Einstein! - oder: Als die Bilder laufen lernten. Im 21. Jahrhundert lernen sie gefühlt alle paar Tage neu laufen, wenn man den News und Hashtags aus dem Produktuniversum glauben mag. Von 2D, nach 3- und 4D und "augmented" wieder zurück - ins mediale Glück? 360-Grad-Kameras sind derzeit ein viel beworbenes "Must Have". Mit der Installation "tx-reverse 360°" ist - sofort! - alles anders. Der "Film" dauert nur fünf Minuten - sonst hätte er auch die meisten der aktuell verfügbaren Rechnerkapazitäten überfordert. 52 Tage hat es gedauert, die Bilddaten zu verrechnen.

Martin Reinhart: "Mir ist klar, dass das, noch dazu im Radio, sehr kompliziert vorstellbar ist, aber das ist die Qualität dieser Bilder, dass die eben kein zentralperspektivisches Foto von irgendwas sind, sondern dass sie im Bild die Zeit abbilden."

Ja ... Und genau das ist die spontane Reaktion auf das, was im kleinen - runden - Panoramalabor des ZKM als 360-Grad-Rundum-Video zu sehen ist: Was? Ist? Das? Die Logen und Ränge des "Babylon" werden förmlich von einem digitalen Orkus verschluckt. Manche der 135 Performer klettern rückwärts über Kinosessel, verdoppeln sich, verschwinden. Die Leinwand in der Leinwand zeigt eine Art Computer-Defragmentierungs-Pixel-Haufen-Grafik.

Martin Reinhart: "Ja, das war auch unser Wunsch, dass es so eine Art Selbstverschlingung ist. Dass man gar nicht mehr weiß: Ist man jetzt Teil des Kinopublikums? Oder ist man Teil des Films? Oder wird man von der Leinwand geschluckt oder wieder ausgespuckt?"

Die Schlüsselszene im Panorama-Labor ist gruselig

Dabei ist es ganz simpel und es wurde auch schon - zweimal - gesagt: Raum und Zeit wurden vertauscht. Die Kinobesucher laufen nicht mehr mit einem Meter pro Sekunde, sondern mit einer Sekunde pro Meter. Um es zu visualisieren hilft vielleicht dieses Bild: Der Berliner Fotograf Michael Wesely ist international berühmt geworden mit langzeitbelichteten Fotos: Fast drei Jahre lang hat er eine Blende offengelassen auf den Potsdamer Platz und seine Umgestaltung im Rahmen der "Berliner Republik". Auf seinen Fotos sieht alles, was nur kurz auf dem Platz stattfand, relativ scharf aus und das langsame Wachstum eines Büromeilers verschwommen. Und das dann - nochmal erweitert um die Zeit - als Film.

Virgil Widrich: "Ja, und hier haben wir die Kamera geschwenkt, deswegen ist der Hintergrund auch ganz normal abgebildet und nur die Menschen, die im Verhältnis dazu sich bewegt haben, sind dick oder dünn, je nachdem, ob sie schnell oder langsam gegangen sind und ob sie vorne oder weiter hinten waren. Es geht hier eigentlich um die relative Geschwindigkeit und nicht um die absolute."

Die Schlüsselszene im Panorama-Labor ist gruselig: Wo man auch hinschaut, vor neben hinter einem - plötzlich fixieren einen alle. Man ist jetzt persönlich gemeint, Zentrum der 360 Grad.

Christian Lölkes: "Und das ist ja auch sehr interessant, weil die Idee des Fotografen und des Fotografierten ja auch so ein bisschen verschwimmt. Wenn man jetzt so eine 360-Grad-Kamera selber in der Hand hält und ein Bild macht, dann steht man ja nirgendwo hinter der Kamera, man ist ja immer selber auch drin." Im Film, sagt Christian Lölkes, wissenschaftlicher Berater am ZKM. 

360-Grad-Ästhetik bald auch im "normalen" Kino?

Das Immersive und in Echtzeit Interaktive gehört längst wesentlich zu Computerspielen und in die Virtual Reality. Wäre es nicht denkbar, dass 360-Grad-Ästhetik uns bald auch im "normalen" Kino begegnet? Christian Lölkes: "Ich glaube, das dauert noch relativ lange. Ganz am Anfang sind die Leute ja ins Kino gegangen, weil es technisch etwas war, was sie nicht zur Verfügung hatten. Heute geht man ins Kino wegen der Story, wegen dieser Aura, die durch den Raum ausgestrahlt wird."

"Das gibt es ja immer wieder, dass Dinge, die nicht dieser Norm entsprechen, experimenteller sind, ein großes Publikum finden. Also ich bin da nicht so sicher", kontert 360-Grad-Künstler und gewissermaßen auch Erfinder, Martin Reinhart. Bereits vor 20 Jahren hatte er die Idee, Raum und Zeit bei Bilddaten zu vertauschen und war damit der Zeit voraus. Bis heute hat man im Kino-Alltag etwas derart Spektakuläres wie die Karlsruher Installation noch nicht gesehen. Denkbar und verständlich wäre es schon, etwa für Traum-Szenen. Das wird man sehen, was Menschen und Künstler mit den derzeit offenbar massenhaft gehandelten 360-Grad-Kameras anstellen werden.
 

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