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StartseiteCorsoTanzen nach den Tränen29.05.2020

Neues Album von Lady GagaTanzen nach den Tränen

Millionen Lady-Gaga-Fans feiern: Endlich gibt es die neue Platte „Chromatica“. Sie wurde durch Corona ausgebremst, sollte eigentlich vor Wochen erscheinen. "Textlich nicht gerade ein Feuerwerk der guten Laune", so Kritiker Jens Blazer im Dlf, doch "die Musik ist durchweg gut gelaunt und tanzbar".

Jens Balzer im Kollegengespräch mit Christoph Reimann

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Lady Gaga 2018 in Hollywood. (imago stock&people)
Eher schematische Musik bietet Lady Gaga auf ihrem neuen Album, findet Musikkritiker Jens Blazer (imago stock&people)
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Insgesamt findet Musikkritiker Jens Balzer: "Musikmachen war noch nie die größte Stärke von Lady Gaga; sie war ja eigentlich eher als Gesamtkunstwerk interessant, als Spektakel." Die Musik empfindet er eher als schematisch und unoriginell. "Am besten gefallen mir die Stücke, bei denen Gäste mit dabei sind", wie in dem Stück "Sour Candy" mit Blackpink, der erfolgreichsten Girl-Group aus dem südkoreanischen K-Pop.

Man hört auf der Platte aber, dass die US-Musikerin eine schwere Zeit hatte, wenn man sich auf die Texte konzentriert, wie Musikkritiker Jens Balzer im Deutschlandfunk sagte: "Es geht um psychische Erkrankungen, Selbstzerstörung, Medikamentenabhängigkeit, allgemein Unglück spielt eine Rolle."

Etwa in "Rain On Me", einem Duett mit Ariana Grande. Da singt Lady Gaga von ihren Depressionen und ihrem Alkoholismus. Und "911" handelt von ihren manischen Stimmungsschwankungen, ergänzte Balzer. "Also: nicht gerade ein Feuerwerk der guten Laune, das hier abgebrannt wird - jedenfalls in den Texten nicht. Die Musik ist aber ausgesprochen gut gelaunt und fast durchgängig tanzbar. Sie möchte zeigen, dass man sich durch seine Schmerzen hindurch tanzen kann."

Nach ihrem kontrovers diskutierten "Artpop"-Album von 2013 hatte sie sich anderen musikalischen Genres zugewandt, wie Balzer sagte. Mit Tony Bennett nahm sie eine Platte mit Jazz-Standards auf, "Cheek to Cheek". Auf dem nächsten Album "Joanne" gab es dann unter anderem Folkballaden zur akustischen Gitarre zu hören. Und das Letzte war der Country- und Blues-Soundtrack zu dem Film "A Star Is Born", in dem sie auch eine der Hauptrollen spielte. "In den letzten Jahren wollte sie immer weiter weg von ihren musikalischen Wurzeln, die ja ganz klar in der Dance-Musik liegen", so der Musikkritiker, "auch als Zeichen dafür, dass sie eine ernsthafte Künstlerin geworden ist."

"Ordentlich auf die Zwölf"

Mit ihrem Album kehrt Lady Gaga zur Tanzmusik zurück. "Es herrschen 80er- und Früh-90er-Jahre-Beats vor. Da gibt es dann mal eine Basslinie, die an New Order erinnert. Auch Madonna aus ihrer House- und Vogue-Phase geistert wieder herum." Als Produzent fungieren unter anderem Skrillex und sein junger Adlatus Blood Pop, der letztes Jahr dadurch kurz zu Berühmtheit gelangte, dass er einen Rap-Song von Elon Musk produzierte. "Das heißt, es wird dann auch schon mal ordentlich auf die Zwölf gegeben."

"Sie empfängt Sinuswellen aus dem All"

Blazers Lieblingsstück auf dem Album ist "Sine From Above", ein Duett mit Elton John. Da geht es darum, wie sie zur Künstlerin wurde. Indem Gott ihr nämlich ein "Sine" schickte, das klingt wie "Sign" - zu Deutsch: Zeichen, wird aber geschrieben wie die Sinuswelle. "Sie empfängt Sinuswellen aus dem All, das finde ich wirklich mal ein ganz schönes lyrisches Bild", so Balzer, und fügte hinzu: "Dazu singt Elton John sich im Refrain derart aufdringlich und mit abgehackter Phrasierung in den Vordergrund, dass Gaga dahinter nur noch als verglimmende Sinuswelle erscheint. Und am Ende bricht plötzlich ein völlig unpassender Drum’n’Bass-Rhythmus in das Ganze hinein, und schwere Bässe saugen alles in den Abgrund. Das ist wirklich eine bemerkenswerte musikalische Wendung."

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