Samstag, 02. Juli 2022

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Neues Mobilitätsangebot Ridesharing
Hamburg testet den Nahverkehr von morgen

Ganz individuell und bequem von jedem Ausgangspunkt zu jedem Ziel in der Stadt – und das umweltfreundlich und ganz ohne eigenes Auto: Das versprechen die neuen Ridesharing-Anbieter in Hamburg. Ein weiteres Ziel dieses Mobilitäts-Konzepts: Den Verkehrsinfarkt abwenden.

Von Axel Schröder | 10.01.2019

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App und Elektro-Auto - so könnte die Mobilität von morgen aussehen (dpa/Daniel Reinhardt)
So klingt es, wenn am Hamburger Rathaus ein konventionell, mit Dieselmotor angetriebener Bus vorbeifährt. Und so klingt ein Kleinbus von "Moia", einer Tochterfirma des VW-Konzerns.
Ab April sollen zunächst einhundert elektrisch angetriebene "Moia"-Busse auf Hamburgs Straßen unterwegs sein. Im nächsten Jahr dann sogar 500. Sechs Fahrgäste können mitfahren, erklärt Ole Harms, einer der Verantwortlichen für das Projekt. Harms lehnt sich in einem der weißen Schalensitze zurück, erklärt die Vorzüge des Wagens:
"Die Gepäckablage vorne zum Beispiel. Leute kommen mit Gepäck rein. Und es ist natürlich nicht so schön, dass hier durchs Auto zu tragen. Deswegen kann man es vorne gleich abstellen. Und man hat es von jedem Sitz im Blick. Die Sitze haben wir so gestaltet, dass man erstens Beinfreiheit, zweitens aber, das ist ganz wichtig beim Sharing, dass man eben nicht Schulter an Schulter mit fremden Leuten sitzt. Deshalb haben wir - wir nennen das 'Cocooning' - die Kopfstücke etwas rumgezogen. Und wir haben einen ordentlichen Sitzabstand!"
Per App durch die Stadt
Dazu gibt es noch einen USB-Anschluss zum Aufladen von Mobiltelefonen und schnelles Internet. Buchen können die Kunden die Fahrten ausschließlich über die "Moia"-App. Start- und Zielpunkt und die gewünschte Uhrzeit werden ausgewählt, dann errechnet der Algorithmus des Unternehmens aus, wann und wo der Kunde zusteigen kann. Kern der dahinter stehenden "Ridesharing"-Idee ist, dass immer mehrere Menschen gleichzeitig befördert werden.
09.01.2019, Hamburg: Ein Elektrofahrzeug des Mobilitätsdienstleisters Moia fährt bei einem Pressetermin des VW-Tochterunternehmens vor dem Rathaus. Foto: Christian Charisius/dpa | Verwendung weltweit
Der Shuttlebus von Moia fährt jeden Punkt in Hamburg an - Fahrroute und Zustiegspunkte errechnet ein Algorithmus (dpa)
Am Ende würden auf diese Weise weniger Kraftfahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein, so Ole Harms. In Hannover habe man das System bereits getestet und gute Erfahrungen gemacht, erzählt Harms: "Gerade am Anfang und zu Schwachlastzeiten haben wir auch Autos, wo es Leerfahrten gibt oder wo nur einer drin sitzt. Wir haben aber gerade in diesen starken Zeiten, am Nachmittag, am Abend, Donnerstag bis Samstag stellenweise Sharing-Quoten über 50, 60 Prozent. Das heißt, wirklich 50 bis 60 Prozent sind halt mit mehreren Leuten geteilt. Da sind wir sehr positiv."
Und wenn das Konzept auch in Hamburg aufgehe, soll die Flotte auf 1.000 Fahrzeuge verdoppelt werden. – "Moia" ist aber längst nicht der erste "Ridesharing"-Anbieter in Hamburg. Seit einem halben Jahr gibt es in zwei Randbezirken der Hansestadt schon "ioki". Der Name steht für "Input Output Künstliche Intelligenz". Vor dem S-Bahnhof Hamburg-Eidelstedt parkt eines der 18 "ioki"-Autos. Ein typisches Londoner Taxi, allerdings weiß lackiert, den Firmenschriftzug auf der Fahrertür.
Verschiedene konkurrierende Konzepte
Christina Sluga vom Verkehrsverbund Holstein-Hamburg und ihre Kollegin warten schon und erklären, wie das Ganze funktioniert: "Man muss sich die App runterladen, Zahlungsdaten hinterlegen, wenn man keine HVV-Fahrkarte hat. Sonst kann man auch, wenn man eine Tageskarte oder eine Monatskarte hat, einfach mit der fahren. Dann gebe ich meinen Startpunkt an, von wo ich starten will und mein Ziel. Und dann rechnet mir quasi die App aus, wo sie mich genau abholt und bringt mich dann zum Ziel."
Auch die "ioki"-Wagen fahren meistens elektrisch. Nur wenn die Batterieleistung zur Neige geht, springt ein Dieselgenerator an und liefert Strom. Die Menschen im Projektgebiet, in Osdorf und Lurup, können sich morgens nicht weit von ihrer Haustür entfernt, an einem der alle 200 Meter eingerichteten "ioki-Haltepunkte" abholen lassen. Dann werden entlang einer computererrechneten Route weitere Fahrgäste eingesammelt, die das gleiche Ziel haben.
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Ein Angebot der Deutschen Bahn: Blick in ein ioki-Shuttle (dpa/Britta Pedersen)
Die Idee des Ride-Sharings verfolgt in Hamburg auch die Firma "Clevershuttle". Deren Fahrtgebiet und Flotte sind größer und die wasserstoffbetriebenen "Clevershuttle"-Autos steuern nicht in erster Linie S- und U-Bahn-Stationen an, sondern, wie die "Moia"-Kleinbusse beliebige Wunschziele der Kunden. Auch hinter dieser Firma steht als Mehrheitsgesellschafter die Deutsche Bahn.
Fahrerloser Personenverkehr
Einen weiteren Schritt in die Zukunft plant die Hamburger Hochbahn in der Hafencity. Dort laufen die Vorbereitungen für die ersten fahrerlosen, vollautomatisch durch die Straßen navigierenden Kleintransporter. Ab Mitte des Jahres soll es losgehen, zunächst aber noch – sicher ist sicher – mit Fahrerinnen und Fahrern, die im Ernstfall noch eingreifen können.