Mittwoch, 22.09.2021
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
Startseite@mediasres"Katapult" macht Lokalzeitung Konkurrenz07.04.2021

Neues Online-Medium in Mecklenburg-Vorpommern"Katapult" macht Lokalzeitung Konkurrenz

Bekannt ist das "Katapult"-Magazin für seine originellen und nicht immer ernst gemeinten Grafiken. Nun plant die Greifswalder Redaktion in Mecklenburg-Vorpommern eine Online-Lokalzeitung - aus Frust über den dort ansässigen "Nordkurier", den sie in Teilen für rassistisch hält.

Von Silke Hasselmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Blick auf ein Gebäude der Verlagsgruppe Nordkurier aim März 2014 auf dem Datzeberg in Neubrandenburg (Imago/BildFunkMV)
Der "Nordkurier" berichte rassistisch, findet "Katapult"-Chefredakteur Benjamin Fredrich - und plant deswegen eine eigene Lokalzeitung (Imago/BildFunkMV)
Mehr zum Thema

Paywalls im Lokalen Wer lesen will, muss bezahlen

WAZ-"Zukunftslabor" Mehr Lokales, mehr Positives

Newsletter mit Lokaljournalismus Konkurrenz für die Münsteraner Tageszeitungen

Lokaljournalismus in Brandenburg 1,5 Millionen Euro Subventionen vom Land

Journalismus unter Corona Wie recherchiert man, wenn kaum jemand rausgeht?

Kaum hatte "Katapult" im März den Aufruf gestartet, waren auch schon mehr 2.700 Abos abgeschlossen. Genug, um die ersten Stellen am Redaktionsstandort Greifswald zu finanzieren, erzählt Geschäftsführer Benjamin Fredrich erkennbar stolz und ergänzt:

"Ich wollte eigentlich 'Katapult' langsam ins Englische starten. Habe ich schon, wir haben schon zwei Leute eingestellt, die einen englischen Insta-Kanal aufbauen. Es war also gar nicht im Plan, eine Lokalzeitung zu machen. Der 'Nordkurier' hat uns dazu bewegt. Die sind tatsächlich - also meiner Meinung nach - absichtlich fremdenfeindlich, haben rassistische Überschriften, haben Mordaufrufe in ihren Kommentarspalten."

Der Greifswalder Katapult-Verlag macht seit längerem bundesweit von sich reden: Sein gleichnamiges Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft übersetzt Studien in eine verständliche Sprache, indem es Fakten in Form orgineller Infografiken aufbereitet und in mitunter überraschende Beziehung zueinander setzt. Bundesweit hat das Magazin rund 50.000 Abonnenten und vermarktet sich selbstbewusst als das "Geo der Sozialwissenschaft". Nun will der Katapult-Verlag eine neue Regionalzeitung für Mecklenburg-Vorpommern auf den Markt bringen - zunächst online.

Der "Nordkurier" ist eine von drei Regionalzeitungen, die sich den Markt in Mecklenburg-Vorpommern exakt so aufteilen, wie es ihre DDR-Vorläufer, die SED-Bezirkszeitungen, getan haben. Zuständig für den früheren Bezirk Neubrandenburg habe der "Nordkurier" 2015 mit dem Erstarken von AfD und Pegida begonnen, mit reißerischen Überschriften und fragwürdigen Teasern zu arbeiten.

Heftige Vorwürfe gegen den "Nordkurier"

Zudem gehe bis heute in den Kommentarspalten der Online-Ausgabe und auf Facebook die Post ab und bleibe dennoch unmoderiert, sagt Benjamin Fredrich. Er führt einen nicht näher bezeichneten "Nordkurier"-Bericht an, in dem es um einen Überfall zweier schwarzer Männer aus Ghana gegangen sei. Das Opfer: "eine deutsche weiße Oma", wie Fredrich es ausdrückt:

"Diese ganze Zuschreibung der Nation und der Hautfarbe führt dann dazu, dass in der Kommentarspalte des 'Nordkurier' gesagt wird: 'Okay, ich würde diese Leute, die das gemacht haben, erschießen oder an einen Baum fesseln und dort verhungern lassen.' Also diese ganzen faschistischen Gedanken, die da vorkommen, die werden ja erstmal provoziert vom 'Nordkurier'. Die wissen auch, dass sie das provozieren. Und dann wird es im Nachhinein nicht mal angeguckt oder gelöscht. Das wird sich selbst überlassen, und das ist unerträglich, wenn man hier in dieser Region wohnt."

Karten und Visualisierungen auch im Lokalen

Trotz mehrfacher Anfragen hat die in Neubrandenburg sitzende "Nordkurier"-Chefredaktion nicht auf unsere Interviewbitte reagiert. So bleibt vorerst offen, wie man dort auf die heftigen Vorwürfe und auf die Gründung einer Konkurrenzzeitung reagiert. "Katapult MV" soll starten, sobald die erste Lokalredaktion in Rostock, Schwerin oder Neubrandenburg steht, und dann voll in die Berichterstattung über den jetzt beginnenden Landtagswahlkampf einsteigen, sagt der Greifswalder Verlagschef Benjamin Fredrich:

"Da ist dann auch ein schöner Vergleich zu den anderen Zeitungen, die es hier gibt. Da weiß man: Alle müssen sich auf dieses Thema einschießen, und dann kann man vergleichen, wer das wie macht. Und dann sieht man erste Ergebnisse, ob 'Katapult' das anders macht oder nicht."

Züchter Emil Wetzer aus Obergünzburg (Bayern) hält am 16.12.2107 auf der Messe in Leipzig (Sachsen) ein Kaninchen der Rasse «Farbenzwerge lohfarbig schwarz». Zur 33. Bundes-Kaninchenschau werden am 16. und 17.12.2017 mehr als 26 000 Rassekaninchen ausgestellt und bewertet. Sachsen sei mit seinen rund 7500 Züchtern in 461 Vereinen immer noch eine Hochburg der Kaninchenzucht. 1880 ist der erste deutsche Kaninchenzüchterverein in Chemnitz gegründet worden. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (Sebastian Willnow/dpa)Bundes-Kaninchenschau (Sebastian Willnow/dpa)Lokaljournalismus geht auch anders
Lokaljournalismus kann modern und trotzdem bürgernah sein, ganz ohne Hasenzüchter-Gesangsverein-Klischees. Das beweisen die noch relativ neuen Projekte Merkurist.de und Correctiv.Lokal. Beide setzen auf die Beteiligung ihrer Leser.

Die Anmutung aus dem jetzt schon bekannten sozialwissenschaftlichen "Katapult"-Magazin, das ohne Fotos auskommt, werde sich in der Regionalzeitung wiederfinden, denn:

"Es werden mindestens 50 Prozent der Artikel auch mit unseren Karten und Visualisierungen vorkommen. Die anderen 50 Prozent? Es ist uns schon klar, dass wir auch ein paar Fotos brauchen, wenn man lokal arbeitet. Da kommen wir um Bilder natürlich nicht ganz herum."

"Katapult" will keine Sensationalisierung

Und inhaltlich? Werde man im Gegensatz zum "Nordkurier", aber auch zur in Rostock sitzenden "Ostseezeitung" jegliche Sensationsberichterstattung weglassen. "Katapult MV" setze nicht auf die emotionale und oft angstschürende Beschreibung von Einzelfällen wie etwa einen tragischen Verkehrsunfall auf einer Autobahnbrücke in Vorpommern. Vielmehr werde man den Einzelfall anhand von grafisch originell aufbereiteten Statistiken in das gesamte Verkehrs- bzw. Unfallgeschehen einordnen.

Logo zum Medienpodcast "Nach Redaktionsschluss" des Deutschlandfunk

Ansonsten interessiere ihn als Einheimischen sehr, was aus der drei Jahrzehnte dauernden, milliardenschweren Wirtschaftsförderung für das traditionell wenig industrialisierte Mecklenburg-Vorpommern geworden ist, sagt Benjamin Fredrich: "Zum Beispiel durch unsere Autobahn, die ja mal gebaut wurde genau mit diesem Ziel, damit sich Industrie ansiedelt und nicht nur der Dienstleistungssektor. Das würde mich interessieren, ob sich dieses Land irgendwie industrialisieren kann, oder ob es weiterhin Urlauberland bleibt."

Man darf auf die Infografiken gespannt sein, die sich mit dem starken Widerstand etwa von Umwelt- und Naturschutzverbänden sowie von Bürgerinitiativen gegen Industrieansiedlungen befassen. Ein einseitiges grün-linkes Kampfblatt soll "Katapult MV" jedenfalls nicht werden, auch wenn sich das aktuelle Editorial von Geschäftsführer Fredrich so liest. Nein, so der Greifswalder Gründer: Rechtes menschen- und gruppenfeindliches Gedankengut wie bei AfD oder NPD werde keinen Platz finden. Doch ansonsten könne es sich "Katapult" gar nicht leisten, in eine bestimmte politische Richtung oder Partei zu driften.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk