Donnerstag, 18. April 2024

Archiv


Neues zu Beckett

Samuel Beckett hat in seinen absurden Theaterstücken viele Rätsel hinterlassen - er hinterließ aber auch eine Unmenge an Briefen und Manuskripten, in denen vielleicht einige Lösungen stecken. Abseits ihrer Archive trafen sich 170 Beckettforscher im englischen York, um über den Stand der Suche zu diskutieren.

Von Anja Kampmann | 28.06.2011
    "Out of the Archive" war der Titel der internationalen Samuel-Beckett-Konferenz, die von Donnerstag bis Sonntag letzter Woche in York stattgefunden hat. 170 Wissenschaftler diskutierten neue Wege in der Beckettforschung. Im Zentrum stand der sogenannte "graue Kanon"; Archivmaterial wie Briefe und handschriftliche Manuskripte Becketts, die nun zum Teil publiziert und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

    In den Briefen Becketts werden auch die Schwierigkeiten deutlich, die der junge Ire am Anfang seiner Karriere hatte. Dazu Becketts langjähriger Verleger John Calder :

    "Er war 47 Jahre alt, bevor er seinen ersten Erfolg gehabt hat, und das war das Theaterstück "Warten for Godot" und das war ein großer Erfolg in Paris und nachher auf der ganzen Welt. Aber sein erster Roman, er hat zwei Romane vor dem Krieg geschrieben, sie haben nicht 100 Exemplare verkauft, kein Erfolg. Und seine Eltern waren sicher, dass er kein Talent hätte."

    Die sehr enge Beziehung zwischen Beckett und seinen Verlegern Calder, Lindon und Unseld bezeugen zahlreiche Briefe, die nun in der Forschung aufgearbeitet wurden.

    Zum sogenannten "Gray Canon" zählen rund 16.000 Briefe sowie zahlreiche Manuskripte und handschriftliche Notizen Becketts. Zu diesem Material bietet nun das Beckett Digital Archive, das auf der Konferenz erstmals vorgestellt wurde, einen sehr viel besseren Zugang. Dazu Professorin Lois Overbeck:

    "Die Archive selbst eröffnen neue Möglichkeiten für die Forscher. Und es ist toll, dass diese Texte nun digitalisiert werden, dadurch werden sie endlich zugänglich, denn das Problem ist, dass diese Archive überall verteilt sind. Diese Distanzen nun überbrücken zu können ist eine große Hilfe."

    Vor allem die Bezüge von Literatur und Philosophie zu Becketts Denken können durch die Archivarbeit präziser nachvollzogen werden. Von einzelnen Texten erstellte Beckett bis zu 16 Versionen. Gerade darin sieht Dirk van Hulle, Codirektor des digitalen Archivs, eine Möglichkeit, Becketts Bezüge zu anderen Dichtern wie etwa Shakespeare oder Dante zu verstehen.

    "Ich habe Becketts Werk immer als ein Werk im Prozess verstanden. Er hat seine Manuskripte aufbewahrt und sie dann an öffentliche Archive gegeben. Er wusste also sehr gut, dass man damit arbeiten würde, auf eine Weise hat er uns dazu eingeladen. Das glaube ich auch deshalb, weil sein letztes Stück mitten im Satz abbricht, unabgeschlossen.

    Die Manuskripte sind eine wundervolle Möglichkeit, sich Beckett zu nähern, und ich hoffe, das digitale Archiv wird neue Betrachtungsweisen eröffnen."
    Nicht nur die räumliche Verteilung des Materials, auch der Umgang damit soll, so Professor Shane Weller, erheblich erleichtert werden.

    "Eines der Probleme mit diesem Material für die Beckett Forscher ist, dass das meiste handgeschrieben und sehr schwer zu entziffern ist. Mit dem digitalen Archiv unter der Leitung von Mark Nixon und Dirk von Hulle wird es für die Forscher sehr viel leichter, diese Texte zu lesen, und alle Fassungen werden zugleich an einem Ort zugänglich sein."

    Das digitale Archiv soll in den nächsten Jahren unterschiedliche Versionen von Becketts Texten vollständig zugänglich machen. Dies scheint vor allem vor dem Hintergrund der großen Resonanz, die Samuel Becketts Werk in der gegenwärtigen Literatur, Kunst und Musik erfährt, wichtig zu sein. Die Romane und Bühnenstücke Becketts geben auch zwanzig Jahre nach dem Tod des Autors neue Impulse in Videokunst, Malerei und Literatur. Auf der Konferenz in York zeigten verschiedene Theaterstücke, Musik und eine Lesung von Nobelpreisträger J. M. Coetzee die lebendige Resonanz, die Becketts Texte heute erfahren. Die Arbeit in den Archiven wird sicherlich neue Fragen aufwerfen und vertiefende Interpretationen ermöglichen.