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StartseiteMusikjournal„Diese Selbstverständlichkeit ist passé!“15.02.2021

Neustart des Musiklebens„Diese Selbstverständlichkeit ist passé!“

Die Corona-Fallzahlen gehen runter. Ganz vorsichtig blicken Musikfans in Richtung Ostern. Vielleicht geht dann wieder etwas im Land mit der höchsten Dichte an Orchestern und Opernhäusern weltweit. Wie so ein Neustart des Musiklebens aussehen könnte, erläutert die Intendantin der Dresdner Philharmonie.

Frauke Roth im Gespräch mit Marie König

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Frauke Roth von der Dresdner Philharmonie hält im Rahmen Verleihung des Kunstpreises und der Förderpreise der Landeshauptstdt Dresden die Laudatio im Festspielhaus Hellerau (www.imago-images.de)
Frauke Roth ist seit Januar 2015 Intendantin der Dresdner Philharmonie (www.imago-images.de)
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Marie König: Wie lange würde es dauern, das erste Konzert mit Publikum auf die Beine zu stellen und was würde auf dem Programm stehen?

Frauke Roth: Also ich würde so schnell wie möglich die Türen öffnen, und zur Zeit telefonieren wir, ich persönlich, aber auch MusikerInnen und Mitarbeiter mit unseren Abonnenten. Und die sehnlichste, dringlichste Frage ist immer die: Wann dürfen wir wieder kommen? Wir vertrauen euren Sicherheitsmaßnahmen und Hygiene-Konzepten. Insoweit denke ich, es geht ganz schnell. Und ganz sicher würde ich ein Programm aussuchen, bei dem sich ein gemeinschaftliches analoges Hörerlebnis ganz schnell wieder einstellt. Und dafür bietet sich doch ein richtig schönes, saftiges, klassisches Programm gut an.

König: Aber sicherlich nicht mit einem riesigen Orchester, sondern eher Kammermusik oder ist diese Vermutung falsch?

Roth: Also wir haben ja tatsächlich im Dresdner Kulturpalast im Konzertsaal die Bühne baulich erweitert, so dass die weit über die normalen Maße unterdessen hinausgeht. Und die MusikerInnen haben sich daran gewöhnt, auf Abstand zu spielen. Das ist unglaublich. Vor einem Jahr hätte das keiner für möglich gehalten und insoweit schaffen wir zwischen 60 - 70 MusikerInnen auf der Bühne mit den Abständen tatsächlich zu setzen. Und da ist doch eine ganze Menge, was weit auch über Kammermusik hinausgeht auf der Bühne möglich.

"Wir verkaufen gerade gar nichts"

König: Sie haben gerade schon von Ihren AbonnentInnen gesprochen. Die machen ja an den meisten Häusern einen sehr großen Publikumsanteil aus. Verkaufen Sie ganz normal Abos für die nächste Saison oder sind Ihnen auch Abonnentinnen und Abonnenten abgesprungen jetzt wegen der Lage?

Roth: Tatsächlich verkaufen wir im Moment gar nichts, weil die Situation ja so unsicher ist, dass man nach dem zweiten und dritten Mal von Rückerstattung, Absagen und so weiter davon wirklich gegenseitig, die Menschen, die uns vertrauen und wir persönlich auch, die das immer vollziehen müssen, die Nase voll hatten. Und insoweit warten wir jetzt, bis wir glauben, dass wir wieder verlässlich sein können mit Öffnungsstrategien und Szenarien. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir wieder einen ganz vollen Saal haben oder einen, der so voll ist wie die Platzkapazität, die wir vorhalten dürfen.

König: Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr hat sich ja aber gezeigt, dass das Publikum eher zögerlich war und eben gerade nicht die Menschenmassen kamen. Was ist denn jetzt aus Ihrer Sicht anders?

Roth: Das ist völlig korrekt und insoweit sind wir jetzt hier an dem Punkt, für den ich seit geraumer Zeit plädiere: Wir müssen ausdifferenziert über die Situation sprechen und immer Kontext bezogen. Dresden ist anders als New York und ganz sicherlich auch als Wien oder München. Aber tatsächlich ist es so, dass selbst im letzten Jahr, ich habe vor zwei Wochen ungefähr die Ergebnisse bekommen, alle Karten, die wir anbieten konnten, zu 93 Prozent ausgelastet waren. Das heißt, hier in Dresden ist es tatsächlich so, dass wir einen hochmodernen Saal haben mit einer wunderbaren Klimaanlage, mit einem sehr gut durchgeplanten Hygiene-Konzept. Und die Menschen haben sich darauf verlassen und sind gekommen. Wir sprechen nicht von großen Produktionen, von Fremdanmietern wie Howard Carpendale, Roland Kaiser und so weiter, sondern von den Orchesterkonzerten.

Planung "auf Sicht"

König: Wie viele Leute haben denn jetzt nach dem Hygiene-Konzept Platz im Saal?

Roth: Die Hygiene-Konzepte sind ja in Stufen immer aufgesetzt. Wenn wir 1,5 Meter von Besucher zu Besucher Abstand halten, dann sind es doch deutlich unter 1000. Wenn wir ein Schachbrett-System, davon war viel die Rede, zur Anwendung bringen dürfen, dann sind wir schon bei knapp 900 Menschen, und dann sieht so ein Saal auch schon wieder fast gefüllt aus und hat eine Aura des wirklich gemeinschaftlichen Hörens und "Musiker begegnen dem Publikum-Gefühl".

König: Wie planen Sie denn mit Ihrem Programm in die Zukunft? Sie haben jetzt gerade schon angedeutet, fremde Produktionen sind da nochmal eine ganz andere Sache. Wie sieht Ihre Planung für die nächste Saison aus?

Roth: Also "auf Sicht" ist ja sicherlich ein neues Wort in unserer Szene geworden, sicherlich auch viel gehasst von uns allen. Aber natürlich, die langen Planungs-Radien gibt es zurzeit nicht und das führt dazu, dass wir immer sehr flexibel und kurzfristig anpassen, mit den Künstlern im Gespräch sind. Das ist sicherlich für uns alle auch ein bisschen lästig, ist aber notwendig und es ist eine ganz hohe Kreativität gefordert. Und ich denke, dass wir in letzter Zeit durchaus das ein oder andere auch in die nächste Zeit herüberretten werden. Das sind sicherlich intimere Formate. Konzerte mit weniger Künstlern auf der Bühne, auch Kammermusik. Das sind sicherlich Formate, die kürzer sind ohne eine größere Pause, damit einfach bestimmte Situationen, wo Kontakte sich doch anders ergeben als sitzend in einem gut belüfteten Konzertsaal eben vermieden werden können. Und möglicherweise wird auch eine ganze Menge von dem, was früher gut besucht war, Konzerteinführung, aber in kleineren Räumen, eben doch über einen Podcast, den wir jetzt entwickelt und professionalisiert haben, wahrgenommen, so dass eben auch der Konzertbesuch einzelne Teile davon sozusagen rüber rettet und andere neue dazu bekommt, die, wie wir jetzt feststellen dürfen, eben auch sehr gut angenommen werden.

Kein unbeschwerter sozialer Umgang

König: Was hat sich in der Krise im Musikleben geändert, was nicht mehr rückgängig zu machen ist?

Roth: Also wir hatten eine Sicherheit, dass Konzerte stattfinden, dass Reisen gemacht werden können, dass Tourneen stattfanden und zwar sowohl von uns, den Dresdner Philharmonikern in die Welt als auch von Gästen zu uns. Und all das ist wirklich richtig erschüttert, zerrüttet, könnte man sagen. Auf dieser sicheren Basis kann man jetzt im Moment und zwar bis auf weiteres nicht mehr agieren. Und ich denke, das wird schon dieses Zusammenwirken von internationalen Künstlern mit uns hier vor Ort, mit internationalen Promotern, mit Agenturen auf eine ganz neue Weise zusammenführen müssen. Diese Selbstverständlichkeit, die man damit hatte, die ist, denke ich, passé. Dazu kommt, dass natürlich auch die ganze Nachhaltigkeits-Thematik im Vorfeld schon am Start war. Insoweit wird Reisen natürlich auch von den Orchestermusikern ganz anders heute angesehen als noch vor wenigen Jahren. Dazu kommt sicherlich auch, dass man Buchungen, Vorgänge, die ganz stabil waren, über Jahre, über Jahrzehnte, zum Teil hier in Dresden, wie eben große Abonnements, dass man die möglicherweise in Quartale teilt, damit man eben, wenn das eine nicht sein kann, das andere doch fortsetzen kann. Ich bin auch ganz sicher, dass ein so weitgehend unbeschwerter sozialer Umgang in relativ großen Kohorten in einem ausverkauften Saal in einer hohen Frequenz von Veranstaltungen so in naher Zukunft nicht stattfinden wird. Insoweit kann man schon sagen: Die Grundfesten dessen, was wir so bis März letzten Jahres getan haben, und das, worauf wir uns einstellen müssen, ist verdammt verschieden.

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