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Neuton für Pfeifen

In Köln findet zurzeit das sechste Internationale Festival für zeitgenössische Orgelmusik statt – und die hat mit Bach und Telemann, außer dem Instrument, nicht mehr viel gemeinsam. Jedenfalls nicht in Köln, wo seit 2004 eine eigens für zeitgenössische Kompositionen gebaute Orgel im Mittelpunkt des Festivals steht.

Von Ingo Dorfmüller | 12.10.2010

    Weltweit einzigartig ist die Orgel der Kölner Kirche St. Peter: eine "Orgel für Neue Musik", mit einer Vielzahl von Schlagzeugregistern, mit neuartigen Klangfarben, Kombinationsmöglichkeiten und Spielhilfen. So hatte sie Peter Bares konzipiert: Der Komponist, Organist und begnadete Improvisator war 15 Jahre lang, bis 2007, Organist der Kirche. Sein Nachfolger, Dominik Susteck, fasst das Zeitgenössische in der Musik womöglich noch zugespitzter: Peter Bares war der Rückbezug zu Elementen der Tradition, zum gregorianischen Choral, auch zum Kirchenlied wichtig; Fragmente davon ließen sich noch in seinen kühnsten Improvisationen finden. Dominik Susteck hat diese Bindung weitgehend aufgegeben:

    "Man kann natürlich bei der Improvisation noch mal sich sehr viel freier bewegen, als bei der kalkulierten Komposition, noch einmal rauskommen aus den ganzen Dingen, die in einem stecken, und irgendwo einen Weg finden, etwas Ungewisses, etwas, das noch nicht da war - das weiterzuentwickeln, da ist noch eine Chance."

    Das gelang Dominik Susteck auch in den vier Improvisationen des Eröffnungskonzertes in exemplarischer Weise. Wobei er sich zugleich durch bestimmte, in den Titeln formulierte Strukturvorgaben klare Grenzen setzte: Wachsungen - Dehnungen - Punkte - Quadrate. Wer wollte, konnte in diesen Strukturen die vagen Umrisse einer viersätzigen Symphonie erblicken: Doch nicht als Vehikel traditioneller Orgelvirtuosität, sondern als Ausweis eines intuitiven Formsinnes. Die "Punkte", beispielsweise, wären in dieser Perspektive dann, in aller Vorsicht, als eine Art "Scherzo" anzusprechen.

    Seit dem vergangenen Jahr gibt es in St. Peter ein "Composer-in-residence"-Programm. Es soll jungen Komponisten ermöglichen, sich mit den Besonderheiten des Instrumentes vertraut zu machen. Auf diese Weise entsteht ein neuartiges Orgelrepertoire, von dem wiederum Impulse für einen zeitgemäßen Orgelbau ausgehen können. Auch Luis Antunes Pena stößt mit seinem am Sonntag uraufgeführten Stück in neue Klangregionen vor: Wenn etwa am Beginn die Mechanik der Orgel ein musikalisches Eigenleben entfaltet.

    "Die Orgel hat sehr viele Möglichkeiten, es sind unendlich viele Kombinationen möglich, und das hat mich fasziniert. Ich habe das Stück zuerst einmal mit einer sehr einfachen Registrierung geschrieben, und dann kam ich hierher nach St. Peter und habe lange mit Dominik gearbeitet, und dann das Stück fast - man kann nicht sagen: neu komponiert, aber schon entscheidend bestimmt durch Registrierung."

    Der Titel des Werks, "Eyafjallajökull", führt den Hörer zunächst einmal auf Abwege. Denn es geht hier nicht etwa um eine Darstellung des isländischen Vulkans: Es waren die Lautwerte, der Klang des für Mitteleuropäer so schwer auszusprechenden Namens, der Luis Antunes Pena faszinierte, und der auf dem Wege klangsynthetischer Verfahren auch zur Grundlage seiner komplexen, rhythmisch vertrackten Komposition wurde.