"Gerhard Schröder hat sich mit seiner Entscheidung, nach der deutlichen Niederlage seiner Partei in Nordrhein-Westfalen, Neuwahlen für ganz Deutschland herbeizuführen, als ein getreuer Nachfolger Machiavellis entpuppt", schreibt Heinz Bude in der Süddeutschen Zeitung. "Im Zweifelsfall, so dessen Lehre", fährt der Kasseler Soziologe fort, "kann man sich nicht auf den Gang der Dinge verlassen, sondern muss eine Verzweigung legen, die das Ganze zur Entscheidung bringt. Der machiavellistische Moment bezeichnet den Spielraum des Möglichen in einer von Fantasmen des Niedergangs und der Zwangsläufigkeit geprägten Zeit. Das Land hat plötzlich die Wahl und allein schon dadurch wird Energie entbunden und Bewegung ermöglicht".
Harry Nutt kommt in der Frankfurter Rundschau zu diesem Schluss: "Die Metapher von Schröder als Spieler begreift ihn in einer politischen Niederlage, in der er zwangsläufig spielen muss. Aber der Politiker Schröder ist kein Spieler. Er ist vielmehr, um es mit dem französischen Philosophen Blaise Pascal zu sagen, ein "Mensch in der Entscheidung". In einer Zeit nicht zuletzt auch geistiger Orientierungslosigkeit dürfte der bevorstehende Wahlkampf ein Befreiungsschlag sein, der Orientierung schafft".
Frank Schirrmacher treibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Deutung der momentanen Lage in Deutschland noch weiter. Bei ihm heißt es zunächst: "dass Gerhard Schröder sich zur Disposition stellt, wird eines Tages jenseits aller zweiten Absichten als einer seiner wichtigsten Beiträge zur politischen Kultur des Landes gezählt werden. Er ermöglicht den Deutschen, jetzt, unter den Ausnahmebedingungen und dem Zeitdruck vorgezogener Neuwahlen, endlich zu einer Selbstverständigung zu gelangen…Doch wer in den kommenden Monaten auf den medialen Zirkus der Politik spekulieret, auf eine Art Weltmeisterschaft der Talkshows, wer glaubt, sich von den politischen Avataren wie im Computerspiel unterhalten lassen zu können, ohne dabei selber in Spiel zu kommen, verkennt die Lage".
Schirmmacher weiter: "Was sich (am letzten Sonntag) ereignet hat, ist das Ende der Stimmungsdemokratie…Sie ist ein Therapie für ein Land, dass nicht mehr weiß, was es denkt, was es fühlt und was wirklich ist…Die Versuche einer Revitalisierung der alten Ideologien…sind gescheitert. Zum ersten Mal müssen Wähler gewonnen werden, ohne dass man sie dafür gleich belohnen wird. Die Wahlen im Herbst 2005 finden bereits im demographischen Ausnahmezustand statt". Was Schirrmacher darunter versteht, beschreibt er anschließend: "Für die Mehrheit der Menschen, die heute zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt sind, ist es nach allem Ermessen die letzte Wahl, in der sie von Reformen profitieren können. Was jetzt nicht geschieht, kommt für sie lebensgeschichtlich zu spät. Schon die heute fünfundvierzigjährigen können die verlorene Zeit kaum mehr zurückholen. Was man in den neunziger Jahren von der Generation der Schröders und Fischers sagte, gilt nun für den Wähler selbst: es ist für die Generation der Babyboomer die letzte Chance, den Lauf der Dinge nachhaltig zu verändern".
Der Schriftsteller Frank Goosen spendet dem Verlierer Trost. Er blickt in der Welt zurück auf die Jahrzehnte, in den die SPD die Politik des Landes Nordrhein-Westfalen prägte und meint in einem Interview, das Iris Alanyali mit ihm führte: "Wenn man sich überlegt, dass in den Fünfzigern noch fast 500 000 Menschen im Bergbau beschäftigt waren, und heute nur noch etwa vierzigtausend! Dass diese Gegend – bei allen massiven Problemen – nicht total verslumt ist und der viel beschworene "Strukturwandel" ohne Blutvergießen abgegangen ist, ist schon heute auch eine politische Leistung, die sich die Sozialdemokratie ans Revers heften kann".
Mit dem mutmaßlichen Kurs in der Kulturpolitik, den die zu erwartende Koalition aus CDU und FDP in Nordrhein-Westfalen einschlagen wird, befasst sich Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er stellt zunächst fest, dass das Thema im Wahlkampf weitgehend ausgespart blieb und führt fort: "Mehr als in anderen Bundesländern ist Kultur in Nordrhein-Westfalen, und das hat historische Gründe, Angelegenheit der Städte, die im Ballungsraum zwischen Bonn und Dortmund dicht nebeneinander liegen. Die desolate Etatsituation der meisten von ihnen lässt schon seit Jahren kaum mehr als die Sicherung des Bestandes und die Verwaltung des Mangels zu. Die finanzielle Krise bietet hier auch die Chance, Dopplungen ab- und Differenzen auszubauen: Nur in der Verschränkung von Konkurrenz und Kooperation können die Städte erreichen, dass sie sich einerseits künftig unterscheiden und andererseits gemeinsam überregional wahrgenommen werden".
Mit dem Ergebnis des Filmfestivals von Cannes befasst sich Hanns-Georg Rodek in der Welt. Ihm ist aufgefallen, dass sich bemerkenswert viele ältere Männer Gedanken über die nachfolgende Generation machen. Rodek zählt dazu einige Beispiele auf: "In Michael Hanekes "Caché" holt eine Kindheitsintrige die nun Erwachsenen ein (und möglicherweise auch deren Söhne). In Tommy Lee Jones’ "The Three Burials of Melquiades Estrada" rächt die alternde Hauptfigur den Sohn, den er nie hatte. In Marco Tullio Giordanas "Quando sei nato non puoi piu`nasconderti" verliert ein Vater seinen Sohn beim Segeln (oder glaubt es zumindest, weil der von einem Flüchtlingsboot aufgefischt wird), und in Wang Xiaoshuais "Shanghai Dreams" will ein Teenanger der erstickenden Fürsorge ihres Vaters entkommen".
Rodek schlussfolgert daraus: "Meist haben diese Kinder keinen Platz in den Lebensplänen ihrer Eltern, die sich fressen lassen vom modernen, fordernden Leben. Bei Allen würde die Geburt die Karriere des Protagonisten zerstören, bei Haneke wird der Stiefbruder weg gebissen, bei Jarmusch war der 68er-Vater mehr an Flower-Girl-Power interessiert als an Verantwortung, bei Wenders verschleißt ein Star Groupies und im Siegerfilm ist das Frischgeborene kein Mensch, sondern ein Produkt, das verscherbelt wird, bevor es zu Last fällt".
Rodek weiter: "Es ist die nächste Generation, in welche die Regisseure ihre Hoffnung legen…Wir dürften noch viele Filme darüber zu sehen bekommen, wie viel Schaden diese Rechenschieber-Generation anzurichten auf dem Wege ist. Chapeau deswegen vor der Cannes-Jury für ihre Voraussicht".
Das war das Feuilleton der Woche, zusammengestellt von Jochen Thies
Harry Nutt kommt in der Frankfurter Rundschau zu diesem Schluss: "Die Metapher von Schröder als Spieler begreift ihn in einer politischen Niederlage, in der er zwangsläufig spielen muss. Aber der Politiker Schröder ist kein Spieler. Er ist vielmehr, um es mit dem französischen Philosophen Blaise Pascal zu sagen, ein "Mensch in der Entscheidung". In einer Zeit nicht zuletzt auch geistiger Orientierungslosigkeit dürfte der bevorstehende Wahlkampf ein Befreiungsschlag sein, der Orientierung schafft".
Frank Schirrmacher treibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Deutung der momentanen Lage in Deutschland noch weiter. Bei ihm heißt es zunächst: "dass Gerhard Schröder sich zur Disposition stellt, wird eines Tages jenseits aller zweiten Absichten als einer seiner wichtigsten Beiträge zur politischen Kultur des Landes gezählt werden. Er ermöglicht den Deutschen, jetzt, unter den Ausnahmebedingungen und dem Zeitdruck vorgezogener Neuwahlen, endlich zu einer Selbstverständigung zu gelangen…Doch wer in den kommenden Monaten auf den medialen Zirkus der Politik spekulieret, auf eine Art Weltmeisterschaft der Talkshows, wer glaubt, sich von den politischen Avataren wie im Computerspiel unterhalten lassen zu können, ohne dabei selber in Spiel zu kommen, verkennt die Lage".
Schirmmacher weiter: "Was sich (am letzten Sonntag) ereignet hat, ist das Ende der Stimmungsdemokratie…Sie ist ein Therapie für ein Land, dass nicht mehr weiß, was es denkt, was es fühlt und was wirklich ist…Die Versuche einer Revitalisierung der alten Ideologien…sind gescheitert. Zum ersten Mal müssen Wähler gewonnen werden, ohne dass man sie dafür gleich belohnen wird. Die Wahlen im Herbst 2005 finden bereits im demographischen Ausnahmezustand statt". Was Schirrmacher darunter versteht, beschreibt er anschließend: "Für die Mehrheit der Menschen, die heute zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt sind, ist es nach allem Ermessen die letzte Wahl, in der sie von Reformen profitieren können. Was jetzt nicht geschieht, kommt für sie lebensgeschichtlich zu spät. Schon die heute fünfundvierzigjährigen können die verlorene Zeit kaum mehr zurückholen. Was man in den neunziger Jahren von der Generation der Schröders und Fischers sagte, gilt nun für den Wähler selbst: es ist für die Generation der Babyboomer die letzte Chance, den Lauf der Dinge nachhaltig zu verändern".
Der Schriftsteller Frank Goosen spendet dem Verlierer Trost. Er blickt in der Welt zurück auf die Jahrzehnte, in den die SPD die Politik des Landes Nordrhein-Westfalen prägte und meint in einem Interview, das Iris Alanyali mit ihm führte: "Wenn man sich überlegt, dass in den Fünfzigern noch fast 500 000 Menschen im Bergbau beschäftigt waren, und heute nur noch etwa vierzigtausend! Dass diese Gegend – bei allen massiven Problemen – nicht total verslumt ist und der viel beschworene "Strukturwandel" ohne Blutvergießen abgegangen ist, ist schon heute auch eine politische Leistung, die sich die Sozialdemokratie ans Revers heften kann".
Mit dem mutmaßlichen Kurs in der Kulturpolitik, den die zu erwartende Koalition aus CDU und FDP in Nordrhein-Westfalen einschlagen wird, befasst sich Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er stellt zunächst fest, dass das Thema im Wahlkampf weitgehend ausgespart blieb und führt fort: "Mehr als in anderen Bundesländern ist Kultur in Nordrhein-Westfalen, und das hat historische Gründe, Angelegenheit der Städte, die im Ballungsraum zwischen Bonn und Dortmund dicht nebeneinander liegen. Die desolate Etatsituation der meisten von ihnen lässt schon seit Jahren kaum mehr als die Sicherung des Bestandes und die Verwaltung des Mangels zu. Die finanzielle Krise bietet hier auch die Chance, Dopplungen ab- und Differenzen auszubauen: Nur in der Verschränkung von Konkurrenz und Kooperation können die Städte erreichen, dass sie sich einerseits künftig unterscheiden und andererseits gemeinsam überregional wahrgenommen werden".
Mit dem Ergebnis des Filmfestivals von Cannes befasst sich Hanns-Georg Rodek in der Welt. Ihm ist aufgefallen, dass sich bemerkenswert viele ältere Männer Gedanken über die nachfolgende Generation machen. Rodek zählt dazu einige Beispiele auf: "In Michael Hanekes "Caché" holt eine Kindheitsintrige die nun Erwachsenen ein (und möglicherweise auch deren Söhne). In Tommy Lee Jones’ "The Three Burials of Melquiades Estrada" rächt die alternde Hauptfigur den Sohn, den er nie hatte. In Marco Tullio Giordanas "Quando sei nato non puoi piu`nasconderti" verliert ein Vater seinen Sohn beim Segeln (oder glaubt es zumindest, weil der von einem Flüchtlingsboot aufgefischt wird), und in Wang Xiaoshuais "Shanghai Dreams" will ein Teenanger der erstickenden Fürsorge ihres Vaters entkommen".
Rodek schlussfolgert daraus: "Meist haben diese Kinder keinen Platz in den Lebensplänen ihrer Eltern, die sich fressen lassen vom modernen, fordernden Leben. Bei Allen würde die Geburt die Karriere des Protagonisten zerstören, bei Haneke wird der Stiefbruder weg gebissen, bei Jarmusch war der 68er-Vater mehr an Flower-Girl-Power interessiert als an Verantwortung, bei Wenders verschleißt ein Star Groupies und im Siegerfilm ist das Frischgeborene kein Mensch, sondern ein Produkt, das verscherbelt wird, bevor es zu Last fällt".
Rodek weiter: "Es ist die nächste Generation, in welche die Regisseure ihre Hoffnung legen…Wir dürften noch viele Filme darüber zu sehen bekommen, wie viel Schaden diese Rechenschieber-Generation anzurichten auf dem Wege ist. Chapeau deswegen vor der Cannes-Jury für ihre Voraussicht".
Das war das Feuilleton der Woche, zusammengestellt von Jochen Thies