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Nicht auf den Mund geschaut

Psychologie. - Gesichtsausdrücke sind entscheidend, um der Umgebung Gefühle mitzuteilen. Doch blicken Menschen offenbar je nach Kulturkreis auf unterschiedliche Bereiche des Gesichts und missverstehen dann oft die Botschaft. In "Current Biology" berichtet eine britische Forscherin jetzt über entsprechende Testergebnisse.

Von Kristin Raabe | 14.08.2009
    Freude, Überraschung, Wut, Angst, Ekel oder Traurigkeit gelten als die grundlegenden menschlichen Gefühle. Es wird sich nirgendwo auf der Welt ein gesunder Mensch finden, der diese Gefühle nicht schon einmal erlebt hat. Wie sich diese sechs Gefühle in einem Gesicht zeigen, haben Forscher mittlerweile sogar in standardisierten Abbildungen erfasst. Solche mal freudigen, mal angeekelten oder auch verängstigten Standardgesichtsausdrücke hat die Psychologin Rachael Jack an der Universität Glasgow ihren Versuchspersonen vorgelegt. Die eine Hälfte der Studienteilnehmer stammte aus Asien, aus China und Japan, die anderen waren in westlichen Ländern groß geworden. Für das Erkennen der in den Gesichtsausdrücken dargestellten Emotionen hätte die Herkunft der jeweiligen Testperson eigentlich keine Rolle spielen dürfen. Rachael Jack:

    "Die allgemeine Auffassung war eigentlich immer, dass Menschen überall auf der Welt diese grundlegenden Gefühle auf dieselbe Weise ausdrücken und deswegen sollten die entsprechenden Gesichtsausdrücke auch von allen Menschen richtig erkannt werden. Das liegt daran, dass Wissenschaftler heute davon ausgehen, dass Gesichtsausdrücke und Emotionen einen biologischen Ursprung haben, der sich im Laufe der Evolution herausgebildet hat. Aber natürlich beeinflusst unsere jeweilige Kultur, in welchem Kontext wir bereit sind, unsere Gefühle zu zeigen, oder auch welchem Menschen gegenüber. Da spielen soziale Normen und Regeln eine große Rolle. Die Art und Weise wie Emotionen sich im Gesicht zeigen, sollte aber überall gleich sein. Man müsste sie also mit hoher Sicherheit erkennen können, egal wohin man geht."

    Tatsächlich aber machten die asiatischen Versuchspersonen auffallend viele Fehler. Es schien ihnen schwer zu fallen, die Gefühle Angst und Ekel in den Gesichtsausdrücken zu erkennen. Während des Experiments hatte die Psychologin auch die Augenbewegung der Testpersonen aufgezeichnet. Sie konnte dadurch exakt bestimmen, welchen Teil der dargebotenen Gesichter die Studienteilnehmer angeschaut hatten. Asiaten hatten vor allem die Augenpartie im Blick. Menschen aus westlichen Kulturen schauten dagegen auch auf den Mund und beachteten eigentlich alle Teile des Gesichtsausdrucks. Jack:


    "Als wir uns die Fehler unserer asiatischen Versuchspersonen genauer anschauten, fiel uns auf, dass sie Angst immer mit Überraschung verwechselten. Die Aufnahme ihrer Blickbewegung zeigte, dass sie dabei immer auf die Augen geschaut hatten. In diesen standardisierten Gesichtsausdrücken sind die Informationen, die die Augenpartie liefert bei den Gefühlen Angst und Überraschung aber fast gleich. Wenn ich Ihnen die Gesichtsausdrücke für Angst und Überraschung zeigen würde und dabei die Mundpartie abgedeckt wäre, könnten Sie kaum einen Unterschied feststellen. Menschen aus westlichen Kulturen können sie nur deswegen unterscheiden, weil sie auf den Mund blicken. Die Mundpartie ist das wichtigste Kriterium, um diese beiden Gefühle in einem Gesicht zu unterscheiden."

    Bei "Ekel" verhielt es sich ganz ähnlich. Asiaten verwechselten dieses Gefühl häufig mit "Wut". Betrachtet man bei diesen beiden Gesichtsausdrücken nur die Augenpartie sind sie ebenfalls kaum zu unterscheiden. Warum Asiaten der Mundpartie sowenig Beachtung schenken, konnte Rachael Jack allerdings noch nicht klären.

    "Es ist jetzt wirklich wichtig für uns, zu verstehen wie genau sich die Gesichtsausdrücke in östlichen Kulturen von denen in westlichen unterscheiden. Wir müssen dann nach objektiven Maßstäben bestimmen ob bei Asiaten die Augenpartie tatsächlich zuverlässige Informationen über den Gefühlszustand liefert und ob der Mund nur minimal benutzt wird. Allerdings gibt es dazu schon einen völlig unwissenschaftlichen – anekdotischen Hinweis. Emoticons, die Gefühle im Cyberspace, beispielsweise in Emails ausdrücken, sehen in Asien anders aus als bei uns. Bei uns dominiert der Mund. Eine nach oben gerichtete Klammer soll ein glückliches Gesicht ausdrücken. Eine nach unten gerichtete Klammer Traurigkeit. In asiatischen Emoticons werden die Augen zum Ausdruck der Gefühle benutzt und der Mund auf ein Minimum reduziert."

    Beispielsweise symbolisieren zwei Semikolons nebeneinander in asiatischen Kulturen ein trauriges Gesicht: ;; Die Striche der Semikolons sehen dann aus wie Tränen.