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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenNicht nur Anpassung an die Mehrheit27.05.2010

Nicht nur Anpassung an die Mehrheit

Auf der Suche nach integrationsfördernden Kompetenzen

Es kann Migrantenkindern am Selbstbewusstsein nagen, immer zwischen zwei Welten leben zu müssen. Einheimische Jugendliche brauchen diese Spannungen nicht aushalten. Sie leben in einer homogeneren Welt - und das gilt für alle Lebensphasen.

Von Barbara Leitner

"Das Ungewöhnliche ist, dass wir positive und negative Verhaltensweise von Kindern und Jugendlichen untersuchen, dass wir die an Knotenpunkten des Aufwachsens untersuchen, bei Übergängen, und dass wir das bei den gleichen Leuten untersuchen. Nur so können sie finden, wie sieht das Muster aus?"

Rainer Silbereisen, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Jena und Leiter des deutsch-israelischen Forschungskonsortiums "Migration und gesellschaftliche Integration".

"Und da stellen wir dann fest: Es gibt Dinge, die haben mit dem sozialen Hintergrund zu tun, andere Dinge mit der Kultur und dritte Dinge, die ändern sich weder noch. Das ist der Tanker. Deswegen ist es so aufwendig, deswegen muss es von verschiedenen Disziplinen gemacht werden."

Über vier Jahre suchten Psychologen, Soziologen, Kriminologen und Sprachwissenschafter von den Universitäten Jena, Chemnitz, Leipzig, Mannheim, Bielefeld, Berlin und Bremen sowie in Israel aus Haifa, Tel Aviv, Jerusalem und Bar Ilan nach positiven, integrationsfördernden Aspekten für junge Aussiedler, Zuwanderer beziehungsweise Migranten. Insgesamt etwa 17.000 Menschen wurden dazu befragt; in Deutschland Türken, Aussiedler und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, in Israel arabischen Israelis und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, jeweils im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung.

"Wir fragen ganz gezielt bestimmte Sachen. Schätzen sie doch mal ihr Deutsch ein. Wie gut können sie Deutsch sprechen, lesen, verstehen, schreiben? Oder dass man fragt nach dem Umfeld, wie sieht das aus? Wie viele Menschen sind da, die sie kennen, sind aus der ehemaligen Sowjetunion und wie viele einheimische Deutsche, um zu gucken, wie sehen die Netzwerke aus. Weil nur dann so etwas Komplexes wie Migration auch zu verstehen ist."

Peter Titzmann vom Institut für Psychologie der Universität Jena. Dieses Team widmete sich vor allem Übergängen und schaute wie der Wechsel in den Kindergarten und später in die Schule sowie in eine erste romantische Freundschaft beziehungsweise dann in eine feste Partnerschaft die Kinder und Jugendliche selbstbewusster und stärker macht. Dabei bestätigten sie bekannte Tatsachen: dass die Kinder türkischer Einwanderer mit etwas über drei Jahren in Deutschland später als andere den Kindergarten besuchen. Sie sind es auch die – obwohl es ein gesetzlich vorgegebenes Einschulungsalter gibt – tendenziell eher später eingeschult werden, Kinder aus jüdischen Einwandererfamilien eher früher als Einheimische. Ein halbes Jahr nach dem Übergang fragten die Wissenschaftler erneut, nach dem gewonnen Wissen, sozialen Kompetenzen und Selbstvertrauen.

Silbereisen: "Und da ist das schlagende Ergebnis wirklich, dass, jawohl, solche Übergänge haben einem Effekt, muss es ja auch haben, die Kinder werden sozial eleganter, könne sich besser durchsetzen und das gilt für alle Kinder. Aber, was wir gehofft hatten, dass die Unterschiede, die bestehen, geringer würden und das ist nicht der Fall, weder in Israel noch in Deutschland."

In Israel beispielsweise besuchen arabische und israelische Kinder ethnisch getrennte Kindergärten – was in Deutschland nicht der Fall ist. Und dennoch fanden die Wissenschaftler in beiden Ländern, dass Kindergarten und Schule - bei aller Entwicklung - die Unterschiede in der sozialen und kognitiven Entwicklung nicht verringerten. Diese Erwartung allerdings wird an die Institutionen herangetragen.

Gerade das ist der Vorteil dieses bisher größten Forschungsprojektes zur Situation von Diaspora-Migranten und der komplexen Zusammenschau von Bedingungen für Integration. Durch den Vergleich zweier sehr verschiedener Einwanderergesellschaften wird der Blick frei für Entwicklungsperspektiven in dem Prozess der Aufnahme von Menschen mit unterschiedlicher Kultur.
Bei den Befragungen sagten sowohl Migranten als auch Einheimische, dass sie hohe berufliche Ziele anstreben – Jugendliche in Israel höhere als die in Deutschland. Die Chancen allerdings, sie zu erreichen, sind verschieden. Die Ursachen dafür sind nicht auf die Migration, sondern auf die soziale Situation und die mangelnden Bildungsressourcen in den Familien zurückzuführen. Die Wissenschaftler verglichen in Deutschland und Israel in der vierten Klasse das Leistungsvermögen von Zuwanderkindern aus der ehemaligen Sowjetunion mit dem von Einheimischen einer vergleichbaren sozialen Schicht. Da gab es keine Unterschiede.

Silbereisen: "Wenn man dann aber hergeht und das Gleiche untersucht zum Beispiel aus soziale Kompetenzen, auf Freundschaften, auf Nichtschulisches, aber soziale Fertigkeiten, dann finden sie, dass da auch soziale Unterschiede sind zwischen den Gruppen, aber das eine erklärt nicht das andere. Das heißt, die kulturellen Unterschiede im Sozialverhalten werden nicht wegerklärt durch die Sozialschicht. Wenn ein türkisches Kind schlechtere Leistungen in der Schule hat, liegt das daran, dass das durchschnittliche türkische Kind weniger gebildete Eltern hat. Aber, wenn das Gleiche passiert im Sozialverhalten, dann ist das keine Funktion der sozialen Schicht sondern von kulturellen Unterschieden."

Diese kulturellen Unterschiede fallen auf, wenn es um die informellen Übergänge von Jugendlichen in Liebesbeziehungen geht. Zwischen 15 und 18 Jahren gingen in Deutschland die meisten Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft bereits erste romantische Freundschaften ein. Zu Geschlechtsverkehr allerdings kommt es bei türkischen Migranten viel seltener. Wenn die als junge Erwachsene mit einem Partner, einer Partnerin zusammenleben, dann in Ehe, im Gegensatz zu den Einheimischen. Dennoch profitieren auch türkische Jugendliche von der ersten Liebe, auch wenn sie anders normiert ist als für Deutsche. Peter Titzmann:

"Was wir gefunden haben in Deutschland, wenn ein Jugendlicher angab, er hat diesen Übergang schon gemacht, dann hatte das positive Effekte. Die Jugendlichen waren eher in der Lage, mit einem Menschen, der als Partner für sie in Frage käme, Kontakt auch aufzunehmen, mit dem zu reden, den zu verstehen, zu lesen, seinen Ausdruck, ist das jetzt echtes Interesse oder nicht und das war unabhängig davon, wie stark der Kontakt war. Auch türkische Jugendliche, die nicht in sexuelle Aktivitäten involviert waren, auch die profitieren von dem Übergang. Das heißt, es kommt in dem Zusammenhang nicht auf sexuelle Handlungen, sondern auf andere Werte an."

Das sind bisher unbeachtete Ressourcen für das Zusammenleben der Kulturen. Andere finden sich, wenn es um Wertehaltungen geht. Dabei ist es typisch für türkische Jugendliche in Deutschland und arabische in Israel, dass sie deutlich zwischen Lebenskontexten variieren. In der Schule beispielsweise zählen Leistung und Selbstdarstellung, zu Hause hingegen gehört es sich nicht, zu widersprechen. Die an der Studie beteiligten Bremer Wissenschaftler fanden heraus, dass es Risiken mit sich bringen, am Selbstbewusstsein nagen, das Wohlbefinden beeinträchtigen kann, immer zwischen zwei Welten leben zu müssen. Einheimische Jugendliche brauchen diese Spannungen nicht aushalten, leben in einer homogeneren Welt. Gerade für Migranten in Deutschland braucht dieser Fakt mehr Aufmerksamkeit.
Jenseits von bestimmten gerade bevorzugten Integrationspolitiken untersuchen die Wissenschaftler auf diese Weise, an welchen Schnittstellen des Lebens welche Kompetenzen für die Integration in die neue Gesellschaft hinzugewonnen und welche Ressourcen genutzt werden können. Prof. Silbereisen:

"In der Vergangenheit hat man sich immer interessiert: Oh wie sieht es mit den Schulleistungen aus und dann hat man gesagt, oh, die Türken sind schlechter. Woran liegt das, oh, die lernen die deutsche Sprache nicht. Erst wenn man genauer hinschaut, merkt man, es ist eine soziale Stratifizierung, die stattfindet, dass Menschen unterschiedlicher soziale Situierung unterschiedliche Leistungen haben und dann muss man das in Rechnung stellen, dann ist da nichts mehr da von einem ethnischen Unterschied und dann hat man geglaubt, so ist es. Und nun kommen wir her und sagen, lass uns nach anderen Merkmalen schauen und Donnerwetter, die Sache ist viel komplizierter als man denkt. Ohne diesen Ländervergleich und ohne den Vergleich mehrerer Gruppen innerhalb jedes Landes, die über die Landesgrenzen einigermaßen vergleichbar sind, würden sie nie erfahren, wie komplex dieses Geschehen namens Akkulturation ist. Für die Hälfte der Bedingungen, die wir untersucht haben, ist es irrelevant, ob jemand aus einem gebildeten Haushalt kommt oder nicht, aus einem reichen oder einem armen. Aus einem Haus mit vielen sozialen Beziehungen oder wenigen. Die Leute sind unterschiedlich und das ist sicher auch gut so."

Die bisher vorliegenden Ergebnisse des deutsch-israelischen Forschungsprojektes fordern in diesem Sinnen zur Korrektur von Vorstellungen auf, was Migration bedeutet und Integration sein kann. Es kann nicht heißen, Anpassung an die Mehrheit. Vielmehr gilt es sich einem Zusammenleben in kultureller und ethnischer Vielfalt zu öffnen und zu prüfen, ob nicht beispielsweise auch die stärkere Betonung von gemeinschaftlichen, familiären Werten von Migranten eine Zukunftsreserve für eine individualistische Gesellschaft sein kann. Die Befunde der Befragungen übrigens findet sich unter www.migration.uni-jena.de in einem neuen interaktiven Wissensportal und fordern zur weiteren Untersuchungen auf.

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