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Nicht nur ein Gesichtsglätter

Medizin. - Seit rund 20 Jahren wird das bakteriell produzierte Nervengift Botulinumtoxin als Medikament eingesetzt: In der öffentliche Wahrnehmung hauptsächlich als "Faltenkiller" für alternde Stars. Doch der Eindruck täuscht. Nur 30 Prozent der Behandlungen sind kosmetischer Natur. Mittlerweile setzen Neurologen das Nervengift für eine Vielzahl verschiedenster Erkrankungen ein. In Hannover begann jetzt der "1. Deutsche Botulinumkongress".

Von Michael Engel | 02.02.2007

    Botulinumtoxin ist eine extrem giftige Substanz: Zwei Teelöffel voll würden ausreichen, um die gesamte Menschheit zu töten. Extrem gering dosiert ist es aber ein Heilmittel. Es blockiert die Nervenkommunikation mit den Muskeln. Durch gezielte Injektion von Botulinumtoxin in das Muskelgewebe lassen sich verschiedenste Krankheiten behandeln, so Professor Reinhard Dengler, Direktor der Neurologischen Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsident des "1. Deutschen Botulinumkongresses":

    "Die klassischen Indikationen sind neurologische Störungen mit unfreiwilligen Überbewegungen. Zum Beispiel Lidkrämpfe. Oder aber der im Volksmund bekannte so genannte spastische Schiefhals. Also alles Zustände, wo unwillkürliche Überaktivität von Muskeln da ist. Überall da kann Botulinumtoxin ganz gezielt diese Muskeln bremsen, so dass die Haltungen, die der Patient einnimmt, nahezu wieder normal sind."

    Da Botulinumtoxin auch Schweiß- und Speicheldrüsen blockiert, wird das Medikament bei krankhafter Überproduktion der Drüsen injiziert. Unter die Achselhöhlen, oder – im Falle übermäßiger Speichelbildung – in den Mundboden, wo die Speicheldrüsen sitzen. Seit fünf Jahren – so Professor Reiner Benecke, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Uni Rostock – wird die Substanz sogar bei Kleinkindern eingesetzt, bei denen es durch Geburtsverzögerung zu einem Sauerstoffmangel im Gehirn gekommen ist. Benecke:

    "Neben möglichen Intelligenzdefekten, die nicht immer dabei sein müssen, kommt es insbesondere zu einer spastischen Lähmung vorwiegend im Bereich der unteren Extremitäten – der Beine – mit entsprechender Gangstörung. Und hier sind wir also in der Lage, durch Injektionen von Botulinumtoxin gezielt in die spastischen Muskeln eine Lockerung der Muskulatur zu induzieren und damit die Gehfähigkeit dieser jungen Patienten zu bessern."

    Entdeckt wurde Botulinumtoxin jetzt auch zur Behandlung von Migräne. Jeder zweite Patient profitiert von den Spritzen, die unter die Kopfhaut injiziert werden. Bei sogenannten "myofaszialen Schmerzen" – örtlich begrenzten Muskelschmerzen, die auch Sehnen, Bänder und Gelenkkapseln erfassen – hilft das Mittel mit großem Erfolg. Die Injektionen müssen allerdings nach drei bis vier Monaten wiederholt werden. Dengler:

    "Es gibt natürlich akute Nebenwirkungen, die im Grund nichts anderes sind, als eine zu starke Hauptwirkung. Dass Muskeln schwächer werden als gewünscht. Beispiel: Behandlung eines Schiefhalses. Die Muskulatur des Halses wird zu schwach, der Kopf kippt ein bisschen nach vorne, der Patient hat für einige Wochen die Schwierigkeit, den Kopf gerade zu halten. Das sind – streng genommen – keine Nebenwirkungen, sondern einfach zu viel an Hauptwirkungen: Unerwünschte Hauptwirkungen."

    Wenige Wochen nach Injektion sind die Nebenwirkungen durch Abbauprozesse in der Regel verschwunden. Negative Langzeitwirkungen – auch infolge Jahre langer Therapie – sind praktisch nicht bekannt. Aber Achtung! Botulinumtoxin und Narkosemittel bilden mitunter einen gefährlichen Cocktail, weil beide Präparate die Muskeln hemmen und sich so gegenseitig verstärken. So können Patienten in der Aufwachphase nach einer Operation Probleme mit der Atmung bekommen. Deshalb der Ratschlag, vor dem Eingriff die Ärzte unbedingt zu informieren.