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StartseiteCampus & Karriere"Nicht um jeden Preis!"02.08.2011

"Nicht um jeden Preis!"

100 deutsche Forscher in den USA fordern Perspektiven in Deutschland

Forscher verlassen Deutschland und arbeiten aufgrund besserer Bedingungen im Ausland. Gemeinsam mit 99 weiteren Wissenschaftlern, die in den USA forschen fordert Eva-Jasmin Freyschmidt für eine Rückkehr nach Deutschland Stellen "mit Aussicht auf eine Festanstellung."

Eva-Jasmin Freyschmidt im Gespräch mit Sandra Pfister

Braindrain heißt es, wenn die besten Hirne ins Ausland gehen. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
Braindrain heißt es, wenn die besten Hirne ins Ausland gehen. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
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Sandra Pfister: Junge Forscher, und seien sie noch so begabt, haben es richtig schwer, hierzulande Stellen an Hochschulen und Forschungsinstituten zu finden – von gut dotierten Stellen mal ganz zu schweigen. Braindrain heißt es, wenn die besten Hirne deshalb ins Ausland gehen, und dieser Braindrain ist keineswegs neu. Neu aber ist, dass junge deutsche Forscher von sich aus sagen: Holt uns zurück, eigentlich würden wir ja ganz gerne in Deutschland arbeiten, ihr müsstet nur an ein paar Stellschrauben drehen. Und gesagt und geschrieben haben sie das dem Bundespräsidenten. Eine von den 100 ist Eva-Jasmin Freyschmidt, derzeit Biologin an der Harvard Medical School in Boston. Frau Freischmidt, wie lange sind sie schon in den USA?

Eva-Jasmin Freyschmidt: Ich bin seit sieben Jahren in den USA …

Pfister: … und Sie wollen jetzt zurück?

Freyschmidt: Ja, ich möchte gerne zurück. Aber ich sage es mal so, wie es viele hier formulieren: Nicht um jeden Preis!

Pfister: Sie wollen nicht um jeden Preis zurück, sondern Sie wollen nur um den Preis zurück, dass die Bedingungen in Deutschland dann auch besser sind?

Freyschmidt: Ja, und da geht es um ganz, ganz viele Punkte. Und diese Punkte sind auch nicht neu, das muss man auch dazu sagen. Sie finden ganz viele Offene Briefe dazu im Internet, Reformpapiere, die zuvor erstellt wurden, und unseren Brief, der eigentlich ein Reformpapier war, das wir an den Bundespräsidenten Wulff überreicht haben, enthält ganz viele dieser Punkte, die schon seit Jahren von Inlandswissenschaftlern, also auch von Wissenschaftlern in Deutschland angeprangert werden. Aber eben auch von Auslandswissenschaftlern.

Pfister: Sie haben es gerade gesagt, diese Vorschläge sind nicht neu. Es geht zum einen um mehr Geld und feste Stellen, es geht natürlich auch um andere Sachen: Weniger Bürokratie, weniger Hierarchie – wenn das alles nicht neu ist, warum formulieren Sie es jetzt noch mal? Glauben Sie, der Bundespräsident weiß nicht, was da im Argen liegt?

Freyschmidt: Oh, der weiß es sehr wohl! Es ist so ein bisschen wie: Steter Tropfen höhlt den Stein. Wir haben auch festgestellt, diese 100 Wissenschaftler: Wir waren ja gerade im Juni in Berlin und hatten eine ziemlich große Konferenz, die dieses Thema angesprochen hat, und sozusagen als Schlussplädoyer hat einer der Stipendiaten das Wort ergriffen und hat gemeint: Ich verstehe jetzt nicht ganz, wo das Problem liegt. Wir alle wollen das gleiche, die Stipendiaten, die Auslandswissenschaftler, die Inlandswissenschaftler – es waren Vertreter von Politik und Industrie da, bei dieser Konferenz – und irgendwie allen schien es klar, woran es hapert und woran es liegt. Ja, warum …

Pfister: Und warum tut sich dann nichts? Geht es nicht dann letztlich doch immer um Geld, und das ist nicht da?

Freyschmidt: Das Geld ist, wie wir gehört haben, angeblich da. Vielleicht muss es etwas umgeschichtet werden!

Pfister: Und warum geschieht das nicht, was glauben Sie?

Freyschmidt: Das ist eine gute Frage, woran es hängt. Kann sein, dass das an der Politik liegt, kann sein, dass eben vielleicht nicht zu viele oder nicht genügend Stimmen da sind und der Druck noch nicht hoch genug oder stark genug ist.

Pfister: Was sind denn Ihre wichtigsten Forderungen, wenn Sie das für sich persönlich auch noch mal umreißen würden?

Freyschmidt: Eben, dass Perspektiven geschaffen werden müssen. Viele bleiben eben hier, weil sie sehen: Hier funktionieren Dinge besser, hier ist mehr Geld, et cetera, et cetera. Und eine Forderung war eben Perspektiven. Dass, wenn man zurückgeht nach Deutschland, tatsächlich eine Stelle hat als Fakultätsmitglied – sei es als Juniorprofessor –, aber eben mit Aussicht auf eine Festanstellung. Denn es nützt nichts, wenn ich drei bis sechs Jahre Juniorprofessor bin und es dann nicht weitergeht.

Pfister: Diese Stellen, die schaffen – wenn ich Sie kurz unterbrechen darf – diese Stellen, die schaffen nun natürlich die Bundesländer, die für diese Politik zuständig sind. Warum wenden Sie sich dann an den Bundespräsidenten? Der ist doch der falsche Adressat, weil er gar nicht die Möglichkeit hat, irgendwas zu tun!

Freyschmidt: Ja, diese Frage wurde uns auch schon gestellt. Es ging einfach darum, dem Bundespräsidenten darauf aufmerksam zu machen, zu sehen, ob er vielleicht irgendwelche Mittel sieht, praktisch eine weitere, eine breitere Präsenz für diese Thematik zu schaffen.

Pfister: Hat der Bundespräsident Ihnen, was Ihre übrigen Forderungen anbelangt, irgendwelche Hoffnung gemacht?

Freyschmidt: Er hat zumindest sehr aufmerksam zugehört und hat sich sehr viel Zeit genommen, mit den einzelnen Stipendiaten zu sprechen, und ich denke, wir werden einfach sehen, was dabei rauskommt.

Pfister: Wenn Sie erst einmal mehrere Jahre in den USA waren, leckt man sich da die Finger an deutschen biologischen oder medizinischen Instituten nach Ihnen, weil Sie soviel Auslandserfahrung haben, oder haben Sie damit erst recht schlechte Karten, weil die Lehrstühle, an denen sie andocken könnten, in der Zwischenzeit ihren eigenen Nachwuchs rangezüchtet haben?

Freyschmidt: Es ist tatsächlich so, es ist relativ schwer, nach mehreren Jahren, die man hier war, sich hier wissenschaftlich etabliert hat – also hier könnte man weitermachen, hat eine Fakultätsstelle, et cetera, dann in Deutschland zurückzukommen, das ist relativ schwer.

Pfister: Eva-Jasmin Freyschmidt, seit sieben Jahren in Boston. Sie ist vor Jahren als Postdoktorandin nach Harvard gegangen und hat zusammen mit 99 deutschen Forschern in Übersee dem Bundespräsidenten eine Liste überreicht, in der drinsteht, was die deutsche Forschungslandschaft für sie attraktiver machen würde. Danke, Frau Freyschmidt!

Freyschmidt: Bitte!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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