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Nicht zu stillende Leidenschaft

Kann man drei Romane über eine Liebe schreiben, ohne dass es langweilig wird? Man kann! Der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint hat den Beweis erbracht. Nach "Sich lieben" und "Fliehen" hat er seine Trilogie mit dem Roman "Die Wahrheit über Marie" abgeschlossen.

Von Christof Vormweg | 05.11.2010

    Schriftsteller, die beim Pariser Verlag "Les Éditions de Minuit" unter Vertrag stehen, gelten als literarisch besonders versiert. Dennoch haben Minuit-Autoren – von Alain Robbe-Grillet bis hin zu Jean Echenoz – immer wieder die Bestsellerlisten erobert. So auch der 1957 geborene Jean-Philippe Toussaint. Sein Erfolgsrezept ist denkbar einfach: Der Leser soll auch dann seinen Spaß haben, wenn er von den literarischen Spitzfindigkeiten nichts mitbekommt. Und in der Tat: Im Schlussroman seiner Trilogie über die Leidenschaft eines namenlosen Icherzählers für die Modeschöpferin Marie mangelt es weder an Rasanz und Spannung noch an Erotik und Witz. Nach ihrer Trennung vier Monate zuvor haben sich beide neu orientiert. Der Erzähler hat eine Geliebte, die ebenfalls Marie heißt, seine Ex einen reichen Verehrer, der Rennpferde züchtet. Um so verheißungsvoller erscheint da Jean-Philippe Toussaints Romantitel, der endlich "Die Wahrheit über Marie" verspricht.

    "Es gibt in dem Buch einen Satz, in dem ich von der idealen Wahrheit spreche. Das ist natürlich leicht ironisch. Denn von der Logik her ist etwas entweder wahr oder nicht wahr. Daher schreibe ich, die ideale Wahrheit sei ein Zwilling der Lüge und nahe der Erfindung. Die Wahnvorstellung des Erzählers ist, dass er Marie besser kenne als sie sich selbst: Denn Marie handle, ohne sich dessen bewusst zu sein; er aber beobachte sie und könne so eine viel subtilere Wahrheit über Marie herausfinden."

    Mit anderen Worten: Jean-Philippe Toussaints Icherzähler spielt sich ein ums andere Mal als allwissender Erzähler auf. Die gesammelten Indizien über Maries neues Leben reichert er mit früheren Erkenntnissen über sie an und verdichtet das Ganze zu in sich scheinbar stimmigen Fantasiegebilden. Denn er möchte vor allem eines: besser da stehen als sein Nachfolger. Gleich im ersten Romanteil stellt er sich vor, wie die möglicherweise letzte Liebesnacht zwischen Marie und ihrem Pferdezüchter abgelaufen sein könnte. Während er selbst mit seiner neuen Marie im Bett kuschelte, bekam der andere – nur wenige Straßen weiter - einen Herzinfarkt. Zu viel Sex kommt als Grund natürlich nicht infrage. Der Erzähler malt sich vielmehr bis ins kleinste Detail das Versagen des Pferdezüchters in jener schwülheißen Pariser Gewitternacht aus – und natürlich Maries wachsendes Desinteresse an dem Neuen. Warum sonst hat sie nicht nur den Notarzt, sondern auch ihn zur Hilfe gerufen?

    "Zunächst zur Frage der Lücke oder der Auslassung: Das ist etwas ungemein Reiches, etwas Tragendes – so die Lektion des Nouveau Roman. Robbe-Grillet hat darüber theoretisiert. Für ihn war die Lücke ein Energieträger. Und es stimmt: Ein Roman kann viel interessanter sein, wenn gewisse Elemente fehlen. Denn der Leser muss sie rekonstruieren. Es entsteht also eine Dynamik, wenn Dinge fehlen. Wenn hingegen alles gegenwärtig ist, kann man nicht atmen. Das ist wie bei einer Zeichnung mit Milliarden von Details: Sie erstickt den Betrachter. Das wirkt wie eine Fleißarbeit. Vier Striche von Matisse hingegen können viel dynamischer sein, viel poetischer. Diese Lektion muss man auch in der Literatur nutzen. Es muss Luft geben, Leerstellen. Es müssen einige starke Linien vorhanden sein, aber im Inneren muss man auch Platz für den Leser lassen."

    Im Grunde interessieren den Erzähler von Jean-Philippe Toussaints Roman "Die Wahrheit über Marie" nur zwei Dinge: Warum Marie dem Pferdezüchter überhaupt verfallen ist und ob es noch Chancen für ihn selbst gibt. Im Mittelteil kehrt er deshalb zu den Anfängen der Liaison zurück: dem Kennenlernen in Tokio, wo Marie ihre Modeentwürfe ausstellte und der Züchter sein Pferd Zahir zu einem Galopprennen begleitete. Nach einigen wunderbar ironischen Seitenhieben auf Maries Vergesslichkeit, ihren Hang zur Verspätung und ihre Unfähigkeit, Koffer zu verschließen, rückt überraschenderweise das Rennpferd in den Mittelpunkt. Wegen Dopingverdachts soll es möglichst schnell per Flugzeug außer Landes gebracht werden. Und auf dieser Flucht möchte der frisch verliebte Pferdezüchter natürlich von Marie begleitet werden.

    "Ich habe eine nahezu vollständige Gliederung des Buches, bevor ich anfange zu schreiben. Aber ich lasse Freiräume, die Möglichkeit für Umformungen, für Veränderungen. Für diesen Roman zum Beispiel stand das Gerüst praktisch. Aber dann gab es diese Szene auf dem Flughafen von Tokio, als das Rennpferd mitten in der Nacht in ein Transportflugzeug nach Europa verladen werden sollte, es aber entwich. Das war nicht vorgesehen. Und das ist sehr interessant: Denn hier kommt das Wort "entweichen" zur Geltung. Das Pferd ist auch mir entwichen. Und ich habe es entweichen lassen. Das beweist, dass ich die Möglichkeit offen lasse, dass mir Dinge entweichen."

    Nichts läuft nach Schema F bei Jean-Philippe Toussaint. Nichts ist ausrechenbar. Plötzlich kann er sich detailversessen in die Dramatik einer Nebengeschichte verlieren. Auf dem nächtlichen Flughafen von Tokio, mitten im Dauerregen, bekommen wir so eine Kostprobe seines schon oft gelobten filmischen Schreibens. Bild reiht sich an Bild – mal wie in einem Actionthriller, mal wie in einer Slapstickkomödie. Als der gesamte Flughafen lahmgelegt ist, versucht der Pferdezüchter sein Tier zu bändigen – eine Szene, die unweigerlich die Frage in den Raum stellt, ob man hier Vergleiche zur Bändigung einer Frau ziehen kann. Der Erzähler suggeriert das natürlich – frei nach dem Motto: Der Pferdezüchter hat Marie mit unlauteren Mitteln gebändigt.

    "Was die Personen empfinden, was sie erleben, wird letztlich in einem Bild ausgedrückt. So wird die Trennung von Marie und dem Erzähler dadurch versinnbildlicht, dass die Rolltreppe weiter nach oben fährt und Marie an der Seite eines anderen Mannes ist – und dass der Erzähler das sieht. Ich gestalte ein sehr visuelles, ganz und gar nicht fantastisches, sondern alltägliches Bild, das mit den psychologischen Gefühlen der Figuren völlig übereinstimmt. So etwas mache ich sehr oft in meinen Büchern: Bilder aufzuspüren, die die Gefühle illustrieren. Ich beschreibe die Gefühle nicht, erkläre sie nicht, sondern ich zeige sie. Lange, psychologische Beschreibungen sind also nicht nötig. Das Bild, das ich aufspüre, wird alle Aspekte der Szene umfassen."

    Vergnügen bereitet Jean-Philippe Toussaints Roman "Die Wahrheit über Marie" auch, wenn man die beiden ersten Romane der Trilogie nicht kennt: zum einen ganz unmittelbar sprachliches Vergnügen, da der Übersetzer Joachim Unseld gerade die verschachtelten, detailgeladenen Langsätze wunderbar austariert ins Deutsche übertragen hat; zum anderen Vergnügen am subtilen Plot mit all seinen ironischen Spitzen zum ewigen Geschlechterkampf. Der Erzähler jedenfalls weiß immer, dass es nur eine Marie für ihn gibt – ganz egal, mit welcher Marie er gerade schläft. Und beim Warten auf die eine, wahre Marie rücken die Orte immer wieder ins Visier. Doch bildet Jean-Philippe Toussaint nicht einfach existierende Orte ab. So mischt er am Schluss in die Beschreibung der Insel Elba, wo sich der Erzähler nach dem Tod des Pferdezüchters zum Showdown mit Marie trifft, geografische Details seiner zweiten Heimat Korsika.

    "Ich mag es, Elemente zu vermengen, die normalerweise nicht zusammengehören, Elemente zu überlagern, die unterschiedlicher Herkunft sind. Bei den Figuren ist es dasselbe. Um eine weibliche Figur wie die Maries zu kreieren, gibt es Einflüsse verschiedener Frauen. Hinzu kommt die Imagination, das Fantasieren. Für mich sind Figuren interessant, wenn sie komplex sind und sich gleichzeitig von mehreren realen Personen und erfundenen Komponenten herleiten."

    So vermengen sich in Jean-Philippe Toussaints Roman "Die Wahrheit über Marie" immer wieder Reales und Fiktives. So wichtig wie die nicht zu stillende erotische Leidenschaft für Marie erscheint dem Erzähler dabei ihre – so wörtlich - "uralte Komplizenschaft". Vielleicht ist sie ja der beste Kitt der Liebe.
    Jean-Philippe Toussaint: Die Wahrheit über Marie, aus dem Französischen von Joachim Unseld, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2010, 189 S., 19,90 Euro.