Freitag, 25.06.2021
 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteEuropa heute"Nichts ist mehr, wie es war"14.11.2011

"Nichts ist mehr, wie es war"

Reihe "Griechische Tragödie": Eine Beamtin am Rand des Ruins

Maria Liakopoulou ist Finanzbeamtin in Athen und hört jeden Tag die Sorgen der Bürger, die wegen der rigiden Sparmaßnahmen am Rand des Ruins stehen. Dabei geht es Maria genauso, denn gerade die Beamten werden kräftig zur Kasse gebeten.

Von Alkyone Karamanolis

Auch der Rettungsschirm der EU wird die Einkommen nicht erhöhen (picture alliance / dpa - Orestis Panagiotou)
Auch der Rettungsschirm der EU wird die Einkommen nicht erhöhen (picture alliance / dpa - Orestis Panagiotou)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Griechische Tragödie - Szenen einer Staatspleite

Maria Liakopoulou ist eine Frau mit starken Nerven – und die braucht sie auch. Die Athener Finanzbeamtin ist in einer Schuldnerberatung abgestellt. Jeden Tag hört sie die Nöte griechischer Bürger, deren Budgetplan im Zuge der Wirtschaftskrise völlig aus den Fugen geraten ist. Etwa 10.000 Fälle sind derzeit bei den griechischen Gerichten anhängig. Und Maria Liakopoulou schätzt, dass künftig noch viel mehr Menschen ihre Hilfe brauchen werden. Denn die Steuern in Griechenland werden laufend angehoben, während die Löhne sinken.

Es ist kurz vor neun Uhr in der Früh. Maria Liakopoulou ist seit einer halben Stunde im Büro – und ziemlich busy. Vor ihr stapeln sich die Akten, draußen, im unwirtlichen Flur, warten bereits die ersten Antragsteller. Maria Liakopoulou arbeitet in der Schuldnerberatung. Und unter den Menschen, die bei ihr Hilfe suchen, sind längst nicht nur solche, die schlecht gewirtschaftet haben.

Die agile Frau zieht den Fall einer Frührentnerin hervor, Physiklehrerin von Beruf. Nach den Kürzungen der letzten zwei Jahre beträgt ihre Rente nurmehr 590 Euro, ihre monatlichen Ausgaben aber – inklusive eines Bausparkredits, aufgenommen in besseren Zeiten, belaufen sich auf fast das Doppelte. Ein Fall, der repräsentativ sei für die Lage vieler Beamter:

"Wir hatten alle den Wunsch, eine eigene Wohnung zu kaufen, denn wir hatten ja ein garantiertes Einkommen und haben uns sicher gefühlt. All diese Menschen also sind von den neuen politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Land völlig überrascht worden."

Hinter ihrem vollgepackten Schreibtisch verschwindet Maria Liakopoulou fast – was sie nicht daran hindert, sich zu echauffieren. Griechenland habe einen Reformbedarf, ja, aber die Veränderungen im Leben der Menschen seien viel zu schnell gekommen. "Rette mich", höre sie oft von den Antragstellern, sagt die energische Frau. Dabei treffen die Steuererhöhungen und Lohnkürzungen auch sie selbst.

Von ehemals 2000 Euro netto erhält die Beamtin nur noch 1700 Euro. Davon werden 1000 Euro direkt für ihren Bausparkredit einbehalten. Und dann sind vergangenen Monat noch einmal 660 Euro extra für Sondersteuern abgegangen. Auf einem Papier zeichnet Maria Liakopoulou eine Kurve, die steil nach unten abfällt. An deren Ende notiert sie: 40 Euro. So viel ist ihr im September ausbezahlt worden.

"Nichts ist mehr, wie es war. Wir Griechinnen gehen nicht einmal mehr einen Kaffee trinken – was zu unserer Kultur gehörte. Wir kaufen keine Kleidung mehr ein und gehen seltener zum Friseur. Ich persönlich habe mein Auto abgemeldet, jetzt haben wir zu Hause nur noch einen Wagen. Auch im Supermarkt kaufe ich vorsichtiger ein. Wir haben daheim kein Internet mehr, und unsere Handys haben wir auf Prepaid-Karten umgestellt."

Bis einschließlich Dezember werden die Sonderabgaben fällig sein. Doch auch danach wird Maria Liakopoulou nicht aufatmen können. Denn die neue, einheitliche Beamtenbesoldung, die dieser Tage in Kraft tritt, bedeutet für sie, die sie mit 2000 Euro netto bisher gut ein Drittel mehr verdiente als Kollegen in anderen Ministerien, eine Einkommenseinbuße von etwa 1000 Euro im Monat. Und so werden – immer nach Abzug des Kredits – ab Januar monatlich etwa 200 Euro auf ihrem Konto eingehen. Zum Glück gibt es die Rente ihres Mannes, so wird die Familie ihre Wohnung wohl halten können. Dennoch – Maria Liakopoulou ist zutiefst unzufrieden mit der Politik der sozialistischen Pasok-Partei, für die sie noch vor einigen Jahren bei den Parlamentswahlen als Kandidatin angetreten war. Die Regierung hole das Geld nur bei den Kleinen, klagt sie, bei den Angestellten und Rentnern. Zwar trügen durchaus auch die Bürger einen Teil der Schuld für die Lage im Land. Doch die Hauptlast liege bei den Politikern.

"Die wussten doch, was sie für Kredite aufnehmen. Die haben doch jahrzehntelang die Finanzpolitik abgezeichnet. Und diese ganzen Minister, die Schmiergelder in Millionenhöhe eingesteckt haben, all diese nicht aufgeklärten Skandale! Sollen die doch zuerst mal das Geld zurückbringen. Aber die gehen doch immer straffrei aus!"

Maria Liakopoulou blickt über die verstaubte Tastatur ihres Computers und holt tief Luft. Durch die schlecht isolierten Fenster dringt der Verkehrslärm, vor ihrem Büro werden die Wartenden ungeduldig. Auch ihre Geduld ist am Ende. Wenn den Menschen bald das Geld zum Leben fehlen wird, so die kleine, streitbare Frau, dann drohe der Aufstand.

Griechische Tragödie - Szenen einer Staatspleite - Fünfteilige Reihe in "Europa heute"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk