Montag, 16. Mai 2022

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Nickel in künstlichen Hüftgelenken

Immer mehr Menschen erhalten ein Implantat, beispielsweise eine künstliche Hüfte. Diese enthalten Metalle, häufig Nickel. Das kann zu Allergien führen, deshalb forscht man an Materialien, die verträglicher sind als Nickel.

Von Veronika Bräse | 18.08.2009

Künstliche Gelenke werden immer haltbarer: Sie lockern sich kaum noch, sitzen fest wie ein echtes Gelenk und erfüllen bis zu 15 Jahre lang ihre Funktion. Die Kehrseite der Medaille: Je länger Prothesen im Körper bleiben, desto größer wird die Gefahr, dass sie irgendwann Probleme machen, erklärt der Münchner Allergologe Prof. Peter Thomas:

"Deswegen beobachtet man jetzt unter Umständen andere Phänomene, dass sich das Immunsystem mit der Endoprothese auseinandersetzt, dass kleine Mengen Metall, die sie freisetzen, dann eher Allergie hervorrufen."

Problemstoff Nummer Eins: Das Metall Nickel, das in vielen Platten, Schrauben oder Prothesen enthalten ist. 20 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer in Deutschland sind von einer Nickel-Allergie betroffen. Tendenz steigend:

"Es scheint so zu sein, dass bei den jüngeren Menschen, dadurch dass mehr Schmuck nicht nur an der Haut, sondern in der Haut getragen wird, Ohrringe, Piercings, unter Umständen viel mehr Nickelallergie gebahnt wird."

Nickel braucht man in Implantaten dazu, andere Metalle zusammen zu halten. Es wirkt stabilisierend, macht das Material insgesamt härter und widerstandsfähiger:

"Man hat immer wieder Mischungen herausgefunden, die optimal sind, für das, wofür sie nötig sind. Also zum Beispiel bestmögliche Biegebelastung oder Druckbelastung oder Schleifbelastung. Und viele Implantate herstellende Firmen haben über Jahre Rezepturen herausgekriegt und da muss ein kleiner Anteil Nickel wohl immer dabei sein."

Einzelne Nickel-Ionen können sich lösen und durch den Körper wandern. Wer darauf allergisch reagiert, bei dem verheilt die Wunde oder der Knochenbruch manchmal langsamer oder gar nicht. Auch klassische allergische Reaktionen zeigen sich: Ausschläge auf der Haut, Ekzeme, Jucken oder Nässen:

"Noch ist es allerdings so, dass man nicht flächendeckend immer auf solche Patienten aufmerksam wird beziehungsweise bei Beschwerden mit der Endoprothese, also zum Beispiel Rötung, Schwellung, Juckreiz, Schmerzen, dann auch an das Thema Allergie denkt."

Das soll sich ändern. Der Münchner Allergologe hat zusammen mit einem Kollegen aus Baden-Baden ein nationales Register für Verdachtsfälle eingerichtet. Orthopäden aus ganz Deutschland sollen ihnen melden, wenn es Schwierigkeiten mit Implantaten gibt:

"Wir sammeln neben der Dateneingabe ins Register auch Forschungsdaten zu solchen Patienten. Wir sehen, welche Entzündungsmuster sie auf Metallkontakt hin produzieren, um dann kennen zu lernen, ob es eine Untergruppe Metall-allergischer Personen gibt, die auch im Körper reagieren."
Denn längst nicht jeder, der den Schmuck auf der Haut nicht verträgt, hat auch ein Problem mit Nickel im Körper. Die Mediziner möchten herausfinden, welche Umstände dazu führen, dass jemand auch auf Implantate allergisch wird. Dann könnte man gegensteuern:

"Es ist wirklich verblüffend, wie viel da implantiert wird und die Bevölkerung ändert sich ja, es werden mehr ältere Menschen da sein, insofern ist das Thema, wie gut vertrage ich die Prothese, kann man das optimieren, natürlich ein wichtiges."

Mit steigender Lebenserwartung bleiben die Metall-Implantate immer länger im Körper. Irgendwann kann sich dann eine Allergie entwickeln. Deshalb forscht man an Materialien, die verträglicher sind als Nickel. Mit Titan beispielsweise gibt es gute Erfahrungen. Allerdings ist das leichte Metall nicht so widerstandsfähig. Im Knie, wo es hohe Druck- und Drehbelastungen gibt, eignet es sich nicht. Woanders aber schon:

"Titan als Material wird häufig eingesetzt an den Stellen, wo kleinere oder vielleicht nicht so belastete Implantate sinnvoll sind, zum Beispiel bei der Gesichtschirurgie als Zahnimplantat oder aber auch bei kleinen Knochenbrüchen, Sprunggelenk, Hände, Finger."

Momentan geht der Weg dahin, zwar die bewährten, stabilen nickelhaltigen Materialien weiter zu verwenden, diese aber mit Titan zu überziehen, sie also abzudichten. So lässt sich verhindern, dass Nickel-Ionen durch den Körper wandern und Schaden anrichten.