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StartseiteEuropa heuteNiederländische Väter machen von Elternzeit kaum Gebrauch02.01.2013

Niederländische Väter machen von Elternzeit kaum Gebrauch

Blick auf die Familienpolitik im Nachbarland

Auch in den Niederlanden ist die Familienpolitik ein wichtiges Thema, die Niederländer sind hier aber eher konservativ eingestellt. Inzwischen versucht die Regierung, mit einer Elternzeit oder neuen Krippenplätzen die Situation für Eltern zu verbessern.

Von Kerstin Schweighöfer

Die Einstellung zur Familie ist in den Niederlanden eher konservativ. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Die Einstellung zur Familie ist in den Niederlanden eher konservativ. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Geübt hat Erol Ayun seinen sieben Monate alten Sohn gewickelt. Jetzt muss er ihn noch füttern. Dilara, sein drei Jahre altes Töchterchen, sitzt derweil gebannt vor dem Fernseher und sieht sich einen Zeichentrickfilm an.

Donnerstags ist bei der Familie Ayun in Voorschoten bei Den Haag "Papatag”, dann passt der 37-jährige Kfz-Mechaniker auf seine beiden Kinder auf. Freitags sind die Großeltern an der Reihe, montags ist "Mamatag”, und die restlichen beiden Tage gehen die Kinder in die Krippe.

Zwischen Weihnachten und Neujahr musste Erol arbeiten. Auch der Sommerurlaub ist im letzten Jahr mit nur einer Woche sehr knapp ausgefallen. "Ich hatte einfach nicht mehr genug freie Tage”, klagt er:

"Zur Geburt unseres Sohnes im Mai habe ich drei Wochen Urlaub genommen, um bei meiner Freundin zu sein und sie zu unterstützen. Auch bei der Geburt unserer Tochter habe ich das so gemacht.”"

Die skandinavischen Väter und auch die in Großbritannien, Spanien oder Frankreich kann der Niederländer nur beneiden. Denn die haben nach der Geburt eines Kindes Recht auf zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub. In den Niederlanden sind es nur zwei Tage. Dass deutsche Väter unmittelbar nach der Geburt überhaupt keinen gesetzlichen Anspruch auf freie Tage haben, kann Erol kaum glauben. "Die leben ja noch weiter hinterm Mond als wir", findet er.

Das finden auch die Grünen im niederländischen Parlament, die Groen-Links-Partei. Schon seit 2007 versucht sie, Anschluss an den Rest Europas zu finden und aus den zwei Tagen zwei Wochen zu machen.

""Höchste Zeit”", so Abgeordnete Linda Voortman, ""dass wir von der Norm 'Mama sorgt fürs Baby, Papa fürs Geld' Abschied nehmen."

Bislang jedoch sind die Grünen damit immer wieder gescheitert, auch kurz vor Weihnachten noch, bei ihrem letzten Vorstoß, obwohl sie dabei die Christdemokraten an ihrer Seite wussten. Aber den meisten anderen Parteien ist ein längerer Vaterschaftsurlaub einfach zu teuer – allen voran der rechtsliberalen Regierungspartei VVD von Premierminister Mark Rutte: In Zeiten der Krise, so ihr Hauptargument, dürfe man Arbeitnehmer nicht auch noch mit zusätzlichen Kosten belasten. "Unverständlich”, findet Grünen-Abgeordnete Linda Voortman:

"Wir Niederländer halten uns immer für unglaublich modern und progressiv, aber wenn es drauf ankommt, zieht sich der Staat aus der Verantwortung. Und wir sind hoffnungslos altmodisch."

Anders, als ihr Ruf, sind die Niederlande nach wie vor in vielen Belangen eine sehr konservative Gesellschaft. Bis vor Kurzem war es für Frauen ganz normal, nach der Geburt ihres Kindes den Beruf an den Nagel zu hängen. Krippenplätze gab es nicht, wer sein Kind nicht selbst aufzog, galt oft als Rabenmutter.

Folge: In Sachen Berufstätigkeit waren die Niederländerinnen lange Zeit europäisches Schlusslicht. Deshalb wurde die Teilzeit angekurbelt, Arbeitnehmer haben sogar ein Recht darauf. Aber viele Frauen geben sich mit kleinen Teilzeitjobs von zwölf Stunden zufrieden, und Männer machen von ihrem Recht kaum Gebrauch. Auch Erol Ayun hat nach wie vor eine Vollzeitstelle: Er arbeitet vier Tage pro Woche neun Stunden und einmal pro Monat einen Samstagvormittag.

Inzwischen hat die niederländische Regierung erkannt, dass mehr Maßnahmen nötig sind: die Einführung einer Elternzeit etwa und die Schaffung von Krippenplätzen. Doch von der Elternzeit machen ebenfalls vorwiegend Frauen Gebrauch. Und Krippenplätze, davon kann auch die Familie Ayun ein Lied singen, sind teuer:

"Unsere beiden Kinder gehen zweimal zwei Tage pro Woche in die Krippe. Für diese vier Tage zahlen wir brutto 1200 Euro pro Monat. Davon bekommen wir von der Steuer zwar gut die Hälfte zurück. Aber erst müssen wir die 1200 Euro jeden Monat erst einmal selbst hinblättern."

Das Kindergeld hilft niederländischen Familien da auch nicht viel weiter: Die Ayuns erhalten rund 190 Euro pro Kind – vierteljährlich, versteht sich. Deutsche Familien bekommen das pro Monat. Auch in dieser Hinsicht, seufzt Erol, lebten die Niederländer halt noch hinterm Mond. Aber jetzt muss er erst einmal seinen Sohnemann ins Bett bringen.

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