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Niederlande
Freier sollen wieder bestraft werden

Mit bis zu vier Jahren Gefängnis und einer Geldbuße von rund 20.000 Euro sollen Freier in den Niederlanden bestraft werden, wenn sie mit einer Zwangsprostituierten verkehren. So will es ein neuer Gesetzentwurf, der zurzeit in den Niederlanden diskutiert wird - 16 Jahre nachdem die sozialliberale Regierung die Prostitution in dem Land legalisiert hatte.

Von Kerstin Schweighöfer | 18.05.2016

    Eine Prostituierte wartet in Berlin auf ihre Kundschaft.
    Statt Liberalisieren setzen nun auch die Niederländer beim Thema Prostitution auf Verbot. Damit folgen sie einem europäischen Trend. (dpa-Bildfunk / Tim Brakemeier)
    Die Oude Kerk in Amsterdam, die alte Kirche. Sie liegt nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt, auf den Wallen, dem malerischsten und ältesten Teil von Amsterdam. Und dem verruchtesten. Denn die Wallen sind das berühmte Rotlichtviertel – eine Touristenattraktion wie das Rembrandthaus oder die Sonnenblumen von van Gogh.
    Besucher aus aller Welt schieben sich durch die engen Gassen, auch Familien mit Kindern. Trotz der Fenster, hinter denen spärlich gekleidete Prostituierte ihre Körper verkaufen. Die Frauen kommen wie die Touristen aus aller Welt. Viele sprechen kein Nederlands. Sobald sie ein Mikrofon sehen, ziehen sie sich zurück.
    Nach Schätzungen werden mehr als die Hälfte der Prostituierten zum Sex gezwungen
    Ob diese Frau in billiger schwarzer Reizwäsche ihren Körper freiwillig verkauft? Genaue Zahlen gibt es nicht, nur Schätzungen. Ihnen zufolge werden hinter den Fenstern mehr als 50 Prozent der niederländischen Prostituierten von Zuhältern und Menschenhändlern zum Sex gezwungen – bei den Frauen, die weniger sichtbar in Clubs arbeiten oder auf den Strich gehen, dürfte die Ziffer noch höher liegen. Und das trotz der Legalisierung der Prostitution vor 16 Jahren.
    Auf diese Weise wollte die damalige niederländische Regierung aus der Prostitution einen Beruf wie jeden anderen machen – vorausgesetzt, die Frauen sind volljährig, stammen aus der EU und bieten ihre Dienste freiwillig an.
    Doch die Rechnung ging nicht auf. Dafür ist das Geschäft mit dem Sex für Zuhälter und Menschenhändler zu lukrativ. Es spielt sich nach wie vor im Verborgenen ab, mit Minderjährigen, mit Frauen aus Osteuropa und Lateinamerika. Die renommierte Tageszeitung TROUW spricht von "legalisierter Sklaverei".
    Kurswechsel: Verbot statt Liberalisierung
    "Das Gesetz hat nicht zu weniger, sondern im Gegenteil vielleicht sogar zu mehr Opfern geführt", sagt Gert-Jan Segers, Fraktionsvorsitzender der streng calvinistischen Christenunie, die 5 der 150 Sitze im niederländischen Abgeordnetenhaus innehat. Die kleine Partei hat für eine radikale Wende gesorgt. Statt Liberalisieren setzen nun auch die Niederländer auf Verbot. Damit folgen sie einem europäischen Trend.
    Soweit wie Schweden, wo sich jeder Kunde einer Prostituierten mit seinem Besuch strafbar macht, wollen die Niederländer zwar nicht gehen. Aber Freier, die - Zitat - ein "ernstes Vermuten" haben, dass die Prostituierte, die sie besuchen, unter Zwang arbeitet, und dies nicht melden, machen sich in Zukunft strafbar. Ihnen droht eine Haftstrafe von bis zu vier Jahren oder eine Geldbuße von maximal 20.250 Euro.
    So sieht es ein Gesetzesentwurf vor, für den die Christenunie eine Mehrheit der Abgeordneten hinter sich weiß, auch die niederländischen Grünen. Vize-Fraktionsvorsitzende Liesbeth van Tongeren:
    "Wer beim Besuch einer Prostituierten in einer Kellerbox landet, wo er auf ein viel zu junges Mädchen trifft, das kein Nederlands spricht und mit blauen Flecken übersät ist, der kann doch schwerlich davon ausgehen, dass es sich freiwillig prostituiert."
    Hoffen auf präventiven Effekt des Gesetzes
    Natürlich sei es schwer, ein "ernstes Vermuten" nachzuweisen. Aber das Gesetz könne einen präventiven Effekt haben und dafür sorgen, dass Freier verdächtige Orte wie Kellerboxen oder Garagen in Zukunft meiden. Die Linksliberalen und die rechtsliberale VVD-Partei von Premierminister Mark Rutte sind gegen das neue Gesetz. Sie bezweifeln, dass es dazu beiträgt, den Menschenhandel zu bekämpfen.
    "Außerdem, so Abgeordneter Foort van Oosten, würde das Gesetz auch die Kundschaft jener Männer und Frauen abschrecken, die auf ganz legale und freiwillige Art und Weise damit ihren Lebensunterhalt verdienen."
    Die Befürworter hingegen halten es mit Rachel Moran, einer Irin aus Dublin, die mit 15 im Bordell landete, sich mit 22 befreien konnte und Journalismus studierte. Im letzten Sommer veröffentlichte sie einen eindringlichen Artikel in der New York Times: Bei den Frauen, die sich freiwillig prostituierten, gehe es nur um eine Handvoll privilegierter weißer westlicher Frauen:
    "Ihr Recht, Sex zu verkaufen", so Rachel Moran, "darf in diesem weltweiten Geschäft, das sich auf Frauen richtet, die aufgrund von Rasse und gesellschaftlicher Klasse ohnehin schon marginalisiert werden, doch nicht über mein Recht gehen, nicht verkauft zu werden."