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NiederlandeGülen-Bewegung wird bedroht

Die Türken bilden die größte Zuwanderergruppe in den Niederlanden, allein in Rotterdam leben rund 50.000 Türkischstämmige. Nach dem Putschversuch in der Türkei werden dort - wie auch in Deutschland - Anhänger der Gülen-Bewegung bedroht. In Haarlem hat es inzwischen den ersten tätlichen Übergriff auf einen Erdogan-Kritiker gegeben.

Von Susanne Bode | 21.07.2016

Rotterdam, Beurstraverse
Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei gingen in den Niederlanden viele Türken auf die Straße. In Rotterdam gab es dabei Zusammenstöße. (imago / UIG)
An einer türkischen Moschee in Haarlem haben mehrere AKP-Anhänger einen Landsmann überfallen, geschlagen und misshandelt. Er hatte sich kritisch über Präsident Erdogan geäußert. Das Opfer wurde dabei am Kopf verletzt. Die Polizei hat einen Verdächtigen festgenommen.
In sozialen Netzwerken werden 24 türkische Einrichtungen in den Niederlanden aufgeführt, die angeblich gegen Erdogan agieren. Darunter Grundschulen, Rechtsanwälte, Journalisten und Geschäftsleute. Per E-Mail, Facebook und auch am Telefon werden sie nach ihrer Gesinnung gefragt, wie dieser Besitzer eines türkischen Lebensmittelladens:
"Und dann wurde gefragt, wer wir sind, wie wir denken und wenn wir Anhänger der Gülen-Bewegung sind, dann kommen sie nicht mehr bei uns, um ihre Lebensmittel kaufen."
Ministerpräsident Rutte reagiert verärgert über Erdogan
Es wird im Internet zum Boykott der genannten Geschäfte aufgerufen. Und per Click sollen Informationen über Landsleute in die Türkei geschickt werden:
"Wir haben eine Nummer bekommen, wo wir uns melden sollen."
Nicht nur das: Ein türkischer Geschäftsinhaber in den Niederlanden wird sogar mit dem Tod bedroht. Er will anonym bleiben:
"Wir mussten sagen, wofür wir sind, und dann: Ihr werdet alle gleich enden, und in Großbuschstaben: Es ist zu Ende mit euch! Euer Tod. Ihr seid Terroristen, Israelis, ihr seid Juden, ihr seid von der PKK."
Bereits im April meldeten Medien, dass Erdogan seine Landsleute in den Niederlanden aufgefordert hatte, Beleidigungen gegen ihn zu melden. Daraufhin reagierte Ministerpräsident Rutte verärgert und forderte das türkische Konsulat zur Aufklärung auf. Die Diplomaten beschwichtigten und erklärten dies mit der "unglücklichen Wortwahl" eines Mitarbeiters.
Rotterdams Bürgermeister mahnt die Türken in seiner Stadt
Gleich nach dem missglückten Putsch in der Türkei Ende der Woche waren in Rotterdam, der zweitgrößten Stadt der Niederlande, zahlreiche Türken auf die Straße gegangen, um ihre Solidarität mit Präsident Erdogan zu demonstrieren. Aber auch das andere Lager ging auf die Straße, Anhänger von Erdogans Erzrivalen Gülen. Ein Kulturzentrum der Gülen-Anhänger wurde danach verwüstet. Spannungen zwischen den beiden Gruppen drohen in Wut umzuschlagen. Dies dürfe in den Niederlanden nicht zu Unruhen führen, sagt Alper Alasag, Sprecher einer Pro-Gülen-Plattform in den Niederlanden:
"Ich denke, dass der Bürgermeister und die Polizei das ernst nehmen müssen, sie müssen miteinander reden, dass wir nicht die Probleme aus der Türkei in die Niederlande bringen. Die Ruhe, die wir hier haben, darf nicht gestört werden."
Rotterdams Bürgermeister Abourtaleb ist marokkanischer Herkunft. Er mahnt die Türken in seiner Stadt, Ruhe zu bewahren und bedachtsam zu handeln. Einschüchterungen will er auf keinen Fall tolerieren und hart gegen solche Übergriffe vorgehen:
"Ich habe keine Angst vor Konfrontationen, ich will nur nicht, dass die Menschen hintereinander her schnüffeln, wenn verschiedene Gruppierungen aufeinander losgehen, dann müssen wir hart durchgreifen. Nach Rotterdam importieren wir die Konflikte der Welt nicht!"
Abourtaleb hatte nach den Demonstrationen verschiedene muslimische Gruppierungen zum Gespräch ins Rathaus eingeladen. Er sprach vor allem mit solchen, die von Bedrohungen und Einschüchterungen betroffen waren. Zwei Organisationen der türkischen Gemeinschaft in Rotterdam waren nicht gekommen. Der Bürgermeister sagt aber nicht, welche. Ende der Woche will er sie noch einmal einladen. Ob er alle türkischen Gruppierungen an seinen Tisch bekommt, das steht noch nicht fest. Jedenfalls hat auch der niederländische Vize-Premierminister Asscher die türkisch-niederländische Gemeinschaft im Land aufgerufen, kühlen Kopf zu bewahren.