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StartseiteSonntagsspaziergangGeheimnisse des Waldes22.03.2015

Niedersächsischer ForstGeheimnisse des Waldes

Deutschland gehört zu den Ländern in Europa mit der größten Waldfläche. Beim Spaziergang durch die Natur lassen sich viele spannende Phänomene beobachten. Wer mit einem Förster unterwegs ist, erfährt auch ein paar Geheimnisse.

Von Claudia Kalusky

(picture alliance / Klaus Rose)
In den Wäldern gibt es viel Spannendes über die Natur zu entdecken. (picture alliance / Klaus Rose)

"Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht.
Man liest es nur im Blatt.
Man zählt die Tage und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt."

Henning Küper ist kein Stadtmensch. Seit 30 Jahren arbeitet der Endfünfziger als Förster beim Forstamt Rotenburg Wümme, das zu den niedersächsischen Landesforsten gehört. Dazu zählt ein Ausbildungsbetrieb für Forstwirtschaft; sieben Azubis lernen hier derzeit den Umgang mit Motorsägen, das Freischneiden und werden unter anderem in den Themen Forst- und Pflanzenschutz geschult. Nachwuchsmangel gibt es nicht, auch wenn der Beruf des Forstwirtes nicht ungefährlich ist.

"Ich bin jeden Tag froh, wenn alle, die im Wald tätig gewesen sind, ohne irgendwelche Unfälle und irgendwelche Probleme nach Hause kommen, da atme ich jeden Tag durch. Man erlebt schon böse Sachen."

Das romantisch verklärte Bild vom grün gekleideten Försters-Mann mit Rauschebart, der mit Flinte und Dackel stundenlang durch die Wälder streift, stimmt nur bedingt. Henning Küper ist mit seiner Lederhose, der abgewetzten Wetterjacke und dem schlohweißen längeren Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden ist, zwar ebenso eine imposante Erscheinung - und zwei Dackel hat er auch - doch romantisch ist sein Job eher nicht, obwohl er ihn mit großem Engagement auszuüben scheint.

"Man muss robust sein, aber man muss vor allem motiviert sein. Natürlich wollen wir Holz ernten, nachhaltig ernten, aber auch alle anderen Funktionen, ich sach mal, der Bodenschutz als wichtigste Funktion muss beachtet werden. Der Boden ist ja das wichtigste Naturgut, was wir als Wald bewirtschaftende Menschen haben; auf dem fußt der Wald. Dieses Ökosystem muss insgesamt erkannt werden, nur so kann man die Waldpflege optimal leisten. Meine Hauptaufgabe ist also die Regelung des Betriebes: zu organisieren, zu entscheiden, wer, wann, wo was macht. Ich muss entscheiden, welches Holz eingeschlagen wird, wie es verkauft wird, wie die Holzabfuhr geregelt wird, ich entscheide, wenn Pflegemaßnahmen zu regeln sind."

Unterwegs mit dem Förster

Bis zu 100 Kilometer täglich fährt Küper mit seinem in die Jahre gekommenen Combi durch Teile eines 2000 Hektar großen Gebietes. Und fast immer trifft er dabei auf andere Menschen. So wie jetzt, als uns ein Polizeiauto entgegenkommt, mitten auf dem einsamen Wege, mitten im Wald.

"Guten Tach, ich bin der Förster. - Irgendein Problem? - Hier sollte irgendwo einer rumlaufen, aber ich find hier keinen. - Ich sach Bescheid, wenn was ist. - Das kommt natürlich vor, dass sich Menschen in diesen Wäldern mal verirren."

"Sie erwachten erst in der finsteren Nacht und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: Wart nur Gretel bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe. Sie zeigen uns den Weg nach Hause. Als der Mond aufging, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr."

Erst mal tief durchatmen! Waldesluft tut nicht nur dem Spaziergänger gut.

"Der Klimaschutz ist absolut wichtig und ist eine Grundlage der Forstwirtschaft, weil der Wald das schädliche CO2 binden kann, als Kohlenstoff. Wenn wir viel Wachstum im Walde haben, viel Holz erzeugen, leisten wir einen erheblichen Beitrag zur Minimierung des schädlichen CO2. Ich habe festgestellt, in den 20, 30 Jahren, die nun hinter uns liegen, dass sich die Vitalität des Waldes erhöht hat. Wir haben diese schlimme Phase der Säureeinträge hinter uns. Was ein bisschen Sorgen machen könnte, wäre ein Klimawandel, der die Baumartenzusammensetzung, wie wir sie jetzt hier bei uns finden, evtl. nicht mehr möglich macht."

Ebenfalls Sorge macht die Einstellung mancher Waldbesucher zur Natur.

"Das is ja schön, wenn die Bevölkerung den Wald mitnutzt. Sie sehen viel und helfen viel und was sie viel machen, diese wirklich freundlichen Waldbesucher; die nehmen den Müll der anderen mit. - Wird viel hinterlassen? - Ja, leider."

Je nach Standort dominiert im deutschen Wald das Nadelholz, wie Kiefer oder Fichte. Auch Buchenwälder kommen häufig vor, gefolgt von Eichen und Birken. Henning Küper, der in seinem Beruf sämtliche Pflanzen des Waldes kennen muss, hegt eine echte Beziehung zu seinen Bäumen:

"Ich kenne viele wirklich sehr, sehr gut über viele Jahre und freue mich an ihrer Entwicklung. So manches Mal, wenn ich auszeichne und der Baum kommt weg, dann sag ich: Komm, wir passen nicht mehr zusammen. Also ich werde in meinem forstlichen Leben am Ende mehr Bäume gepflanzt haben lassen und gepflanzt haben, als ich dann eingeschlagen habe. Mit Holz sollte man immer achtsam umgehen. Es ist sehr, sehr wertvoll."

Historische Spuren zwischen den Bäumen

Und es schafft zahlreiche Arbeitsplätze. Auf unserer Entdeckungstour durch den Wald, treffen wir auf eine Gruppe Männer, die Kiefernstammholz in einen Container verlädt.

"Die Kiefern werden gleich beim Einschlag in Containerlänge eingeschnitten und werden dann zu den Seehäfen gebracht. Dieses Mal geht es nach Bremerhaven, das Holz, in den Containerterminal und wird dann auf Schiffe verladen. Ich nehme an, dass es nach Korea geht. Die Masse des Holzes bleibt natürlich bei uns hier in Deutschland, aber es gehen natürlich auch Produkte in die Türkei zum Beispiel oder nach Indien; wir exportieren Holz nach Amerika."

Der Wald ist pflegeintensiv; manchmal wird er aber auch seinem Schicksal überlassen. Dann ist es ein sogenannter Naturwald, eingebunden in ein Schutzkonzept der niedersächsischen Landesforsten.

"Es ist die höchste Kategorie des Schutzes, weil hier wird gar nix mehr gemacht. Was aber schön und wichtig ist, dass dieser Prozess wissenschaftlich begleitet wird."

Mitten durch solch einen Naturwald führt ein Weg mit altem Kopfsteinpflaster. Er soll erhalten bleiben; er hat historische Bedeutung, denn seine Steine stammen vom Vorplatz des Bremer Doms.Die gelangten bei Aufräumarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg in den Rotenburger Wald. Mit etwas Geduld kann man Kreuze oder andere runenähnliche Zeichen auf den Steinen entdecken.Es knackt und knarzt und obwohl im Schutze eines profunden Waldkenners befindlich, fühlt es sich ein bisschen unheimlich an, dass alles hier, mitten im Wald.Kann das sein?

"Ja, weil es hier viele Geschichten gibt, Sagen. In dem anderen Forst, der nebenan liegt, gibt es einen ganz mystischen Ort, wo es eine ganz alte und schöne Sage gibt."

"Diese Geschichte soll euch an dieser Stelle nicht weiter erzählt werden, da sie zu sehr an euren Nerven zehren würde. Aber hört die ersten Verse, von einem Matthias Claudius erdacht: Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget, der weiße Nebel wunderbar."

"Für mich schweigt der nicht! Für mich erzählt der. Die Dynamik, die in dieser Waldentwicklung liegt, das ist für mich wie Klang. Man hört häufig den Wind, man hört die Vögel, diese Veränderungen über den Jahreswechsel, dieses bunte Leben."

Von den Jägern und ihrer Arbeit

Zur Jagdsaison wird die Stille, die keine ist, von manchem Knall zerrissen.Wild soll als Teil des Ökosystems erhalten bleiben, aber es darf auch nicht dazu führen, dass es Forstschäden gibt, meint der Förster, der auch Jäger ist.

"Also zu den Tieren haben Sie kein so besonderes Verhältnis? - Ja doch, doch, doch, ja, ja, nein, wirklich! - Ich kenne viele Hirsche und kann sie wieder erkennen, dokumentiere ihre Entwicklung, das ist mit viel Freude verbunden; ich kenne viele Tiere. - Wir hatten hier die dicke Emma, eine ganz, ganz starke Bache, die hier immer gefrischt hat."

Die dicke Emma kennen diese Kids vermutlich nicht, doch dafür:

"Eichhörnchen, Rehe, Hirsche, Hasen, Kaninchen, Fasäne."

Sie müssen es wissen, denn es sind Waldkindergartenkinder aus Rotenburg an der Wümme, die sich fünf Stunden täglich in der Natur tummeln; bei Wind und Wetter, zumeist im Wald. Mädchen oder Junge, ganz egal; Dreck ist hier völlig normal und der wird sich auch freiwillig ins Gesicht geschmiert, einfach so, weil ´s Spaß macht.

"Wir spielen manchmal unterschiedliche Spiele und wir buddeln. Die Fantasie wird geweckt und die Kinder werden sich immer dran erinnern, an diesen Lebensraum Wald, an diese Besonderheiten, die sie hier erlebt haben und die werden diesen Wald auch schützen wollen."

Knut Sierk ist Förster und Waldpädagoge im Waldpädagogikzentrum Lüneburger Heide.

"Wenn wir aus Hamburg Gruppen kriegen, merkt man schon diese Naturentfremdung sehr deutlich, aber selbst Kinder die in einem kleinen Dorf aufwachsen, sind manchmal schon erschreckend weit weg von Natur und da ist es unsere Aufgabe, die an den Wald, an die Natur ran zu bringen."

"Der Wald birgt Geheimnisse. Wenn man genauer hinguckt, hat man jeden Tag kleine Veränderungen. Wir müssen einfach lernen, hinzugucken. Ich denke auch, dass der Wald auf die Seele des Menschen eine sehr beruhigende und ausgleichende Wirkung hat."

"Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.

Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um.

Die Wälder schweigen, doch sie sind nicht stumm.

Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden."

Erich Kästner

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