Interview
Niedrige Geburtenrate: Soziologe warnt vor dauerhaften Folgen für Gesellschaft und Sozialsysteme

Die Zahl der Geburten in Deutschland sinkt weiter – und damit auch die Geburtenrate pro Frau. Laut dem Berliner Soziologen Martin Bujard ist der Rückgang um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr allein nicht dramatisch. Problematisch sei vielmehr, dass die Rate seit Jahren bei etwa 1,3 Kindern pro Frau liege.

    Ein neugeborenes Baby, das in einer kleinen Krankenhaus-Krippe liegt, hält den Finger eines Erwachsenen.
    Besonders jene, die noch keine Kinder haben, schieben ihren Kinderwunsch lieber auf, erklärt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Eltern, die bereits ein oder mehr Kinder haben, seien mutiger. (imago / YAY Images)
    Bujard warnte im Deutschlandfunk vor tiefgreifenden Folgen für die Gesellschaft. Wenn die Geburtenrate über mehrere Jahre so niedrig bleibe, werde die aktuelle Kindergeneration um rund ein Drittel kleiner sein als die Elterngeneration.
    Der Wohlstand des Landes und die Stabilität der Sozialsysteme könnten damit weiter unter Druck geraten. Fehle ein ganzes Drittel eines Jahrgangs an Beitragszahlern, werde dieses Modell zunehmend belastet – was sich heute schon in Debatten über Rentenkürzungen, höhere Beiträge und schwaches Wachstum zeige.

    Bujard: Babyboomer haben derzeit größte politische Macht

    Die Jahrgänge der Babyboomer hätten an der Wahlurne derzeit die größte politische Macht, betonte Bujard. Ihre Interessen – etwa bei Rente und Pflege – gingen daher tendenziell stärker in die Politik ein.
    Die niedrige Geburtenrate erklärt Bujard mit mehreren Ursachen. Seit etwa einem halben Jahrhundert sei sie vor allem dadurch bedingt, dass Frauen besser ausgebildet seien und eine eigene berufliche Karriere anstrebten. Gleichzeitig sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland noch immer schwierig. Viele Frauen blieben damit im "Entweder-Oder" zwischen Kindern und Karriere gefangen, so der Experte.

    Deutschland durch politische Maßnahmen im europäischen Mittelfeld

    Familienpolitische Maßnahmen wie Kindergeld, Elterngeld, Elternzeit und Kita-Ausbau hätten in den 2010er-Jahren dafür gesorgt, dass die Geburtenrate von rund 1,3 auf etwa 1,5 bis 1,6 Kinder pro Frau gestiegen sei. Deutschland liege damit nicht mehr im unteren europäischen Schlussfeld, sondern im Mittelfeld, sagt Bujard. Dennoch bleibe
    der Wert deutlich unter dem Niveau von rund 2,1 Kindern, die nötig wären.
    Seit 2022 beobachtet Bujard einen deutlichen Rückgang, der auch in anderen Ländern wie den USA und in Ostasien zu sehen sei. Als Ursachen sieht er mehrere Krisen – wirtschaftliche Unsicherheit, Pandemie-Folgen, Kriege und Klimawandel –, die junge Menschen verunsicherten. Auch in Ländern mit guter Familienpolitik sei die Geburtenrate eingebrochen, während sie in Ländern mit sehr traditionellen Familienmodellen wie Spanien oder Italien teils dramatisch niedrig liege.

    Bujard: Trendwende sei möglich

    Auffällig sei, dass junge Menschen in Umfragen und Studien durchschnittlich etwa zwei Kinder als "ideale Kinderzahl" angeben. Der Wunsch nach Kindern sei also vorhanden, aber verschoben. Die Entscheidung müsse innerhalb eines begrenzten Zeitfensters getroffen werden, weil etwa für Frauen die biologischen Möglichkeiten nach 40 stark abnähmen. Gleichzeitig stünden junge Paare unter Druck, Karriere, Wohnraum und finanzielle Sicherheit stabil zu haben, bevor sie Familien gründen.
    Bujard sieht mehrere zentrale Punkte, in denen die Politik seiner Ansicht nach ansetzen sollte. Vor allem müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter verbessert werden, etwa durch verlässliche Kinderbetreuung, bessere Arbeitszeiten und eine kindgerechtere Wohnugspolitik. Arbeitgeber müssten sich stärker an die Bedürfnisse von Eltern anpassen – nicht nur von Müttern, auch von Vätern.
    Entscheidend sei, dass der Kinderwunsch erhalten bleibe. Solange Menschen sich Kinder wünschten, sei eine Trendwende möglich – auch wenn niemand genau sagen könne, ob die Geburtenrate im nächsten Jahr weiter sinken oder wieder steigen werde.
    Diese Nachricht wurde am 29.04.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.