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Nigeria
Dating-Agentur für HIV-Positive

Aids ist in Nigeria ein Tabuthema - und die Angst, die Infektion gegenüber einem möglichen neuen Partner zu erwähnen, groß. Emmanuel Ugochukwu Michael will das ändern: Er bringt in seiner Dating-Agentur HIV-positive Menschen zusammen. Damit werde die Krankheit nur multipliziert, kritisieren die Kirchen.

Von Katrin Gänsler | 25.10.2016

Eine mit dem HIV-Virus infizierte Frau nimmt am Freitag (11.05.2007) in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Gulu in Uganda ihre Medizin ein.
Nur wer in ärztlicher Behandlung ist und regelmäßig Medikamente nimmt findet den Weg in Emmanuel Ugochukwu Michaels Kartei (picture-alliance/ dpa - Frank May)
Das Handy von Emmanuel Ugochukwu Michael hört nicht auf zu klingeln. Jedes Mal nimmt der 45-Jährige das Gespräch an. Er fragt den Anrufer, wie es ihm geht, was er macht und ob er heiraten möchte. Manchmal sind es mehr als 100 Anrufe pro Tag. Das ist kein Wunder, denn Michaels Telefonnummer ist überall in der nigerianischen Hauptstadt Abuja zu sehen. "HIV-positiv und auf der Suche nach einem Ehemann oder einer Ehefrau?", heißt es auf den großen Graffiti, die er auf Mauern, Zäune und Steine sprüht. Es ist die günstigste Möglichkeit, um Werbung für seine 2012 gegründete Partneragentur für HIV-positive Menschen zu machen. Entstanden ist die Idee eher zufällig, erinnert sich der 45-Jährige:
"Ab und zu habe ich solche Menschen getroffen. Ich bin Christ, Katholik. Außerdem habe ich einer Gruppe angehört, die Besuche in Krankenhäusern organisiert hat. Dort habe ich HIV-positive Menschen gesehen. Als ich ihnen in das Gesicht geblickt habe, dachte ich manchmal: Da ist kein Leben mehr. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich helfen? Selbst in unserer Gruppe wollten einige diese Patienten nicht besuchen."
Der Druck zu heiraten ist groß
Offiziell sind gut 3,5 Millionen Nigerianer positiv. Tatsächlich betroffen sein dürften aber doppelt bis dreimal so viele Menschen. Trotzdem sind HIV und Aids bis heute Tabu-Themen. Wer infiziert ist, verschweigt die Krankheit meist. Dann auch noch den Mann oder die Frau fürs Leben zu finden, das klingt für viele Betroffene unmöglich. Emmanuel Ugochukwu Michael, der vorher als Elektriker gearbeitet hat, entschied deshalb: Er will positiv getestete Menschen, die auf Partnersuche sind, zusammen bringen. Außer dem Wunsch zu heiraten, ist schließlich auch der Druck der Gesellschaft groß. Emmanuel Ugochukwu Michael:
"Für eine Frau ist es wichtiger zu heiraten. Das hängt mit unserer Kultur zusammen. Ein Mann kann sich mit 50 Jahren dazu entscheiden. Aber wenn eine Frau 30 oder 35 ist, dann beginnen schon bald die Wechseljahre, und sie bekommt Angst. Und der Druck der Familie wächst."
Aids-Schleife
Aids-Schleife (dpa/picture-alliance/Oliver Berg)
Das hat auch die 35-jährige Gloria erlebt. In Wirklichkeit heißt sie anders, aber ihren echten Namen möchte sie nicht verraten. Heiratsvermittler Michael kennt sie schon seit knapp drei Jahren. Wenn sie Zeit hat, dann besucht sie ihn in seinem winzigen Büro in Abuja.
"Die ganze Familie hat gesagt, ich soll heiraten. Aber das wollte ich nicht. Dann hat mir meine Mutter die Nummer von Mr. Emmanuel gegeben und mich überredet, ihn anzurufen. Nach dem Telefonat bin ich zu ihm gegangen. Er hat mich beraten, wir haben gebetet, und er hat mich wirklich ermutigt."
Wo sich Gloria, die schon vor einigen Jahren positiv getestet wurde, angesteckt hat, weiß sie nicht. Eventuell passierte es beim Frisör oder im Krankenhaus, wo sie als Krankenschwester arbeitet. Trotz Sicherheitsvorkehrungen kommt sie regelmäßig mit benutzten Spritzen in Kontakt. Gesprochen wird über die Ansteckungsgefahr aber häufig nicht. Gloria erinnert sich an den Tag, an dem sie das Ergebnis bekam:
"Nachdem der Test positiv war, hat mich meine Mutter abgeholt und umarmt. Sie hat gesagt: Solange ich lebe, wirst auch Du nicht sterben. Dann hat sie gesagt, dass das unser Geheimnis bleibt. Bis heute teile ich mein Geheimnis nur mit meiner Mutter, meinem Mann und Gott."
Die Vermittlung kostet umgerechnet 5,50 Euro
Nur ein paar Wochen nach dem ersten Besuch bei Emmanuel Ugochukwu Michael hat dieser tatsächlich einen möglichen Partner für die Frau mit dem runden, freundlichen Gesicht gefunden. Ein Jahr später hat sie John, wie sie ihn nennt, geheiratet.
Die Suche verläuft kaum anders als bei herkömmlichen Dating-Agenturen auch. Jeder Interessent füllt einen Steckbrief über sich und seine Wünsche aus. Die Vermittlung kostet 2000 Naira – umgerechnet etwa 5,50 Euro. Es ist mehr eine Spende als eine Gebühr. Derzeit hat der Heiratsvermittler rund 7000 Namen in seinem System. In Schwierigkeiten ist er deshalb noch nie gekommen, obwohl er weder ein Unternehmen noch einen gemeinnützigen Verein betreibt.
"Nein, das habe ich nie erlebt. Nur religiöse Fanatiker, vor allem Mitglieder der Erweckungsbewegung. Sie rufen mich an und fragen, ob ich HIV fördern will. Das will ich natürlich nicht. Aber Infizierte sind doch auch Menschen, um die sich jemand kümmern muss."
Menschen haben mit Lichter die Aids-Solidaritätsschleife gebildet
Seit 1988 wird an jedem 1. Dezember der Weltaidstag begangen (picture alliance/dpa/Narendra Shrestha)
Ab und zu gibt es zwar Unterstützung in Form von Krankenbesuchen und Beratung. Doch einige Kirchen verwehren HIV-positiven Menschen sogar die Heirat. Möglich ist das, weil häufig ein HIV-Test Bedingung für die Eheschließung ist. Wird dieser nicht vorgelegt oder fällt er positiv aus, dann gibt es auch keine Hochzeit. Ohnehin sehen einige Kirchen die Erkrankung als Folge "schwerer Sünden" an, weshalb sich die Unterstützung für Betroffene in Grenzen hält. Die etwas andere Dating-Agentur weckt deshalb Zweifel. In Abuja ist auch Priester Ralph Madu skeptisch. Er ist Generalsekretär des katholischen Sekretariats von Nigeria:
"Wenn man HIV-positive Menschen zusammen bringt und das auch noch unterstützt, ohne einen wirklichen Plan zu haben und das Ergebnis zu kontrollieren, dann multipliziert man die Krankheit doch nur."
Nur Klienten, die in ärztlicher Behandlung sind
Emmanuel Ugochukwu Michael ist deshalb eins wichtig: Er nimmt nur Klienten in seine Kartei auf, die in ärztlicher Behandlung sind und regelmäßig Medikamente nehmen. Für die 35-jährige Gloria ist das selbstverständlich. Sie wollte schließlich nicht nur heiraten, sondern auch Kinder haben. Wenige Monate nach der Hochzeit wurde sie schwanger. Nach der Geburt von David dauerte es noch einmal sechs Monate, um tatsächlich Gewissheit zu haben, ob sich der kleine Junge trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht infiziert hat.
"Wir sind ins Krankenhaus gegangen. Der Test hat gezeigt: Unser Baby ist negativ. Ich kann es jetzt ein gutes Jahr stillen."
Als sie darüber spricht, steigen ihr Tränen in die Augen. Sie schweigt für einen Moment und schaukelt den schlafenden David vorsichtig hin und her.