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Nikahang Kosar (Iran)

Es war das Krokodil, das Nikahang Kosar in Schwierigkeiten stürzte: Eine schluchzende Echse, tränenüberströmt, und wehklagend, ob der grausamen Dinge, die ihr angetan worden waren. "Warum hilft mir nur keiner gegen diesen gedungenen Schreiberling ..." ruft die Echse aus, während sie gleichzeitig das kleine Männlein - noch immer die Zeichenfeder in der Hand - mit dem Schwanz erwürgt.

Susanne El Khafif |
    Seitdem Nikahang Kosar - Anfang dreißig, Leiter einer privaten Designer-Agentur - diese Karikatur in der Zeitung "Asad" veröffentlichte, hat sich sein Leben dramatisch verändert. Er muss sich vor dem berüchtigten Pressegericht in Teheran verantworten.

    Die Karikatur - so heißt es - beleidige den konservativen Ayatullah Yazdi. Er sei es, der mit dem Krokodil gemeint gewesen sei, Mesbah Yazdi, ein erklärter Gegner von allzu viel Pressefreiheit. Sich jedoch in der Islamischen Republik Iran mit der konservativen Geistlichkeit anzulegen, kommt einem schwerwiegenden Verbrechen gleich, das eine Strafe nach sich zieht, dessen Maß nicht fest-gelegt ist.

    Die iranische Journalistin Parvin Ardalan: Das alles ist einfach nicht legal. Wenn Sie wollen, können Sie uns Journalisten verhaften, und dann lassen sie uns verurteilen von Leuten, die gar keine Ahnung vom Journalismus haben. Sie entscheiden einfach, wie sie wollen. Wir Journalisten sind dagegen.

    Nikahang Kosar ist nur einer von vielen Journalisten, die im Zuge der Parlamentswahlen, die die Reformer so deutlich für sich entscheiden konnten, in Schwierigkeiten geriet.

    Parvin Ardalan: Die Präsidentschafts-Wahlen und die Parlamentswahlen haben sich sehr unterschieden. Bei der Wahl Khatamis gab es nur eine Zeitung, "Salam". Sie forderte die Wähler dazu auf, für Khatami zu stimmen. Nach den Wahlen wurde sie verboten. Bei den Parlamentswahlen in diesem Jahr hatten die Reformer mehrere Zeitungen. Die Zeitungen übernahmen die Rolle politischer Parteien.

    Unter Mohammed Khatami - vor knapp drei Jahren zum Präsidenten gewählt - hatte sich der Zeitungsmarkt deutlich liberalisiert. Während Radio und Fernsehen nach wie vor in konservativen Händen sind, konnten sich in den neu zugelassenen Zeitungen kritische Stimmen immer mehr Gehör verschaffen. Sie sorgten für eine gesellschaftliche Transparenz, die es zuvor nicht gegeben hatte. Und, in Ermangelung politischer Parteien, entwickelten sich die Printmedien immer mehr zu dem Forum, das Reformer und Konservative zur politischen Auseinandersetzung nutzten.

    Und das unterscheidet die Islamische Republik Iran von anderen Ländern, in denen eine Doktrin oder ein Mann an der Spitze die Meinung vorgibt. Bestes Beispiel: Zwei kritische Journalisten wurden verhaftet, dann wieder freigekauft, mittels einer Kaution. Das Geld stammte aus einem Fond des Kulturministeriums.

    Kein Wunder also, dass die Attacke gegenüber Journalisten vor allem einem anderen Mann gilt. Dem relativ reformorientierten Minister für Kultur und religiöse Führung - Ataollah Mohadscherani - einem engen Vertrauten von Staatspräsident Khatami. Und das wurde auch im Falle des Karikaturisten Nikahang Kosar wieder einmal deutlich ...

    In der Heiligen Stadt Ghom schlug das schluchzende Krokodil wie eine Bombe ein. Der Affront gegenüber der konservativen Geistlichkeit war zu viel gewesen, aufgebrachte Studenten versammelten sich in der Hauptmoschee, skandierten für eine Einschränkung der Pressefreiheit und für eine Absetzung von Kulturminister Mohadscherani. Die Behörden von Ghom ließen die Vorlesungen ausfallen, die Studenten sollten frei haben für den Protest.

    Von den 35.000 Studenten aber sollen - so schreiben es zumindest die Zeitungen - nur 1.000 demonstrieren gegangen sein.