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StartseiteKultur heuteNixe will Mensch werden21.02.2011

Nixe will Mensch werden

Antonin Dvoraks "Rusalka" an der Komischen Oper Berlin

Barrie Kosky und Generalmusikdirektor Patrick Lange deuten die ungeheuer sinnliche Oper "Rusalka" von Antonin Dvoraks. Kosky liefert in dieser Inszenierung krasse Bilder und Patrick Lange sucht den sehnsüchtig-warm-dunklen Dvorak-Ton.

Von Mascha Drost

Rusalka von Antonin Dvorak an der  Komischen Oper Berlin (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Rusalka von Antonin Dvorak an der Komischen Oper Berlin (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Schon die ersten Takte künden es an – diese Geschichte kann nicht gut ausgehen. Die Geschichte einer Wasserfrau, die es aus Liebe in die Menschenwelt zieht, eine Welt, die ihr so kalt und unmenschlich entgegenkommt, wie sie ebendieser Welt erscheint. Symbolismus, Spätromantik, Märchen, Erlösungsfantasien – Rusalka ist eine ungeheuer sinnliche Oper, aus archaisch-vertrauter Geschichte und schwelgerisch-anrührender Musik. Eine Oper, die Bilder allein schon beim Hören heraufbeschwört.

Projektionsfläche dafür ist ein Bühnenbild, wie es reduzierter kaum sein kann: Lediglich eine kleinere Version des Proszeniums, des Bühnenportals – quasi eine Vorbühne auf der Bühne. Ein kleiner fast klaustrophobischer Raum mit nur einer Tür, die allerdings weniger Rückzugsraum als Schreckenspforte ist. Durch sie treten erst Zauberwesen wie drei manisch-alberne Elfen und der resignierte Wassermann – und dann als Erstes Menschenwesen: Ein Idiot, ein Debiler, spastisch torkelt er durch den Raum, das Gesicht eine verzerrte Grimasse. Es ist der von Barrie Kosky erdachte und ins Spiel gebrachte Sohn der Jezibaba, der Hexe, der sich Rusalka anvertraut – eine unheimliche, alptraumhafte Figur, die Rusalka vor den Menschen hätte warnen können. Aber sie legt sich trotzdem auf den von Jezibaba herbeigeholten OP-Tisch und unterzieht sich unter grässlichen Schreien einer Prozedur, bei der zuerst ihr Fischskelett und dann ihre Stimme verschwindet. Wie eine Trophäe hält die Hexe die großen, weißen Gräten in die Luft, und flößt Rusalka über einen Trichter rotes, dickes Katzenblut ein – im Publikum vereinzeltes Stöhnen an dieser Stelle, zumal Jezibaba bis dahin eine sehr lebendige schwarze Katze in den Armen gehalten hatte.

Aber auch der Prinz hat an der Komischen Oper Blut an den Händen, sogar noch bevor er Rusalka überhaupt berührt, noch ehe er sie in ein weiß-unschuldiges Kleid gesteckt und auf sein Schloss geholt hat. Dort geht der Alptraum, der auf dem OP-Tisch der Hexe begann, weiter: Rusalka sieht nun unter dem Tisch, was in der Menschenwelt mit ihresgleichen geschieht: Sie werden getötet, ausgenommen, bei lebendigem Leibe in kochendes Wasser geschmissen – Fische, Wasserwesen wie sie.

Das sind zwar nur die kulinarischen Vorbereitungen für ihre Hochzeit, doch etwas anderes passiert auch Rusalka nicht: Der Prinz wirft sie in das heiße Bad der menschlichen Leidenschaft, doch als sie diese Leidenschaft nicht erwidern kann, wird sie verlassen. Im Märchen findet sich Rusalka als Irrlicht im Zwischenreich zwischen Menschen- und Wasserwelt wieder – bei Barry Kosky wird dieses Reich zu Rusalkas Alptraum: Alle Opern-Figuren versammeln sich in Trauerkleidung um Rusalka, zwei mit Totenschädeln, andere mit Masken. Und dazwischen kriechen Zwitterwesen umher: Oben Totenkopf, unten Fischskelett.

Kosky liefert in dieser Inszenierung krasse Bilder, keine Interpretationen - Stimmungen, keine Lösungen. Ihm gelingen Momente von fast schon surrealer Schönheit, das Geschehen bleibt – wie Märchen eben sind - ebenso poetisch wie rätselhaft. Dabei stand ihm ein schauspielerisch außergewöhnlich ausdrucksvolles Ensemble zur Verfügung: Ina Kringelborns Rusalka war weniger lyrisch denn kraftvoll, Timothy Richards ein jugendlich-warmer Prinz, Dimitry Ivashenko gab einen zu Recht bejubelten Wassermann und Agnes Zwierko eine dunkel-unheimliche Jezibaba. Und zu ihrem neuen Generalmusikdirekter kann man der Komischen Oper ohnehin nur gratulieren – Patrick Lange sucht den sehnsüchtig-warm-dunklen Dvorak-Ton, findet ihn im satten Streicherklang und besonders bei den homogen-zart-spielenden Holzbläsern, denen stellenweise entrückend schöne Passagen gelingen.

Die temperamentvoll-folkloristischen Szenen werden dagegen mit echt slawisch-rhythmischem Schmiss angegangen. Großer Jubel für Orchester und Ensemble – und das kokett verständnislos-beleidigte Gesicht, das Kosky einzelnen Buhs entgegenhielt – das war auch berechtigt.

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